Am Sonntag hat die AfD in Sachsen-Anhalt mit 43,8 Prozent das höchste Ergebnis erreicht, das eine einzelne Partei in diesem Bundesland seit der Wiedervereinigung erzielt hat. Die CDU stürzte auf 17,2 Prozent ab, ein historisches Tief. Die Wahlbeteiligung lag bei 77,8 Prozent – Rekordwert. Das heißt: Es waren nicht wenige Unzufriedene, die diesmal zu Hause blieben. Es waren mehr Menschen als je zuvor, und ein größerer Teil von ihnen hat sich für die AfD entschieden.
Ich arbeite seit 2012 in der Sozialberatung mit Menschen aus Rumänien und Moldawien. Ich lebe in Lohbrügge, einem Stadtteil in dem fast jeder zweite Mensch eine Migrationsgeschichte hat. Und ich höre seit Jahren dieselbe Erzählung, die jetzt in Sachsen-Anhalt eine historische Mehrheit gefunden hat: Migration sei das Problem. Die Migranten nähmen uns die Arbeitsplätze weg, belasteten die Sozialsysteme, passten nicht hierher.
Diese Erzählung ist falsch. Nicht als Meinung falsch – als Tatsache falsch. Und gerade nach einem Wahlergebnis wie diesem lohnt es sich, das noch einmal in Ruhe durchzugehen.
Die Fakten, die niemand hören will der die Erzählung braucht
Deutschland altert. Die Babyboomer gehen in Rente, und es kommen nicht genug junge Menschen nach. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat berechnet: Bereits seit 2023 wird der Aufbau der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung ausschließlich durch ausländische Staatsangehörige getragen. Ohne Migration würde die Wachstumsrate des Wirtschaftspotenzials rasch auf null sinken.
Im vierten Quartal 2024 waren in Deutschland 1,4 Millionen Stellen unbesetzt. Die Bundesagentur für Arbeit zählt 163 Engpassberufe. Am deutlichsten fehlen Menschen im Gesundheits- und Sozialwesen – in der Pflege, in der Erziehung, in genau den Bereichen die unsere Gesellschaft zusammenhalten.
Wer pflegt die alternden Babyboomer? Wer arbeitet in den Kitas, in den Krankenhäusern, auf den Baustellen? Die Antwort ist längst Realität: zu einem erheblichen Teil Menschen mit Migrationsgeschichte. Ohne sie würde dieses Land schlicht nicht funktionieren – auch nicht in Sachsen-Anhalt.
Neuallermöhe – der Beweis vor unserer Haustür
Man muss dafür nicht in Statistiken schauen. Man kann einfach nach Neuallermöhe fahren.
In Neuallermöhe haben 66 Prozent der Menschen eine Migrationsgeschichte – bei den Kindern und Jugendlichen sind es über 80 Prozent. Viele Familien kamen in den 1990er Jahren aus Polen, Russland und Kasachstan. Der Stadtteil wurde von Anfang an als Ort für Neuankommende gebaut und gedacht.
Und was ist Neuallermöhe heute? Ein funktionierender, lebendiger Stadtteil. Mit Schulen, Vereinen, Einkaufszentren, S-Bahn-Anschluss, Fleeten und Grünflächen. Kein Paradies – es gibt Armut, es gibt Probleme, wie überall wo Menschen mit wenig Geld leben. Aber die Erzählung vom „gescheiterten Migrantenviertel“ trifft auf Neuallermöhe schlicht nicht zu. Wer das behauptet, war nie dort.
Steuern zahlen ja, wählen nein
Und jetzt kommt der Teil der mich wirklich wütend macht.
Viele der Menschen die ich berate leben seit Jahren in Deutschland. Sie arbeiten hier, zahlen Einkommensteuer, Mehrwertsteuer, Sozialabgaben. Ihre Kinder gehen hier zur Schule. Sie sind Teil dieser Gesellschaft in jeder Hinsicht – außer einer: Sie dürfen nicht wählen.
EU-Bürgerinnen und EU-Bürger dürfen immerhin auf Bezirksebene mitbestimmen. Menschen aus Drittstaaten dürfen gar nichts – egal ob sie seit drei Jahren oder seit dreißig Jahren hier leben. In Hamburg betrifft das Hunderttausende. Menschen die den Sozialstaat mitfinanzieren, über dessen Ausgestaltung sie nicht mitentscheiden dürfen.
„No taxation without representation“ – keine Besteuerung ohne politische Vertretung. Mit diesem Grundsatz haben die Amerikaner 1776 ihre Revolution begründet. 250 Jahre später verletzen wir ihn täglich, millionenfach, und finden es normal.
Was ein Ergebnis wie Sachsen-Anhalt eigentlich zeigt
Die Rechnung der Rechten ist simpel: Nimm Menschen denen es schlecht geht – niedrige Löhne, hohe Mieten, überlastete Ämter, marode Schulen, eine wirtschaftlich abgehängte Region – und gib ihnen einen Schuldigen der noch weniger hat als sie. Den Geflüchteten. Die rumänische Familie. Den Kollegen mit ausländischem Namen.
Das funktioniert, weil die Wut real ist. Sachsen-Anhalt gehört zu den Bundesländern mit den größten strukturellen Problemen seit der Wiedervereinigung – Abwanderung, fehlende Perspektiven, eine Verwaltung die vielerorts an ihre Grenzen kommt. Diese Probleme sind real. Aber ihre Ursache sitzt nicht in der Sozialwohnung nebenan.
Die ärmste Hälfte der Bevölkerung in Deutschland besitzt 3,4 Prozent des Gesamtvermögens. Die reichsten zehn Prozent besitzen rund die Hälfte. Während über Bürgergeld für Geflüchtete gestritten wird, werden Milliardenvermögen praktisch steuerfrei vererbt. Während Kommunen bei Schwimmbädern und Jugendzentren kürzen, wird eine Vermögenssteuer die 99 Prozent der Menschen nicht beträfe als unzumutbar abgelehnt.
Das ist der Trick: Die da oben lassen die da unten gegeneinander kämpfen – Alteingesessene gegen Zugewanderte, Arbeiter gegen Arbeitslose, Deutsche gegen Ausländer, Ost gegen West. Solange wir nach unten treten, schaut niemand nach oben.
Nicht nach unten treten. Nach oben schauen. Das Problem ist nicht der Mensch der weniger hat als du. Das Problem ist ein System, in dem zehn Billionen Euro privates Geldvermögen existieren, während ganze Regionen wie Sachsen-Anhalt sich abgehängt fühlen und Menschen in meiner Beratung nicht wissen wie sie die Stromrechnung bezahlen sollen.
Was das für Bergedorf bedeutet
In der Bergedorfer Bezirksversammlung sitzt die AfD mit sieben von 45 Sitzen. Isoliert zwar – keine andere Fraktion arbeitet mit ihr zusammen – aber präsent, laut, und mit einer Erzählung die nach dem gestrigen Ergebnis in Sachsen-Anhalt zusätzlichen Rückenwind bekommen wird.
Widersprechen heißt nicht nur dagegenhalten wenn Hetze geäußert wird. Widersprechen heißt vor allem: die echten Probleme lösen, aus denen die Wut entsteht. Bezahlbarer Wohnraum. Funktionierende Schulen. Eine Jugendarbeit die nicht jedes Jahr ums Überleben kämpft. Löhne von denen man leben kann.
Und es heißt: die Geschichte richtig erzählen. Neuallermöhe ist kein Problemfall. Neuallermöhe ist ein Erfolg. Die Menschen in meiner Beratung sind keine Belastung. Sie sind Nachbarn, Kollegen, Steuerzahler, Eltern.
Migration ist nicht das Problem. Die Verteilungsfrage ist das Problem. Und wer das eine gegen das andere ausspielt, arbeitet – gewollt oder ungewollt – für die, die von der aktuellen Verteilung profitieren. Sachsen-Anhalt zeigt, wohin es führt, wenn diese Erzählung über Jahre nicht ernsthaft genug widerlegt wird.
Quellen:
- Wikipedia, Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2026
- DIW Berlin, Mehr Migration könnte Potenzialwachstum deutlich erhöhen (2025)
- Bundesagentur für Arbeit, Arbeits- und Fachkräftemangel trotz Arbeitslosigkeit
- Statistikamt Nord, Bevölkerung mit Migrationshintergrund Hamburger Stadtteile
- Hans-Böckler-Stiftung, Vermögensverteilung in Deutschland