Community Organizing in Deutschland – die drei Wellen

Teil 3 einer sechsteiligen Serie. Diesen Text habe ich erstmals 2011 veröffentlicht. Die Originalfassung mit vollständigem Quellenapparat steht weiterhin hier: Die Entwicklung in Deutschland und ihre Folgen für Community Organizing – Original von 2011.


Schon lange liebäugelten Menschen in Deutschland mit einer Umsetzung von Community Organizing – und immer wieder wurde die Idee verworfen. Es gab drei Wellen, in denen das Thema neu aufflammte: in den 1960ern eher theoretisch, in den 1970ern in einzelnen Taktiken der Gemeinwesenarbeit, und seit den 1990ern mit der Gründung des Forums für Community Organizing (FOCO) und dem Deutschen Institut für Community Organizing (DICO) – aus dieser dritten Welle entstand auch Impuls-Mitte, die Bürgerplattform die ich 2007 in Hamm und Horn miterlebt habe.

Warum es lange nicht funktionierte

Die Gründe waren vielfältig. Deutschlands soziale Sicherung funktionierte – und funktioniert bis heute in weiten Teilen – deutlich besser als in den USA. Es gab ein Netz aus Arbeitslosenhilfe, Sozialhilfe und anderen Förderungen, das den Menschen Halt gab. Wo der Staat in den USA fehlte, war er in Deutschland präsent, gerade dort, wo die größte Armut herrschte.

Auch die Polizeipräsenz, die geringere ethnische Segregation, die starke Verbändedemokratie mit Gewerkschaften und Kirchenverbänden, und nicht zuletzt die Omnipräsenz der Parteien in fast jedem gesellschaftlichen Kreis – all das machte den Aufbau einer wirklich unabhängigen Bürgerplattform schwierig.

Hinzu kam etwas Tieferes: Nach den Erfahrungen mit Nationalsozialismus und Kommunismus hatten viele Menschen in Deutschland eine grundsätzliche Angst vor den Begriffen „Macht“ und „Führer“ – Worte, die im amerikanischen Original unbefangen als „Power“ und „Leader“ verwendet werden.

Die Kirchen – ein anderer Stellenwert

Einer der wichtigsten Verbündeten des Organizing sind in den USA die Kirchen. In Deutschland gelten die beiden großen Volkskirchen aber eher als Teil des Staates, mit eigenen Gesetzen und Kirchensteuer. Während ihre Popularität in Deutschland seit Jahrzehnten sinkt, kann man sie nicht so leicht wie in den USA als größte Repräsentanten eines Gemeinwesens behandeln.

Was sich in den letzten Jahren tatsächlich verändert hat

2011 schrieb ich, dass wachsende Armut, eine größere Kluft zwischen Arm und Reich, sinkende Löhne, steigende Mieten und eine wachsende Politikverdrossenheit den Nährboden für Community Organizing bilden könnten. Seit damals hat sich genau das verschärft, nicht abgeschwächt: Mietsteigerungen in Hamburg und anderen Großstädten, eine immer wieder diskutierte Erosion des Sozialstaats, Kürzungen wie ich sie selbst bei der Offenen Kinder- und Jugendarbeit oder beim BG Klinikum Boberg beschrieben habe.

Gleichzeitig zeigt sich auch eine andere Entwicklung, die ich 2011 nicht vorhersehen konnte: Eine erstarkte AfD, die in vielen Bezirksversammlungen – auch in Bergedorf – mandatsstark, aber politisch isoliert ist. Das erschwert klare Mehrheiten zusätzlich und macht organisierte zivilgesellschaftliche Gegenmacht eher wichtiger als überflüssiger.

Soziale Arbeit als Teil des Problems

Ein Punkt aus dem Originaltext bleibt für mich bis heute zentral: In den USA wird Soziale Arbeit von Organizern kritisiert, weil sie individualisiere – sie tue für Menschen etwas, nicht mit ihnen. Diese Kritik trifft auch auf Deutschland zu. Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sind oft abhängig von öffentlicher Finanzierung und können sich dadurch kaum gegen staatliche Institutionen positionieren. Sie sehen sich eher als Dienstleister, die Bedürfnisse decken sollen, nicht als Konfliktgeber, die Bedürfnisse wecken.

Das ist exakt die Spannung, die ich später in meiner eigenen Kündigung beim Jugendamt 2012 beschrieben habe – lange bevor ich diesen Zusammenhang bewusst hergestellt hatte.

Was bleibt

Community Organizing ist in Deutschland kein Ersatz des Sozialstaates. Es ist, wie ich 2011 schrieb, eher die letzte Instanz, die ihn einfordern kann. Genau das versuche ich heute zu leben – nicht nur als theoretisches Konzept, sondern in der Betriebsratsarbeit, bei Haustürgesprächen, beim Aufbau von Druck dort, wo der Staat sich zurückzieht.

Im nächsten Teil geht es um eine Kritik, die mich schon 2009 beschäftigt hat und die heute aktueller ist als je zuvor: Kann Community Organizing zum Werkzeug einer neoliberalen Politik werden, die den Staat kleinhält statt ihn in die Pflicht zu nehmen?

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