Was ist Community Organizing? Eine Einführung

Teil 1 einer sechsteiligen Serie. Diesen Text habe ich erstmals 2008 als Studienarbeit veröffentlicht, während meines Studiums Soziale Arbeit am Rauhen Haus. Die Originalfassung mit vollständigem Quellenapparat steht weiterhin hier: Idee des Community Organizing – Original von 2008.


Bevor ich anfing Soziale Arbeit zu studieren, arbeitete ich im Rahmen meines Zivildienstes in Rumänien mit Kindern und Jugendlichen in einem stark heruntergekommenen Stadtteil von Bukarest – Ferentari, wie ich in einem anderen Beitrag genauer beschrieben habe.

Die Menschen dort waren auf sich allein gestellt und gehörten zum größten Teil der ethnischen Minderheit der Roma an. Viele Kinder lebten mit ihren Eltern in besetzten, verfallenen Häuserblocks. Strom zapften sie sich von den Strommasten ab – ein kleiner, ständiger Kampf gegen den Stromkonzern, der die Kabel immer wieder durchschnitt.

Hier wurde mir bewusst: Diese Menschen waren durchaus fähig, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Was ihnen fehlte, war zusätzliches gemeinschaftliches Denken und Handeln – etwas, das ihnen mehr Möglichkeiten geboten hätte, gemeinsam gegen diskriminierende und verarmende Strukturen anzugehen.

Während meines Studiums lernte ich die Geschichte des Hull House von Jane Addams kennen und merkte: Hier wurde meine Idee bereits verwirklicht. Später begegnete ich Saul Alinskys Konzept des Community Organizing. Ich war entschlossen, beides zu kombinieren.

Was Community Organizing ist

Eine wirklich knappe Definition gibt es kaum, weil Organizing keine Methode oder Wissenschaft ist, sondern eine theoriegeleitete Praxis, die sich den jeweiligen Gegebenheiten anpasst. Trotzdem lässt sich der Kern fassen:

Community Organizing ist die Organisation und Selbstorganisation von Menschen in einem Gemeinwesen – das nicht zwingend räumlich gedacht werden muss, sondern auf sozialräumlichen Beziehungen basiert. Ziel ist es, die Machtverhältnisse von monetärer Macht zugunsten von Mehrheitsmacht zu verändern. Dabei soll ein dauerhafter Zusammenschluss von Menschen entstehen, der gemeinsam Veränderung im Gemeinwesen erkämpft. Community Organizing entsteht über Beziehungen, nicht über vorgefertigte Themen. Der Prozess wird häufig von einem bezahlten Organizer begleitet.

Die Form, um die es mir geht: Broad-Based-Organizing

Es gibt verschiedene Formen – individuenbasiertes, glaubensbasiertes, vermögensbasiertes Organizing. Mich interessiert vor allem das Broad-Based-Organizing: der Aufbau einer Gemeinschaft durch viele verschiedene, im Stadtteil verankerte Institutionen, die zusammen versuchen den gesamten Stadtteil abzubilden. Genau diese Form habe ich später bei der Gründung von Impuls-Mitte in Hamm und Horn miterlebt.

Drei Phasen

Alinsky beschreibt drei Phasen, die – immer angepasst an die jeweilige Situation – durchlaufen werden:

In der Gesprächsphase werden Hunderte Einzelgespräche geführt, um herauszufinden wie das Gemeinwesen funktioniert und wo die sogenannten Schlüsselpersonen sind – Menschen mit vielen Beziehungen im Stadtteil, nicht zwingend die mit dem größten öffentlichen Ansehen.

In der Schulungsphase werden diese Schlüsselpersonen befähigt, ihre Führungsaufgabe auch öffentlich wahrzunehmen.

In der Umsetzungsphase begleitet der Organizer die Schlüsselpersonen bei der Ausarbeitung eines gemeinsamen Programms und tritt selbst zunehmend in den Hintergrund.

Warum es um Beziehungen geht, nicht um Beratung

Die geführten Gespräche ähneln in der Haltung der klientenzentrierten Gesprächsführung – Wertschätzung, Echtheit, einfühlendes Verstehen. Aber es sind keine Beratungsgespräche. Es geht darum, Vertrauen und Verlässlichkeit herzustellen. Václav Havel hat es so formuliert: Wirkliche Demokratie beginnt nicht mit Wahlen, sondern mit Gesprächen.

Diese Gespräche sind auch keine freundschaftlichen. Leo Penta nennt sie „persönlich-öffentliche Beziehungen“ – man lernt die andere Person kennen und respektiert sie, ohne dass eine private Bindung entsteht. Es geht darum herauszufinden, was das Gegenüber wirklich bewegt – unabhängig davon, ob man dieses Interesse selbst teilt. Jedes Eigeninteresse kann durch gemeinsames Handeln zu Solidarität werden.

Macht ist kein schmutziges Wort

Die meisten Menschen denken bei Macht zuerst an Machtmissbrauch. Hannah Arendt sieht das anders: Macht ist die menschliche Fähigkeit, sich mit anderen zusammenzuschließen und im Einvernehmen mit ihnen zu handeln. Über Macht verfügt niemals ein Einzelner – sie existiert nur solange eine Gruppe zusammenhält.

Genau das ist der Kern von Community Organizing: nicht Macht durch Kooperation mit den Mächtigen, sondern Macht durch organisierten Zusammenschluss derer, die sonst übersehen werden.

Was davon geblieben ist

2008 war das für mich Theorie, kurz bevor ich es in der Praxis bei Impuls-Mitte erleben durfte. Heute, fast 20 Jahre später, sehe ich dieselben Prinzipien in völlig unterschiedlichen Kontexten wieder: bei STOP, dem Organizing-Ansatz gegen Partnergewalt, bei dem ich 2013 eine Fortbildung absolviert habe. Bei den Haustürgesprächen gegen die Hamburger Olympiabewerbung, die ich in Lohbrügge geführt habe. In der Betriebsratsarbeit, die im Kern auch nichts anderes ist als organisierte Solidarität.

In den nächsten Teilen dieser Serie geht es um Alinskys Biografie und die US-Wurzeln, um die deutsche Entwicklung, um die Kritik dass Organizing neoliberal instrumentalisiert werden könnte – und schließlich um die ganz konkrete Anwendung in meinem eigenen Leben, von STOP bis zu den Haustüren in Bergedorf.

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