Fast 20 Jahre ist das jetzt her. Bevor es Umweltausschuss, Betriebsrat oder Die Linke gab, gab es diese eine Geschichte – und sie gehört zu den Wurzeln von allem was ich heute tue.
6. November 2007, Hamburg-Horn
Im Dunkeln stehen zwei Jugendliche im Regen und lotsen ankommende Menschen zur Aula der Gesamtschule Horn. Horn war damals, und ist teilweise heute noch, ein Stadtteil ohne Gesicht – kaum Einkaufsmöglichkeiten, kaum Restaurants, eine reine Schlafstätte. Der Ausländeranteil lag über dem Hamburger Durchschnitt, ebenso die Arbeitslosenquote. Der Nachbarstadtteil Hamm zeigte ein ähnliches Bild.
An diesem Abend füllte sich die Aula trotzdem. 150 bis 200 Menschen kamen zur Gründung der Bürgerplattform Impuls-Mitte. Eine Bürgerplattform ist ein Zusammenschluss unterschiedlicher Organisationen zu einem gemeinsamen Netzwerk – bei Impuls-Mitte waren es rund 15 Organisationen, von der katholischen Kirchengemeinde Herz Jesu über einen Fußballverein bis zu Jugendarbeit-Initiativen.
Vertreter jeder Organisation kamen mit einem kleinen Pappmännchen ans Mikrofon, sagten wen sie vertraten, und die Männchen bildeten am Ende eine Menschenkette auf der Bühne. Unterschiedliche Menschen, unterschiedliche Motive, ein gemeinsamer Standpunkt.
Das Gespräch das alles veränderte
Acht Monate vorher, März 2006. Ich sitze in einem Café in St. Georg, zu früh wie immer wenn ich unter Spannung stehe. Ich bin zu einem Gespräch mit dem Organizer der entstehenden Bürgerplattform eingeladen – er hatte das Konzept in einem Seminar an meiner Hochschule vorgestellt, ich hatte Interesse gezeigt.
Ich erwarte ein Bewerbungsgespräch. Ich habe mir Formulierungen zurechtgelegt – über mein Praktikum in Horn, über die Veränderungen die dort nötig wären.
Es kommt anders. Wir reden über meine Lebensgeschichte. Er hat meine Homepage gelesen, fragt nach meinen afrikanischen Wurzeln, was Multikulturalität für mich bedeutet, warum ich nach Rumänien gegangen bin, warum ich Soziale Arbeit studiere, woran mein Herz hängt. Über Community Organizing als Methode verlieren wir kaum ein Wort. Am Ende die einzige konkrete Frage: ob ich Interesse hätte, ein Bürgertreffen zu besuchen, und ob ich weitere Menschen in Hamm und Horn kenne, die mitmachen wollen.
Ich verstehe erst später was da eigentlich passiert ist. Community Organizing beginnt nicht mit einer Methode. Es beginnt mit echtem Interesse an einem Menschen.
Was daraus wurde
Aus diesem Gespräch wurde meine Beteiligung an der entstehenden Plattform, aus der Plattform wurde die Gründungsveranstaltung im November 2007, aus der Gründung wurden Jahre konkreter Arbeit in Hamm und Horn – Bürgertreffen, gesammelte Anliegen, Arbeitsgruppen zu Verkehr, Parkplätzen und Jugendangeboten.
Fast 20 Jahre später sitze ich selbst im Umweltausschuss Bergedorf, bin Betriebsratsvorsitzender, führe Haustürgespräche zur Mietenkampagne in Lohbrügge. Andere Räume, andere Themen – aber wenn ich ehrlich bin, ist die Grundfrage von damals bis heute dieselbe geblieben: Wie bringt man Menschen dazu, sich zusammenzuschließen, wenn ihnen niemand vorgaukelt, es gäbe eine einfache Lösung?
Mein Name Adigwe heißt „Gemeinsam sind wir stark“. Ich kannte diese Bedeutung schon mit 14, lange vor Hamm und Horn. Aber erst durch das Gespräch im Café in St. Georg wurde aus der Übersetzung eine gelebte Methode.