2012 habe ich beim Jugendamt gekündigt – was ist daraus geworden?

Im Oktober 2012 habe ich einen Text auf diesem Blog veröffentlicht, der heute noch online ist: Meine Kündigung beim Jugendamt Hamburg. Ich war drei Jahre im ASD-M tätig, hatte mit Familien in Wohnunterkünften und unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen zu tun, und kündigte mit deutlichen Worten. Kritik an der BASFI, an einer Eingruppierung die nichts mit meiner tatsächlichen Erfahrung zu tun hatte, an einer Umstrukturierung die meine eingebrachten Ideen ignorierte, und besonders an einer neuen Software namens JUS-IT, die ich als Multiplikator selbst mit eingeführt hatte und die ich als Werkzeug beschrieb, mit dem „sozialpädagogisches Handeln in Zukunft kaum möglich sein wird, sondern nur noch Steuern und statisches Auswerten.“

13 Jahre später: War das die richtige Entscheidung?

Ja. Eindeutig.

Ich bin immer noch bei demselben freien Träger tätig, zu dem ich damals gewechselt bin. Das allein sagt schon etwas.

Was nicht ganz so gekommen ist wie gedacht

2012 wollte ich vor allem mehr Gemeinwesenarbeit machen. Im Sonnenland wollte ich versuchen, Menschen gemeinsam zu aktivieren – ähnlich wie ich es Jahre vorher bei Impuls-Mitte in Hamm und Horn gelernt hatte. Das ist nicht in dem Umfang passiert, wie ich es mir damals vorgestellt hatte.

Stattdessen mache ich heute überwiegend zwei Dinge: Betriebsratsarbeit, und Beratung mit überwiegend rumänischen Klientinnen und Klienten in Billstedt. Beides ist wichtige, sinnvolle Arbeit. Aber es ist nicht exakt die Gemeinwesenarbeit von der ich 2012 träumte.

Das ist keine Klage. Lebensläufe verlaufen selten genau so wie man sie sich mit 28 ausgemalt hat. Aber es ist ehrlich, das offen zu sagen, statt im Nachhinein eine glatte Erfolgsgeschichte zu konstruieren.

Und JUS-IT?

Ich habe keinen direkten Einblick mehr in das System – ich arbeite seit 2012 nicht mehr beim ASD. Aber mein Eindruck, ohne dass ich das belegen kann: Es hat sich wenig verbessert. Die strukturelle Kritik von damals – mehr Steuerung, mehr Dokumentation, weniger Raum für tatsächliches sozialpädagogisches Handeln – das ist ein Muster das ich seitdem in vielen Bereichen wiedererkenne. Bei den Kürzungen in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit. Beim BG Klinikum Boberg. Bei der Demo gegen Sozialabbau am Speersort.

Was diese Geschichte mit heute verbindet

Die Frustration von 2012 – über Technokratisierung, über fehlende Fallzahlbegrenzung, über eine Behörde die gute Ideen aus der Praxis ignoriert – ist nicht verschwunden. Sie hat sich nur verschoben. Heute trage ich sie in die Betriebsratsarbeit, in die Gewerkschaft, in die politische Arbeit im Umweltausschuss Bergedorf. Derselbe Grundimpuls, andere Bühne.

Mein damaliger Appell richtete sich an die BASFI und an Herrn Schrappers Studie zur Fallzahlbegrenzung. Ob das je eins zu eins umgesetzt wurde, weiß ich nicht. Was ich weiß: Wer 2012 in der sozialen Arbeit kündigte aus genau diesen Gründen, würde 2026 vermutlich aus sehr ähnlichen Gründen wieder kündigen müssen, wenn er heute neu anfinge.

Manchmal ist die ehrlichste Bilanz nach 13 Jahren nicht „alles hat sich zum Guten gewendet“, sondern: Die Entscheidung für mich persönlich war richtig. Das System das ich verlassen habe, hat sich vermutlich kaum verändert.

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