Im ersten Teil ging es um die Gründung der Bürgerplattform Impuls-Mitte in Hamburg-Horn 2007 und um das Gespräch das den Anfang markierte. Hier geht es um das Machtspiel-Training das dazwischen lag – und um die Frage was aus alldem eigentlich geworden ist.
Das Machtspiel
Organizing – Training in Berlin, 2007 oder 2008, ich war nicht mal 25. Als eine der Schlüsselpersonen der entstehenden Bürgerplattform Hamm und Horn war ich eingeladen, an der dreitägigen Tagung von DICO – dem Deutschen Institut für Community Organizing – im Islamischen Zentrum in Wedding teilzunehmen.
Zum Thema Macht führten wir ein Rollenspiel durch, das Alinsky selbst verwendete und das im Wortlaut bei Thukydides überliefert ist: Die Insel Melos, umzingelt von 38 athenischen Schiffen, in einer hoffnungslosen Verhandlung um die eigene Existenz. Der Dialog, wie er uns damals vorgelegt wurde:
„Athen: Ist jemand schwach, muss er Zugeständnisse machen.
Melos: Und unser Nachgeben sollte von beiderseitigem Nutzen sein?
Athen: Unterwerfung ist besser als das Äußerste zu erleiden.
Melos: Wir bieten Neutralität an.
Athen: Nicht auf Unterwerfung zu bestehen würde als Zeichen unserer Schwäche interpretiert.
Melos: Wir vertrauen auf den Beistand der Götter und unserer Verwandten aus Sparta.
Athen: Es ist das natürliche Gesetz der Natur, dort zu regieren wo es möglich ist. Wärt ihr in unserer Position, würdet ihr genauso handeln.
Melos: Wir bleiben bei unserer Entscheidung.“ (Thukydides, 2000)
Wir teilten uns auf, ich glaube ich war bei den Verhandlungsführern für Melos. Was mir bis heute geblieben ist: wie schnell in diesem Spiel klar wurde, dass reine Argumentation nichts ausrichtet gegen ein eindeutiges Machtgefälle. Die Athener gewannen fast immer. Nur einmal gelang ein Kompromiss – durch wirtschaftliche Verflechtung, nicht durch moralische Überzeugung.
Thukydides berichtet vom realen historischen Ausgang: Melos ergab sich, wurde zerstört, die Männer getötet, Frauen und Kinder versklavt.
Ich habe dieses Bild seitdem nie ganz verloren. Wer mit weniger Macht in eine Verhandlung geht, braucht entweder Verbündete oder eine andere Form von Hebel als reine Argumente. Das ist eine Lektion die mich seitdem durch jede gewerkschaftliche Auseinandersetzung, jede Bezirksversammlung, jede politische Kampagne begleitet hat. Wenn ich heute an Haustüren in Lohbrügge stehe und über Mieten spreche, denke ich manchmal an Melos – an Menschen die argumentativ völlig im Recht sind und trotzdem der schieren Marktmacht eines Vermieters gegenüberstehen, der einfach mehr Optionen hat als sie.
Was aus Impuls-Mitte wurde
Soweit ich es nachvollziehen kann, hat die Plattform etwa sechs bis acht Jahre bestanden – mit zuletzt zehn Gruppen und Organisationen, von Kirchengemeinden über eine Einrichtung der Behindertenhilfe bis zu einer Familienbildungsstätte. Weniger als die fünfzehn Organisationen bei der Gründung 2007. Aber über Jahre gelebte Bürgerbeteiligung.
Das war 2007 in der Aula der Gesamtschule Horn sichtbar – fünfzehn verschiedene Pappmännchen, fünfzehn verschiedene Motivationen, eine gemeinsame Menschenkette. Dass daraus über mehrere Jahre eine funktionierende Struktur wurde, ist keine Selbstverständlichkeit. Die meisten Bürgerinitiativen zerfallen früher.
Mein Name Adigwe heißt „Gemeinsam sind wir stark“. Ich kannte diese Bedeutung schon mit 14, lange vor Hamm und Horn. Aber erst durch das was ich dort gelernt habe, wurde aus der Übersetzung eine Methode.
In Berlin lief Organizing Schöneweide deutlich erfolgreicher als das was ich aus Hamburg kenne – mit einem klaren, erkämpften Ergebnis: der Zusammenführung der Berliner Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Oberschöneweide. Nicht jede Bürgerplattform führt zu einem sichtbaren Sieg wie diesem. Manche bestehen einfach – leise, beständig, Jahr für Jahr, bis sie sich irgendwann auflösen, weil ihre Aufgabe erfüllt ist oder die Energie nachlässt. Auch das ist ein Erfolg.
Was bleibt, ist die Grundfrage aus dem Melos-Dialog, die mich seit fast 20 Jahren begleitet: Wenn du weniger Macht hast als dein Gegenüber – argumentierst du trotzdem, oder suchst du dir Verbündete? Ich habe mich für Letzteres entschieden. Immer wieder neu.
Quellen:
Alinsky, Saul D. (1999): Anleitung zum Mächtigsein. Ausgewählte Schriften. 2. Auflage, Lamuv Verlag, Göttingen.
Penta, Leo J. (Hrsg.) (2007): Community Organizing: Menschen verändern ihre Stadt. edition Körber-Stiftung, Hamburg.