Saul Alinsky und die Wurzeln in den USA

Teil 2 einer sechsteiligen Serie. Diesen Text habe ich erstmals 2008 veröffentlicht. Die Originalfassung mit vollständigem Quellenapparat steht weiterhin hier: Die Entwicklung von Community Organizing in den USA – Original von 2008.


Alinsky wurde gerne als „Radikalinsky“ verspottet, als Kommunist und Radikaler verschrien. Er setzte sich gegen diese Etiketten kaum zur Wehr – sie verbesserten eher sein Ansehen in der Bevölkerung. Trotzdem bestand er stets auf einer undogmatischen Arbeitsweise und wollte keiner politischen Richtung zugeordnet werden.

Ein Leben im Slum von Chicago

Saul Alinsky wurde am 3. Januar 1909 in Chicago geboren, Sohn russischer, jüdisch-orthodoxer Immigranten. Mit 17 studierte er Archäologie. Im dritten Studienjahr beteiligte er sich an Solidaritätsaktionen für Bergarbeiter in Illinois, sammelte Lebensmittel für sie – und wurde dafür von einem Sheriff verhaftet.

1930, mitten in der Großen Depression, fand er keine Arbeit. Er aß Kostproben in Delikatessengeschäften, bis ihn Sicherheitsleute hinauswarfen. Dann bekam er überraschend ein Stipendium für eine Doktorarbeit in Kriminologie – die er nie beendete, weil er sich stattdessen mit den Banden von Al Capone anfreundete, um ihr Verhalten zu studieren. Drei Jahre arbeitete er danach als Kriminologe in einem Gefängnis.

Schließlich ging er zurück in den Slum von Chicago, um dort die erste Bürgerorganisation aufzubauen. Sein Ansatz war neu: Er appellierte nicht an Moral, sondern sprach mit den Menschen über ihre eigenen Interessen. Die Bewohner von „Back of the Yards“ hatten nichts – aber sie waren viele. Organisiert hätten sie Macht. Nicht mehr Opfer, sondern Handelnde.

Die Industrial Areas Foundation

1940 gründete Alinsky zusammen mit dem katholischen Bischof Bernhard Shiel und dem protestantischen Millionär Marshall Field III die Industrial Areas Foundation – bis heute die älteste und größte Organizing-Organisation der USA. Die Spende von Field, frei von jeder Bedingung, sicherte der IAF echte Unabhängigkeit.

Bis zu seinem Tod 1972 leitete Alinsky die IAF selbst, bewusst unbürokratisch. Jede neu aufgebaute Bürgerplattform sollte nach drei bis vier Jahren wieder eigenständig werden.

Was sich seit Alinskys Tod verändert hat

Nach Alinsky übernahm Ed Chambers die Leitung und professionalisierte die Organisation deutlich. Mit dieser Professionalisierung kam ein Bruch mit Alinskys Prinzip der Eigenständigkeit: Bürgerplattformen sind heute vertraglich zu Mitgliedsbeiträgen verpflichtet – im Gegenzug für Ausbildung und Unterstützung.

Auch die Gesprächsphase veränderte sich. Was bei Alinsky vor allem der Themenfindung diente, wurde zur reinen Beziehungsphase, oft über zwei Jahre gestreckt. Ein Organizer soll in dieser Zeit 30 Einzelgespräche pro Woche führen.

Eine kritische Beobachtung von Michael Rothschuh bleibt für mich bis heute zentral: Konfrontative Formen treten in den Hintergrund, Verhandlungen auf Basis bereits etablierter Organisationen rücken in den Vordergrund. Eine Aktion beim Bürgermeister bekommt dann oft denselben Charakter wie ein jubelnder Parteitag – Stärke zeigen, aber eher die der Verhandlungsführer als die der einfachen Mitglieder.

Community Organizing und die US-Politik – damals und heute

2008 schrieb ich, dass Barack Obama sich offen zu seiner Vergangenheit als Organizer in Chicago bekannte, dass Hillary Clinton beinahe selbst für die IAF gearbeitet hätte, und dass sogar George W. Bush ein Förderprogramm für Bürgerinitiativen und religiöse Vereinigungen aufgesetzt hatte.

Seit damals hat sich die politische Landschaft der USA mehrfach verschoben. Organizing-Methoden wurden längst von ganz unterschiedlichen politischen Lagern adaptiert – von progressiven Grassroots-Bewegungen genauso wie von konservativen Tea-Party-Strukturen in den 2010er-Jahren. Das bestätigt eine Erkenntnis, die schon 2008 mitschwang: Community Organizing als Methode ist politisch nicht von Natur aus links oder rechts. Es ist ein Werkzeug. Wer es nutzt, bestimmt seine Richtung.

Im nächsten Teil geht es um die deutsche Entwicklung – und um die Frage, warum diese amerikanische Idee hier so lange als nicht übertragbar galt.

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