Wer profitiert eigentlich von steigenden Mieten in Bergedorf?

Ich führe seit einiger Zeit Haustürgespräche in Lohbrügge zur Mietenkampagne der Linken. Was mir dabei am häufigsten begegnet: Menschen die seit Jahrzehnten in ihrer Wohnung leben und trotzdem Angst haben, sich diese Wohnung bald nicht mehr leisten zu können. Bei unserer Wohnungspolitik-Veranstaltung am 31. August mit Heike Sudmann und Rolf Bosse vom Hamburger Mieterverein wurde genau das noch einmal sehr konkret.

Die Zahlen für unseren Bezirk

In Lohbrügge lag die durchschnittliche Kaltmiete im ersten Quartal 2026 bei 12,49 Euro pro Quadratmeter – ein Anstieg von 7,2 Prozent innerhalb eines einzigen Jahres. In Neuallermöhe waren es 11,76 Euro, ebenfalls rund 7,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Für Häuser in Lohbrügge sind es sogar 18,01 Euro pro Quadratmeter.
Zum Vergleich: Der bundesweite Durchschnitt liegt bei 9,22 Euro. Über einen Zeitraum von fünf Jahren ist der Mietspiegel für Häuser in Bergedorf um 31,8 Prozent gestiegen, für Wohnungen um 22,3 Prozent.

Ein historischer Vergleich, der zu denken gibt

Vor 120 bis 130 Jahren galt als Faustregel: ein Wochenlohn für die Miete, also rund ein Viertel des Einkommens. Heute gilt schon eine Mietbelastung von 30 Prozent als vertretbar – tatsächlich zahlen aber gerade einkommensschwächere Haushalte häufig 40 Prozent und mehr ihres Einkommens allein für die Miete. Diese Verschiebung ist keine Naturgewalt. Sie ist das Ergebnis konkreter politischer Entscheidungen der letzten Jahrzehnte.

Wie es dazu kam: die Abschaffung der Wohnungsgemeinnützigkeit

1990 wurde in Deutschland die sogenannte Wohnungsgemeinnützigkeit abgeschafft – ein Regelwerk, das Vermietung stärker an gesellschaftlichen statt an reinen Renditezielen ausrichtete. Diese Deregulierung öffnete den Wohnungsmarkt für Investoren, für die eine Immobilie zunehmend eine Kapitalanlage wurde wie jede andere auch. Wien ging in derselben Zeit einen anderen Weg: Im „roten Wien“ setzte die Stadt konsequent auf Gemeindewohnungen statt auf den freien Markt – ein Modell, das bis heute für spürbar stabilere Mieten sorgt.

Die SAGA – wenn öffentliches Eigentum trotzdem Rendite abwirft

Die SAGA gehört mehrheitlich der Stadt Hamburg. 2024 lag ihr Überschuss bei 283,5 Millionen Euro, 2023 bei 182,6 Millionen Euro. Allein aus Mieterhöhungen für freifinanzierte Wohnungen nahm die SAGA 2024 zusätzlich 6,3 Millionen Euro ein – 2023 waren es gut 5 Millionen. Gleichzeitig beschloss der Senat, dass die SAGA in den Jahren 2023 bis 2026 insgesamt 350 Millionen Euro an den städtischen Haushalt ausschütten soll – deutlich mehr als in den Jahren zuvor, in denen es rund 75 Millionen über drei Jahre waren.
Die wohnungspolitische Sprecherin der Linksfraktion, Heike Sudmann, kritisiert das seit Jahren: Die SAGA fahre enorme Überschüsse ein und ziehe ihren Mieter;innen trotzdem weitere Millionen aus der Tasche. Der Hamburger Mieterverein argumentiert ähnlich: Die von der SAGA aufgerufenen Mieten lägen deutlich über dem, was für einen wirtschaftlichen Betrieb eigentlich nötig wäre.

Der Mietwucher-Paragraf – und wie zäh er in Hamburg umgesetzt wird

Ein wenig bekanntes Instrument: Das Wirtschaftsstrafgesetz verbietet Mieten, die deutlich über der ortsüblichen Vergleichsmiete liegen – bei mehr als 50 Prozent Abweichung gilt eine Miete als sittenwidrig. In beiden Fällen muss die Stadt eigentlich eingreifen können. Frankfurt am Main setzt das seit über zehn Jahren aktiv um.
In Hamburg sieht die Bilanz ernüchternd aus. Die Linksfraktion führte im November 2024 eine eigene Mietwucher-App ein, im Februar 2025 folgte ein offizieller Meldedienst des Senats. Bis Mitte November 2025 gingen bei den Bezirksämtern insgesamt 1.313 Verdachtsmeldungen zu überhöhten Mieten ein. Bearbeitet wurde in diesem Zeitraum kein einziger Fall – der Senat verwies auf fehlendes Personal. Erst im Januar 2026 wurden sechs Vollzeitstellen für ganz Hamburg zugesagt. Im April 2026 hieß es dann, die inzwischen „Taskforce“ genannte Meldestelle solle voraussichtlich zum 1. Juli die Arbeit aufnehmen.
Das zeigt: Selbst ein bestehendes rechtliches Instrument gegen Mietwucher bleibt wirkungslos, wenn der politische Wille zur personellen Ausstattung fehlt.

Die Blackbox: wohin fließt die Miete eigentlich?

Ein Punkt der bei der Veranstaltung besonders hängen blieb: Mieter:innen zahlen ihre Miete, wissen aber oft nicht, in welchem Zustand sich das eigene Gebäude tatsächlich befindet und ob genug Geld für Instandhaltung tatsächlich investiert wird. Gerade bei sichtbar verfallenden Gebäuden stellt sich die Frage, wohin die eingenommene Miete über Jahre eigentlich geflossen ist. Genau diese fehlende Transparenz macht eine sachliche Debatte schwer: Vermieterseite und Mieterseite reden oft aneinander vorbei, weil niemand die tatsächlichen Bewirtschaftungskosten offenlegt.
Neubau allein löst das Problem nicht
Seit rund 15 Jahren verfolgt Hamburg mit dem „Bündnis für das Wohnen“ das Ziel, beim Neubau einen ausgewogenen Mix aus geförderten, preisgedämpften und freifinanzierten Wohnungen zu erreichen. Nach übereinstimmenden Berichten aus der politischen Diskussion wurde dieses Ziel in der Praxis wiederholt verfehlt – der Großteil des Neubaus blieb teuer, während selbst als „preiswert“ geltende geförderte Wohnungen inzwischen kaum noch für Menschen mit durchschnittlichem Einkommen erschwinglich sind.
Erbbaurecht statt Grundstücksverkauf
Eine Möglichkeit, die Baukosten für gemeinwohlorientierte Träger zu senken, ohne öffentliches Land dauerhaft aus der Hand zu geben: die Vergabe städtischer Grundstücke im Erbbaurecht statt im Verkauf. So bleibt das Grundstück langfristig im öffentlichen Eigentum, während Baugenossenschaften trotzdem günstiger bauen können, weil sie keinen Grundstückskauf vorfinanzieren müssen.

Wer das bezahlt

Die Menschen die zu mir an die Haustür kommen sind keine Spekulanten. Es sind Rentner:innen die seit 30 Jahren in derselben Wohnung leben. Familien mit Kindern die keinen Platz zum Umziehen finden. Alleinerziehende die jeden Euro zweimal umdrehen. Genau die Menschen die am wenigsten Verhandlungsmacht gegenüber einem Vermieter haben, tragen die größte Last der Mietsteigerungen – und genau diese Verunsicherung treibt manche Menschen in die Arme radikaler politischer Angebote, die vorgeben einfache Lösungen zu haben.

Was ich an den Haustüren höre

Wenn ich in Lohbrügge klingle und frage was die Menschen bewegt, ist die Miete fast immer eines der ersten Themen. Nicht abstrakt, sondern sehr konkret: die letzte Mieterhöhung, die Angst vor der nächsten, der Nachbar der schon ausgezogen ist.
Das ist der Resonanzboden für die Mietenkampagne der Linken – eine Forderung nach einem Mietendeckel, nach mehr echtem sozialem Wohnungsbau, nach einer Politik die Wohnen als Grundrecht behandelt statt als Anlageklasse. Ein bundesweiter Mietendeckel wird derzeit erneut von der Linksfraktion im Bundestag vorbereitet – nachdem der Berliner Mietendeckel vor einigen Jahren vom Bundesverfassungsgericht gekippt wurde, allerdings nicht wegen des Konzepts selbst, sondern weil den Ländern dafür die Gesetzgebungskompetenz fehlte. Genau das soll der neue Vorschlag auf Bundesebene beheben.

Was ich mir für Bergedorf wünsche

Eine Politik die nicht nur neue Stadtteile plant, sondern auch die bestehenden Mieten in Lohbrügge und Neuallermöhe wirksam schützt. Ein Mietendeckel der diesen Namen verdient. Konsequente personelle Ausstattung gegen Mietwucher, wie sie andere Städte längst zeigen. Mehr Transparenz darüber, wohin Mieteinnahmen tatsächlich fließen. Und eine ehrliche Antwort auf die Frage die mir an fast jeder Haustür begegnet: Wie lange kann ich mir mein eigenes Viertel noch leisten?

Quellen:

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