Oberbillwerder kommt. Das ist politisch entschieden – nicht von der Bezirksversammlung Bergedorf, sondern vom Senat. Genau das ist mein erster Kritikpunkt.
Ich wohne in Lohbrügge. Das geplante Neubaugebiet liegt keine fünf Kilometer von meiner Haustür entfernt. Ich sitze im Umweltausschuss Bergedorf. Und ich stelle mir seit Monaten dieselben Fragen, auf die ich noch keine überzeugenden Antworten gehört habe.
Wie es zur Entscheidung kam
In der Bezirksversammlung Bergedorf hatte sich eine Mehrheit gegen das Vorhaben gebildet. Daraufhin wurde die Entscheidungsebene auf den Senat verlagert. Das Ergebnis: Ein Projekt das das unmittelbare Lebensumfeld von Menschen in Bergedorf massiv verändern wird, wurde über die Köpfe der lokalen Vertreter hinweg entschieden.
Das ist kein Einzelfall. Wer die politischen Verhältnisse in Bergedorf kennt – und ich kenne sie von innen – weiß dass die Bezirksversammlung strukturell geschwächt ist. Keine stabilen Mehrheiten, taktische Bündnisse, eine erstarkte AfD die isoliert werden muss und damit rechnerische Mehrheiten politisch unbrauchbar macht. In diesem Vakuum greift der Senat zu. Man kann das als pragmatisch verstehen. Ich verstehe es als demokratisches Problem.
Beteiligung die ignoriert wird wenn sie unbequem wird, ist keine echte Beteiligung.
118 Hektar Ackerland
Oberbillwerder soll auf rund 118 Hektar bisher landwirtschaftlich genutzter Fläche entstehen und bis zu 15.000 Menschen aufnehmen. Das sind Zahlen die ich ernst nehme – Hamburg braucht Wohnraum, das ist keine Frage.
Aber die Frage nach dem Wie bleibt. In Zeiten von Klimawandel und Biodiversitätsverlust ist die Versiegelung wertvoller Flächen keine Selbstverständlichkeit mehr. Hamburg hat innerstädtische Potenziale die nicht annähernd ausgeschöpft sind. Warum wird weiterhin auf Expansion am Stadtrand gesetzt statt diese Potenziale konsequent zu nutzen?
Das Prinzip „Innenentwicklung vor Außenentwicklung“ ist in Hamburg offizielle Politik. Oberbillwerder steht dazu im Widerspruch.
Die Frage nach der Bezahlbarkeit
Offiziell soll Oberbillwerder bezahlbaren Wohnraum schaffen. Die genannten Baukosten von über 4.400 Euro pro Quadratmeter erzählen eine andere Geschichte. Unter diesen Bedingungen ist schwer vorstellbar wie tatsächlich bezahlbare Wohnungen entstehen sollen – und nicht hauptsächlich Wohnungen im höherpreisigen Segment, die am eigentlichen Problem des Hamburger Wohnungsmarkts vorbeigehen.
Das wäre nicht das erste Mal. Große Versprechen, hochwertige Architekturvisualisierungen, und am Ende können sich die Menschen die dort wohnen sollen das Mieten nicht leisten.
Ein Fundament auf Sand – im wörtlichen Sinne
Es gibt einen Aspekt des Projekts der in der öffentlichen Debatte erstaunlich wenig Aufmerksamkeit bekommt, obwohl er symptomatisch ist für das gesamte Vorhaben: Oberbillwerder steht auf Marschboden.
Der Untergrund des geplanten Stadtteils besteht aus weichem, feuchtem Marschboden mit Kleischichten von bis zu sechs Metern Dicke. Darauf lässt sich nicht bauen – keine Straßen, keine Siele, keine Fundamente. Deshalb sollen 150 Hektar Billwerder Boden mit rund 1,5 Millionen Tonnen Sand überschüttet werden. Die Aufschüttungen werden eine Höhe von 1,50 bis 2,00 Metern erreichen.
Das entspricht in etwa der Sandmenge die Sylts Strände jährlich durch Wind und Wellen verlieren.
Für den Transport wurden täglich rund 134 LKW-Fahrten berechnet – über eine Baustraße vom Mittleren Landweg ins Quartier, die eigens dafür ertüchtigt werden muss. Dafür müssen Bäume gefällt werden – viele davon 70 bis 100 Jahre alt. Alternativen über Wasserstraßen oder die Schiene wurden geprüft, aber die letzten Meter führen in jedem Fall über die Straße.
Das ist kein Detail. Das ist eine Grundsatzfrage: Wer einen nachhaltigen, klimafreundlichen Stadtteil bauen will, sollte nicht mit dem schlechtest möglichen Baugrund beginnen. Die Wahl des Standorts erzwingt Maßnahmen die ihrerseits erhebliche Emissionen, Lärm, Straßenschäden und Natureingriffe verursachen – noch bevor das erste Haus steht.
Kostenschätzungen für Sand, Aufschüttungen und innere Erschließung fehlen laut Hamburger Rechnungshof noch immer – obwohl die Projektentwicklungskosten sich bereits auf rund 440 Millionen Euro belaufen und sich damit fast verdoppelt haben.
Sand und Klimawandel – ein globales Problem landet in Bergedorf
Es gibt einen Zusammenhang der in der Oberbillwerder-Debatte fast nie erwähnt wird: Sand ist keine selbstverständliche Ressource. Er ist knapp – und wird knapper.
Sand ist nach Wasser der meistgenutzte Rohstoff der Welt. Laut dem UN-Umweltprogramm UNEP werden weltweit jährlich etwa 50 Milliarden Tonnen Sand benötigt – mehr als sich auf natürlichem Weg erneuert. In Deutschland ist die Sandknappheit bereits spürbar, trotz rund 2.000 Sand- und Kiesgruben kommt es immer wieder zu Lieferengpässen.
Experten warnen: Für das Überleben der Menschheit steht die Sandkrise dem Klimawandel und dem Artensterben kaum nach. Der oft unkontrollierte Abbau hinterlässt verwüstete Biotope – vor Indonesien sind bereits ganze Inseln versunken, nachdem sie ihrer schützenden Sandwälle beraubt wurden. Bis 2100 könnte die Hälfte aller Strände verschwunden sein.
Und jetzt der direkte Bezug zu Bergedorf: Für Oberbillwerder sollen 1,5 Millionen Tonnen dieses knappen Rohstoffs auf einen feuchten Marschboden aufgeschüttet werden – weil der falsche Standort gewählt wurde. Das UN-Umweltprogramm fordert Sand als strategische Ressource einzustufen. Hamburg plant stattdessen ihn millionenfach auf ungeeignetem Baugrund zu verschwenden.
Das ist keine abstrakte Umweltdebatte. Das ist eine konkrete Entscheidung die hier, in Bergedorf, getroffen wird – mit globalen Konsequenzen.
Was ich mir stattdessen wünsche
Ich sage nicht: kein neues Wohngebiet. Ich sage: die richtigen Fragen müssen öffentlich gestellt werden, bevor Milliarden verbaut sind.
Wo bleibt die konsequente Nachverdichtung im Bestand? Wie wird sichergestellt dass ein erheblicher Anteil der Wohnungen wirklich sozial gefördert und dauerhaft bezahlbar ist? Welche ökologischen Ausgleichsmaßnahmen sind verbindlich und nicht nur versprochen? Und wie wird verhindert dass Oberbillwerder in zwanzig Jahren als weiteres städtebauliches Problemquartier gilt – wie Mümmelmannsberg oder Steilshoop, die damals auch als Zukunftsvision verkauft wurden?
Diese Fragen stelle ich nicht als Gegner des Projekts. Ich stelle sie als jemand der hier wohnt, der die politischen Verhältnisse kennt und der weiß dass Großprojekte ihre kritischen Begleiter brauchen.
Oberbillwerder wird gebaut. Wie es gebaut wird, ist noch nicht vollständig entschieden. Das ist der Moment wo Fragen zählen.