Nachtzug, Eurostar, Bahn und Fähre statt Flugzeug: Das hat geklappt, aber nicht ohne Nerven. Sieben Stunden Verspätung, ein verpasster Anschluss und eine chaotische Heimfahrt. Trotzdem war es eine wunderschöne Reise.
Im Oktober sind wir nach England gefahren und nicht geflogen. Geklappt hat das, aber die Reise hat uns an unsere Grenzen gebracht. Wie wir die Route geplant haben, steht im Vorab-Beitrag.
Hier kommt, wie es tatsächlich lief.
Hinfahrt: Sieben Stunden im Wartesaal
Der Nachtzug European Sleeper sollte um 21:55 Uhr von Hamburg-Harburg nach Brüssel fahren. Losgefahren ist er um 4:56 Uhr, sieben Stunden später.
Besonders ärgerlich war die Kommunikation. Immer wieder hieß es, der Zug komme „in den nächsten zwei Stunden“. So konnten wir nichts anderes planen und haben die Nacht im Wartesaal verbracht.
Den Eurostar in Brüssel haben wir dadurch verpasst. Neue Tickets kosteten zusätzlich 300 Euro, die nicht erstattet werden. In London waren wir erst um 17 Uhr statt um 10 Uhr. Immerhin: Die Nachtzugtickets werden wegen der Verspätung zu 50 Prozent entschädigt. Ich hoffe auf mindestens 250 Euro zurück.
Es war nicht unsere erste Erfahrung mit European Sleeper. Schon auf der Reise nach Spanien und zurück (Berlin – Paris / Paris – Hamburg) war ich von Verspätungen, Kommunikation und geringer Kulanz enttäuscht. Sieben Stunden Warten waren aber noch einmal eine andere Hausnummer.
London: Park, Zauberei und viele Kilometer zu Fuß
In London waren wir bei meiner Tante in Kingston. Am ersten Tag sind wir durch den Richmond Park und an der Themse entlang bis zum botanischen Garten Kew Gardens gelaufen, dort gab es unter anderem Halloween-Dekoration. Zurück ging es standesgemäß mit dem Doppeldeckerbus.
Am zweiten Tag ging es um Harry Potter. Ich hatte eine eigene Tour mit 18 Drehorten geplant: von Platform 9¾ in King’s Cross über den Leadenhall Market (die Winkelgasse im ersten Film) und das Australia House (Gringotts) bis zu weiteren Stationen, etwa 8 Kilometer zu Fuß. Die letzten Stationen an der Southbank (Millennium Bridge, Borough Market) haben wir ausgelassen. Dafür waren wir auf dem London Eye und im Tate Modern.
Am dritten Tag ging es zu Fuß von Waterloo über Parlament und Big Ben zur Wachablösung, durch den St James’s Park zum Buckingham Palace. Weiter ging es zu Harrods und ins Natural History Museum mit dem Walskelett in der Eingangshalle, dann zur Oxford Street und zurück zur Tante.
Macclesfield, Castleton und die White Nancy
Danach ging es weiter mit dem Zug nach Macclesfield zur Oma. Am nächsten Tag besuchten wir Castleton und die Blue Cave. Anschließend sind wir über den Berg Mam Tor bis zum kleinen Ort Edale gelaufen und mit dem Zug zurückgefahren. Der Ausblick war grandios.
Am Tag darauf ging es mit der Bahn nach Manchester, einen halben Tag verbrachten wir dort. Am Nachmittag sind wir zur White Nancy in Bollington gelaufen. Dort machen wir seit Jahren dasselbe: ein Foto der Kinder am weißen Turm. Es gibt es inzwischen aus 2017, 2022, 2024 und nun 2026, und man sieht, wie die Kinder wachsen.
Am Tag darauf war der 93. Geburtstag der Oma.
Rückreise: Fähre, Amsterdam und ICE-Chaos
Am Nachmittag ging es mit Umsteigen nach Hull. Von dort brachte uns ein Bustransfer zur Fähre nach Rotterdam. Obwohl die See unruhig war, haben wir sehr gut geschlafen.
In Rotterdam ging es per Bustransfer nach Amsterdam. Wir hatten eine Stunde Zeit für ein bisschen Sightseeing – dann fiel unser ICE aus. Die gebuchte Direktverbindung nach Hamburg-Bergedorf war schon vor Wochen für uns unerreichbar zeitlich vorverlegt worden und nun wurde auch unsere Ersatzverbindung über Düsseldorf gestrichen.
Also ging es mit einem niederländischen Intercity nach Arnhem und von dort mit dem ICE nach Hannover. Der bekam unterwegs wegen Baustellen 95 Minuten Verspätung, sodass wir in Hannover in einen späteren ICE als geplant steigen mussten. Zu Hause waren wir am Sonntag um 21:30 Uhr statt wie ursprünglich geplant um 17 Uhr.
Fazit: Nachhaltig reisen bleibt wichtig, muss aber verlässlich sein
CO₂ sparen und nicht fliegen ist wichtig. Aber diese Reise, vor allem die Erfahrung mit European Sleeper, war mehr als enttäuschend. Wer klimafreundlich reisen will, braucht Zeit, Puffer, starke Nerven und im Zweifel Geld für Ersatztickets. Das sollte nicht so sein. Wenn mehr Menschen vom Flugzeug auf die Bahn umsteigen sollen, müssen Verlässlichkeit, Information und Kulanz deutlich besser werden.
Trotzdem bleibt meine Überzeugung: Nachhaltigkeit ist weiterhin wichtig. Oxfam hat in der Studie „Privatjets und Profite der Überreichen“ vom 27.10.2026 vorgerechnet: Weltweit stoßen Privatjets in zwei Sekunden mehr CO₂ aus als ein Mensch aus der ärmeren Hälfte der Menschheit in einem ganzen Jahr. Von deutschen Flughäfen starteten 2025 über 55.000 Privatjets.
Ich heiße Pilot mit Nachnamen, verzichte aber so gut es geht auf das Flugzeug. Und auch wenn es diesmal sieben Stunden Wartesaal, einen verpassten Anschluss und eine abenteuerliche Heimfahrt gab: Die Tage bei der Tante, bei der Oma und mit den Kindern an so vielen schönen Orten waren jede Stunde wert.
Quellen:
Oxfam, Privatjets und Profite der Überreichen (27.10.2026)