Oktober 2026. Vier Personen, null Flüge, eine Nachtfähre und ein Nachtzug, der endlich auch ab Hamburg fährt.
Im Oktober fahren wir nach England. Rosa und Maja freuen sich auf die Fähre. Ich freue mich darauf, dass wir nicht fliegen.
Aber es geht auch um mehr als das. Wir besuchen meine Tante in Kingston. Und dann weiter nach Bollington, wo Onkel und Familie wohnen. Und meine Oma – sie wird 93. Das ist der eigentliche Anlass.
Das klingt nach einer Selbstverständlichkeit, ist es aber nicht – zumindest nicht für eine Reise von Hamburg nach Nordwestengland mit zwei Kindern und dem ganzen Gepäck, das Kinder nun mal mitbringen. Eine Flugreise wäre in jeder Hinsicht einfacher gewesen: günstiger, schneller, weniger zu organisieren. Wir machen es trotzdem anders. Oder vielleicht genau deshalb.
Warum eigentlich kein Flieger?
Ich will das nicht moralisieren. Fliegen ist nicht böse, und wer fliegt, ist kein schlechterer Mensch. Aber ich finde es schwer, ernsthaft über Klimapolitik nachzudenken – und das tue ich beruflich wie privat – und gleichzeitig routinemäßig für jeden Kurztrip zum Billigflieger zu greifen, wenn es Alternativen gibt.
Hamburg nach London: Das ist keine Strecke, für die es keine Alternative gäbe. Es gibt den Eurostar. Es gibt die Bahn. Und seit Juli 2026 gibt es endlich auch den European Sleeper ab Hamburg-Harburg – einen Nachtzug, auf den viele hier jahrelang gewartet haben.
Der CO₂-Unterschied zwischen Bahn und Flieger auf dieser Strecke ist nicht marginal. Er ist ein Faktor von etwa zehn. Das ist kein Argument das ich ignorieren kann.
Die Route
Wir starten am Abend des 16. Oktober von Lohbrügge. S-Bahn nach Hamburg-Harburg – oder den X30-Bus von Bergedorf nach Harburg, weil wir Kinderrucksäcken und dem ganzen Urlaubsgepäck nicht noch umsteigen wollen.
In Harburg steigen wir in den European Sleeper ein. Der Zug fährt montags, mittwochs und freitags – der Freitag passt perfekt. Wir haben ein Liegewagen-Abteil gebucht, drei Personen. Morgens gegen halb acht sind wir in Brüssel-Midi.
Von dort: Eurostar nach London. Check-in mindestens 30 Minuten vorher, Passkontrolle, das übliche Procedere. Gegen 11 Uhr sind wir in St. Pancras International – und haben noch den ganzen Samstagnachmittag vor uns, wenn wir kurz danach in Kingston upon Thames ankommen.
Kingston liegt direkt an der Themse, südwestlich von London. Meine Tante wohnt dort. Vier Nächte. Dass Kingston dabei kein klassisches Touristenziel ist, ist kein Nachteil – es gibt Wasser, einen Markt, Grünflächen, und die Innenstadt von London ist per Zug in zwanzig Minuten erreichbar.
Am 21. Oktober geht es weiter nach Bollington – einem kleinen Ort am Rand des Peak District, etwa fünf Kilometer von Macclesfield entfernt. Dort wohnen Onkel und Familie. Und meine Oma – 93 Jahre alt, Geburtstagsbesuch. Avanti West Coast fährt direkt von London Euston nach Macclesfield, knapp zwei Stunden, kein Umsteigen. Von dort ein Bus nach Bollington. Drei Nächte, Peak District, Herbst, Familie.
Die Rückreise läuft anders als die Hinfahrt. Am 24. Oktober fahren wir von Macclesfield nach Manchester, von Manchester mit dem TransPennine Express direkt nach Hull – und abends gegen halb neun legt die P&O-Fähre nach Rotterdam ab. Zwölf Stunden auf der Nordsee, Kabine, Abendessen, schlafen. Am nächsten Morgen Rotterdam, ICE, Hamburg Hbf, S2, Bergedorf. Fertig.
Was den Nachtzug besonders macht
Der European Sleeper ist kein luxuriöser Orientexpress. Er ist ein funktionaler, angenehmer Nachtzug – und er ist politisch bedeutsam. Jahrelang hat die Bahninfrastruktur in Europa Nachtzüge abgebaut, weil sie als unwirtschaftlich galten, während Billigflüge mit impliziten Subventionen durch nicht-besteuerten Kerosin konkurrenzlos günstig blieben. Der Wiederaufbau des Nachtzugnetzes in Europa ist eine dieser kleinen, konkreten Infrastrukturentscheidungen, die tatsächlich etwas verändern.
Dass Hamburg jetzt dabei ist, freut mich aufrichtig. Nicht als Symbolpolitik, sondern weil es bedeutet, dass dieser Zug für uns praktisch buchbar ist.
Die Logistik für alle die es nachmachen wollen
Wer eine ähnliche Reise plant, hier die wichtigsten Punkte:
Buchungsreihenfolge: European Sleeper zuerst – die privaten Abteile sind begrenzt und erfahrungsgemäß schnell ausgebucht. Dann Eurostar, dann die P&O-Fähre. UK-Inlandszüge können später gebucht werden, werden aber günstiger je früher man bucht.
Wo buchen: European Sleeper direkt über europeansleeper.eu, Eurostar über eurostar.com, Fähre über poferries.com – dort auch den Shuttlebus zum Terminal mitbuchen, es gibt keinen öffentlichen Bus zum P&O-Terminal Europoort. UK-Züge am besten über thetrainline.com.
Eurostar: Mindestens 30, besser 45 Minuten vor Abfahrt am Check-in sein. Mit Kindern und Gepäck braucht das seine Zeit.
Fähre: Die Überfahrt Hull–Rotterdam dauert etwa zwölf Stunden. Für Familien empfiehlt sich eine 4-Bett-Kabine mit Bad – das macht den Unterschied zwischen einer angenehmen Nacht und einem langen Sitzen.
Macclesfield–Bollington: Kein Bahnhof in Bollington, die Linie wurde in den 1970ern stillgelegt. Taxi oder Bus ab Macclesfield, etwa fünf Kilometer.
Was bleibt
Wir werden sehen, wie es läuft. Züge haben Verspätungen, Kinder haben Launen, und es ist möglich dass irgendwo zwischen Brüssel und Hull etwas schiefgeht. Aber das ist Reisen.
Eine 93-jährige Oma besucht man nicht mit dem Billigflieger. Man besucht sie so, dass die Reise selbst etwas bedeutet.
Die Kinder werden sich an die Fähre erinnern. Und vielleicht auch daran, dass man nach England auch ohne Fliegen kommt.