Organizing in Bergedorf heute – was Haustürgespräche anders machen

Teil 6 und Abschluss einer sechsteiligen Serie über Community Organizing.


In den ersten fünf Teilen dieser Serie ging es um Geschichte, Theorie und die Frage, wie sich das Organizing-Prinzip auf unterschiedliche Themenfelder übertragen lässt. Jetzt geht es um das was ich konkret selbst tue – und darum, was Organizing dabei anders macht als klassische Parteiarbeit.

Die Mietenkampagne und die Haustür

Ich bin Mitglied bei Die Linke in Bergedorf. Die Linke führt in Hamburg eine aktive Mietenkampagne – mit der Forderung nach einem Mietendeckel, nach mehr sozialem Wohnungsbau, nach einer Stadtpolitik die Menschen nicht aus ihren Vierteln verdrängt.

Diese Kampagne führe ich mit anderen Mitgliedern in Lohbrügge an Haustüren. Wir klingeln, stellen uns vor und fragen die Menschen was sie bewegt. Nicht: Was wählen Sie? Nicht: Unterschreiben Sie hier? Sondern: Was beschäftigt Sie? Was läuft in Ihrem Viertel gut, was nicht? Was würden Sie sich wünschen?

Und dann: zuhören.

Was Organizing dabei konkret anders macht

Klassische Parteiarbeit an der Haustür sieht meist so aus: Man kommt mit einer Botschaft, erklärt das eigene Programm, sucht Zustimmung oder Unterschriften, und geht weiter. Die Menschen sind Adressaten einer politischen Aussage.

Organizing dreht das um.

Nicht ich bringe eine fertige Botschaft mit. Ich gehe mit einer Frage. Das verändert das Gespräch grundlegend. Ein Mensch der gefragt wird was ihn wirklich bewegt, antwortet anders als jemand der eine politische Botschaft serviert bekommt. Er erzählt von der Kündigung die im letzten Jahr kam. Vom Nachbarn der ausgezogen ist weil die Miete gestiegen ist. Von der Angst, selbst irgendwann nicht mehr bleiben zu können.

Das sind keine abstrakten Wahlkampfthemen. Das sind gelebte Erfahrungen. Und genau diese Erfahrungen – in der Sprache des Organizing: diese Eigeninteressen – sind der Ausgangspunkt für alles weitere.

Das Gespräch als Fundament

Alinsky hat in den 1940ern in den Slums von Chicago dasselbe gemacht: nicht an Moral appellieren, sondern mit den Menschen über ihre eigenen Interessen sprechen. Nicht erklären, was sie denken sollen, sondern herausfinden, was sie bereits fühlen und wollen.

Das funktioniert nur wenn das Gespräch echt ist. Wenn man wirklich zuhört. Wenn man nicht gleich in die Gegenrede geht, wenn jemand eine Meinung hat mit der man nicht einverstanden ist. Wenn man die Person respektiert, nicht als potenzielle Wählerin, sondern als Mensch mit einer Geschichte.

Genau diese Haltung hat Leo Penta als „persönlich-öffentliche Beziehung“ beschrieben: persönlich in der Tiefe, öffentlich im Zweck. Es geht nicht darum Freundschaft zu schließen, sondern darum, jemanden wirklich zu kennen – und zu wissen, was ihn oder sie zum Handeln bewegen könnte.

Was bei den Gesprächen in Lohbrügge tatsächlich passiert

Menschen reagieren sehr unterschiedlich wenn man an ihrer Tür klingelt. Manche machen gar nicht auf. Manche sind misstrauisch. Manche sind sofort offen und erzählen mehr als man erwartet hätte.

Was mir auffällt: Die Mietenfrage trifft. Sie ist nicht abstrakt. In Lohbrügge, in Bergedorf-Nord, in vielen Teilen des Bezirks sind die Mieten in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Menschen die seit Jahrzehnten in ihren Wohnungen leben spüren das. Und viele haben das Gefühl, dass ihre Stimme dazu nichts bewirkt – dass die Politik über sie hinweg entscheidet.

Das ist der Moment, in dem Organizing ansetzen kann. Nicht mit der Antwort „wählt uns, dann lösen wir das“, sondern mit der Frage: Was würdet ihr tun, wenn ihr die Möglichkeit hättet? Wer in eurem Haus, in eurer Straße, denkt genauso? Wäre ihr bereit, das gemeinsam anzusprechen?

Das Ziel ist nicht eine Unterschrift. Das Ziel ist eine Schlüsselperson.

Was ich aus fast 20 Jahren mitnehme

2008 habe ich über Community Organizing als Student geschrieben. 2007 habe ich es bei Impuls-Mitte erlebt. 2013 bei STOP. Heute bei Haustürgesprächen in Lohbrügge.

Was sich verändert hat: Ich bin nüchterner geworden. Ich weiß, dass Organizing langsam ist. Dass viele Gespräche nötig sind, bevor irgendetwas sichtbar wird. Dass Rückschläge dazugehören – Bürgerplattformen die nach sechs bis acht Jahren wieder aufhören, Themen die versanden, Menschen die wieder apathisch werden.

Was sich nicht verändert hat: Ich glaube noch immer an das Grundprinzip. Nicht weil es immer funktioniert, sondern weil ich keine bessere Alternative kenne. Politik ohne echte Gespräche mit echten Menschen bleibt Stellvertreterarbeit. Sie kann Dinge beschließen, aber sie kann keine Haltung in einem Stadtteil verankern.

Hannah Arendt hat geschrieben, dass Macht im Besitz einer Gruppe ist – und nur solange existiert, wie die Gruppe zusammenhält. Das gilt für Parteien, für Betriebsräte, für Bürgerplattformen und für Mietenkampagnen gleichermaßen.

Wer die Macht haben will, muss zuerst die Gespräche führen.

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