Beim Aufräumen ist mir neulich ein Zeitungsausschnitt von 2005 in die Hände gefallen. Annette, eine ehemalige Lehrerin und Freundin meiner Mutter, hatte ihn meiner Mutter mit dem Zettel „Schau, was ich gefunden habe!“ überreicht. Dazu ein Bericht der Schule über dieselbe Geschichte. Beide zusammen erzählen etwas, das ich selbst über die Jahre fast vergessen hatte.
Statt Wehrdienst nach Bukarest
Von 2002 bis 2004 habe ich meinen Dienst im Ausland statt des Zivildienstes in Rumänien geleistet, als 18-monatiger Friedensdienst über den Verein Eirene. Ich arbeitete im Stadtteil Ferentari in zwei Tageszentren, in denen täglich etwa 60 Kinder eine Mahlzeit bekamen, Hausaufgabenbetreuung und Freizeitangebote. Das Viertel war geprägt von hoher Arbeitslosigkeit, verbreitetem Alkoholismus und Müllproblemen. Viele der Kinder waren Roma und erlebten Diskriminierung, auch außerhalb des Zentrums.
Ein Sponsorenlauf in Bovenden
Zwei meiner Geschwister waren damals Schüler an der Haupt- und Realschule Bovenden. Über sie erfuhr die Schule von meiner Arbeit in Bukarest – und entschied sich, einen Sponsorenlauf zu organisieren.
Rund 400 Schülerinnen und Schüler der Klassen 5 bis 10 liefen Runden auf dem Sportplatz. Die beiden schnellsten schafften über 16 Kilometer. Familie und Bekannte spendeten pro gelaufener Runde. Insgesamt kamen 2.800 Euro zusammen, von denen 2.135 Euro an das Projekt in Bukarest weitergeleitet wurden.
Von diesem Geld finanzierten 1.600 Euro eine einwöchige Sommerfreizeit am Meer für 25 Kinder, überwiegend aus diskriminierten Roma-Familien – für viele von ihnen die erste Ferienreise ihres Lebens. Weitere 500 Euro flossen in die Gestaltung der Betreuungsräume in den Tageszentren.
Mich hat damals beeindruckt, wie viel Wirkung entsteht, wenn viele Menschen jeweils ein kleines Stück beitragen. Dafür brauchte es keine große Organisation. Nur eine Schule, die bereit war mitzumachen, und 400 Jugendliche, die einfach liefen.
Was daraus geworden ist
Nach meiner Zeit in Rumänien bin ich zum Studium der Sozialpädagogik nach Hamburg gezogen. Die Schule in Bovenden wollte über mich weiter mit dem Projekt in Kontakt bleiben, unter anderem über vermittelte Briefkontakte zwischen Schülerinnen und Schülern und den Kindern in Bukarest.
Rumänien hat mich seitdem nicht mehr losgelassen. Ich arbeite seit 2012 in der Sozialberatung in Hamburg, begleite Menschen aus der rumänisch- und moldauischsprachigen Community bei Behördenwegen, Widersprüchen und Anträgen. Ich bin außerdem Betriebsratsvorsitzender bei meinem Träger.
Engagement beginnt vor der Haustür
Der Gedanke von damals begleitet mich bis heute: Veränderung entsteht, wenn Menschen Verantwortung übernehmen, dort, wo sie etwas bewegen können. Das war 2005 ein Sportplatz in Bovenden. Heute ist es für mich der Umweltausschuss der Bezirksversammlung Bergedorf, in dem ich als zugewählter Bürger mitarbeite.
Der Zeitungsausschnitt klebt heute in meinem Fotoalbum über Rumänien. Er erinnert mich daran, dass sich Anfangen lohnt.
Und du: Wann hat dich zuletzt eine kleine Aktion überrascht, weil sie so viel bewirkt hat?