Rumäniens Sozialpolitik heute – was sich verändert hat, was nicht

Von 2002 bis 2004 leistete ich meinen Zivildienst in Ferentari, einem der ärmsten Stadtteile Bukarests. Ich arbeitete dort mit Kindern und Jugendlichen, die größtenteils zur ethnischen Minderheit der Roma gehörten. Viele lebten mit ihren Familien in besetzten, verfallenen Häuserblocks. Strom zapften sie sich von den Strommasten ab – ein kleiner, ständiger Kampf gegen den Stromkonzern, der die Kabel immer wieder durchschnitt.

Damals schrieb ich einen Text über Rumäniens Sozialpolitik. Akademisch, mit Fußnoten, eher ein Studienpapier als ein Blogbeitrag. 2025 war ich mit Caro und den Kindern wieder dort – diesmal als Reisende, nicht als Helfer. Zeit für einen neuen Blick, genau auf denselben Ort.

Ferentari, 2025 – ein überraschender erster Eindruck

Ich muss ehrlich zugeben: Ferentari hat mich überrascht. Kein Müll auf den Straßen wie ich ihn erinnerte. Die grauen Betonblocks, die ich vor über 20 Jahren in ihrer ganzen Tristesse kannte, waren jetzt in freundlichen Farben gestrichen. Keine streunenden Straßenhunde mehr, die früher überall das Bild prägten.
Was mir auch auffiel, ohne dass ich es verifizieren konnte: Früher schnüffelten die Kinder dort Klebstoff. Heute habe ich den Eindruck – unbestätigt, nur eine Beobachtung am Rand – dass eher stärkere Drogen unter Jugendlichen kursieren. Ich will das nicht als Fakt hinstellen, nur als das was es ist: ein Eindruck, kein Beleg.

Was sich verändert hat: die Zahlen

Rumänien ist seit 2007 EU-Mitglied. Das Land ist wirtschaftlich gewachsen – das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf lag 2025 bei rund 19.900 Euro (WKÖ Wirtschaftsprofil Rumänien), mit weiterem Wachstum prognostiziert. Bukarest hat sich insgesamt sichtbar verändert: mehr Cafés, mehr Restaurants, ein selbstbewussteres Stadtbild als das was ich vor über 20 Jahren kannte.
Und trotzdem: Rumänien führt innerhalb der EU die Liste schwerer Armut an – mit einer Quote von 17,2 Prozent (Eurostat/ADZ, 2025), deutlich vor Bulgarien und Griechenland. Die relative Armutsquote lag 2024 bei 19 Prozent, das entspricht rund 3,6 Millionen armutsgefährdeten Menschen. Am stärksten betroffen sind Kinder bis 18 Jahre und junge Erwachsene zwischen 18 und 24. Die regionalen Unterschiede sind enorm: In der Region Südwest-Oltenien lag die Armutsquote 2024 bei 29,8 Prozent – achtmal höher als in der Hauptstadtregion Bukarest-Ilfov.
Eine Verbesserung gibt es trotzdem: Die Quote der Menschen, die Mühe haben über die Runden zu kommen, sank in Rumänien innerhalb eines Jahres um 2,6 Prozentpunkte – einer der stärksten Rückgänge in der gesamten EU. Das ist eine echte Entwicklung. Aber sie ändert nichts an der Spitzenposition.

Was sich nicht verändert hat: die Roma

Hier wird die Geschichte unbequem, und ich will sie nicht beschönigen, nur weil die Häuser jetzt bunt sind. In Rumänien leben heute rund 2,2 Millionen Roma (Amnesty International), etwa 10 Prozent der Gesamtbevölkerung. Etwa drei Viertel von ihnen leben in Armut – verglichen mit knapp einem Viertel der rumänischen Mehrheitsbevölkerung. Vielerorts versuchen Behörden bis heute, Roma abgelegen von gut erschlossenen Wohngebieten anzusiedeln. Wer nicht in Wohnungen mit eindeutigen Besitzverhältnissen lebt, wird häufig rechtswidrig vertrieben, weil Siedlungen offiziell als „vorübergehend“ eingestuft werden – selbst wenn Menschen dort seit Jahrzehnten leben.
Eine Sprecherin der Bukarester Organisation E-Romnja hat es in einem Interview (taz, 2023) unverblümt benannt: Es gebe eine formelle Antwort darauf warum Fortschritte in Roma-Siedlungen nur langsam kommen – Hilfe müsse auf politischer, sozialer und Bildungsebene gleichzeitig stattfinden, das sei komplex. Die informelle Antwort sei einfacher: Es fehle schlicht das Interesse, Roma wirklich zu integrieren.
Das deckt sich mit meiner eigenen Erfahrung von 2002 bis 2004. Was damals fehlte war nicht nur Geld. Es fehlte – bei den Menschen selbst, aber auch bei der Gesellschaft um sie herum – ein gemeinschaftliches Denken und Handeln, das ihnen mehr Hebel gegeben hätte gegen diskriminierende und verarmende Strukturen anzugehen. Genau diese Lücke versuchte später meine Arbeit mit Community Organizing in Hamburg zu schließen, in einem ganz anderen Kontext, aber mit derselben Grundüberzeugung: Einzelne haben kaum Macht. Gemeinsam organisiert schon eher.

Was die EU bewirkt hat – und was nicht

Die jüngste EU-weite Roma-Erhebung (FRA, 2025) zeigt zwar in einigen Bereichen Fortschritte bei Beschäftigung, aber es ist unwahrscheinlich dass die für 2030 gesetzten EU-Ziele zur Gleichstellung, Inklusion und Teilhabe der Roma erreicht werden. In Cluj gibt es seit 2014 ein von norwegischen Geldern finanziertes Umsiedlungsprojekt aus der Roma-Siedlung Pata Rât – bis zu einem bestimmten Zeitpunkt sind 158 Menschen in neue Wohnungen umgezogen. Ein konkreter Erfolg, aber auch ein Hinweis auf das Ausmaß: Eine einzelne Siedlung, ein einzelnes Projekt, Jahre der Arbeit für eine vergleichsweise kleine Zahl von Menschen.
Die bunten Fassaden in Ferentari sind vermutlich ein ähnlicher Fall: eine sichtbare, fotogene Verbesserung, die nicht automatisch bedeutet, dass sich an den strukturellen Ursachen von Armut und Ausgrenzung etwas verändert hat.

Was ich aus zwei Aufenthalten mitnehme

Zwischen 2002 und 2004 sah ich Armut aus der Nähe, als jemand der helfen wollte und merkte wie begrenzt diese Hilfe blieb. 2025 sah ich denselben Ort äußerlich verändert – freundlicher, sauberer, fotogener – aber mit denselben strukturellen Problemen im Hintergrund, die sich in den Zahlen weiterhin zeigen. Rumänien führt die EU-Armutsstatistik weiterhin an, auch wenn sich einzelne Werte verbessert haben.
Was sich am meisten verändert hat, ist vermutlich nicht nur Ferentari. Es ist auch mein eigener Blick darauf – von der akademischen Distanz eines jungen Zivildienstleistenden zu der gelebten Erfahrung eines Vaters, der seinen Kindern und seiner Partnerin einen Ort zeigt, den er selbst einmal aus einer ganz anderen Perspektive kennengelernt hat.

Den alten Text von 2008 lasse ich online. Er ist ein Dokument seiner Zeit, mit allen Schwächen die ein junger Mensch beim Schreiben hat. Dieser Text hier ist die Fortsetzung – nicht die Korrektur.

Quellen: Eurostat (2024/2025), Euronews, Amnesty International, FRA (EU-Grundrechteagentur), taz, Radio Rumänien International, Wirtschaftskammer Österreich

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