Eine SPD-geführte Regierung zerschlägt eine Beratungsstruktur, die über Jahre gewachsen ist. Das ist keine Verwaltungsentscheidung, das ist eine politische.
Manchmal liest man eine Pressemitteilung und wird wütend. Am 19. Oktober ging es mir so: Die Hamburger Sozialbehörde beendet zum Jahresende die Förderung der bisherigen Integrationszentren. Zwölf Standorte stehen vor dem Aus, betroffen sind laut Pressemitteilung BI Hamburg Süd, Caritas, Diakonie, IKB, Internationaler Bund und verikom.
Was passiert ist
Nach Angaben der Träger führten die Zentren allein im letzten Jahr knapp 33.000 Beratungen durch: zu Aufenthalt, Arbeit, Bildung, Sprache, Existenzsicherung und Sozialleistungen.
Die Trägerschaft wurde neu vergeben. Den Zuschlag erhielt die Stiftung Berufliche Bildung, bekannt vor allem für Arbeitsmarktqualifizierung. Fünf ihrer Tochtergesellschaften sollen die Zentren übernehmen. Das gemeinsame Konzept von Caritas, Diakonie und verikom unterlag, obwohl es nach deren Angaben alle Anforderungen der Ausschreibung erfüllte. Dem neuen Träger bleiben etwas mehr als zehn Wochen bis zum Start.
Die Förderrichtlinie war erst Mitte 2025 neu aufgestellt worden und sollte nach Angaben der Träger bis Ende 2028 gelten. Die Träger haben sich darauf verlassen. Nach wenigen Monaten gilt das nicht mehr.
Was das für Bergedorf heißt
Nach Angaben der Träger trifft es gleich zwei Bergedorfer Standorte: Caritas und Internationaler Bund. Auch Billstedt, Wandsbek/Tonndorf und Steilshoop sind betroffen, also Stadtteile, in denen Beratung besonders gebraucht wird.
Ich arbeite selbst in der Sozialberatung. Ich weiß, wie lange es dauert, bis jemand mit einem Behördenbrief in der Hand eine Beratungsstelle betritt. Vertrauen, Sprachkenntnisse, die Zusammenarbeit mit Schulen, Kitas und Jobcentern: Das ist über Jahre gewachsen. Mit einer Ausschreibung und zehn Wochen Vorlauf bekommt man das nicht neu.
Die Verantwortung liegt beim Senat
Das ist keine Naturgewalt. Der Senat hat die Richtlinie gemacht, die Ausschreibung durchgeführt und den Zuschlag erteilt. Er wird von der SPD geführt, die sich gern als Partei der sozialen Verlässlichkeit darstellt. Verlässlich war das nicht.
Verikom-Geschäftsführerin Sangeeta Fager warnt vor einem „Zickzackkurs in der Förderpolitik“. Das trifft es. Die Behörde hat früher die Vielfalt der Träger betont. Jetzt übernehmen fünf Töchter einer einzigen Stiftung. Sie sagt, sie wolle mobil und digital ausbauen. Das ist sinnvoll, aber es ersetzt keine Beratungsstelle im Stadtteil, die man kennt und zu der man zu Fuß kommt.
Ob Kostenerwägungen eine Rolle spielten, ist öffentlich nicht belegt. Genau deshalb muss die Behörde offenlegen, wie die Konzepte bewertet wurden.
Was ich fordere
- Den Zuschlag aussetzen und die Vergabe überprüfen. Die Bewertung der Konzepte gehört auf den Tisch, auch der Bürgerschaft.
- Keine Schließung zum 31.12. Bestehende Standorte weiterfördern, bis ein neues Angebot nachweislich funktioniert. Eine Lücke im Januar darf es nicht geben.
- Die erfahrenen Teams übernehmen. Wissen, Sprachkompetenz und Netzwerke dürfen nicht entlassen werden.
- Bergedorf braucht feste Standorte. Mobile und digitale Angebote kommen dazu und ersetzen nichts.
- Träger-Vielfalt. Keine Konzentration der Migrationsberatung bei einem einzigen Träger.
- Antworten für den Bezirk. Die Bezirksversammlung Bergedorf muss erfahren, wo sich Ratsuchende ab Januar 2027 hinwenden können.
Ein Blick nach Europa
Am 17. Oktober gingen in mehreren europäischen Ländern Menschen auf die Straße: in Frankreich gegen Lebenshaltungskosten und den Abbau öffentlicher Dienste, in Mailand gegen hohe Lebenshaltungskosten, in Lissabon für höhere Löhne und Renten und gegen steigende Mieten. Die Anlässe sind verschieden, die Botschaft ist ähnlich: Menschen merken, dass der Staat dort spart oder umbaut, wo sie ihn brauchen.
Wer Beratungsstellen abbaut, nimmt Menschen die Stelle, an der sie Staat als hilfreich erleben. In Neuallermöhe lag die Wahlbeteiligung bei 51,6 Prozent. Ich möchte nicht wissen, was passiert, wenn die letzte vertraute Anlaufstelle fehlt.
Mein Fazit
Integration findet im Stadtteil statt, nicht in der Behörde. Wer das vergisst, verliert Menschen, und die lassen sich nicht einfach zurückholen. Der Senat sollte die Entscheidung korrigieren, bevor sie wirkt.
Quellen:
- Pressemitteilung der betroffenen Träger 19.10.2026
- NDR – Integrationszentren in Hamburg vor dem Aus – neuer Träger übernimmt 21.10.2026