Ich heiße Andreas Adigwe Pilot. Die meisten Menschen die mich kennen, kennen nur den ersten und letzten Teil. Adigwe steht dazwischen, oft übersehen, manchmal falsch ausgesprochen, selten hinterfragt.
Zeit das zu ändern.
Ein Großvater, ein Dorf, eine Frage
Mein Großvater kam aus Issele-Uku, einem Ort im heutigen Delta State in Nigeria. Igbo-Land. Ich habe ihn nie wirklich gekannt – nicht so wie man Großväter kennt, mit gemeinsamen Nachmittagen und wiederkehrenden Geschichten. Die Distanz war zu groß, zeitlich und geografisch.
Mehr über meine Wurzeln und die Geschichte meines Großvaters findest du auf der Seite über meinen Großvater Edward Onwochei.
Was ich von ihm habe, ist ein Name. Aber nicht auf dem üblichen Weg.
Als ich 14 Jahre alt war, habe ich ihn gefragt. Ich wollte einen Namen der mehr von ihm in mir trägt als nur ein Viertel meiner Gene. Er hat mir Adigwe gegeben.
Nicht ins Geburtsregister eingetragen. Nicht amtlich bestätigt. Kein Dokument das diesen Namen offiziell macht. Trotzdem trage ich ihn seit diesem Tag – in meinem Alltag, in meiner politischen Arbeit, auf diesem Blog.
Was Adigwe bedeutet
Adigwe ist Igbo. Übersetzt bedeutet er: „Gemeinsam sind wir stark.“
Ich weiß nicht, was genau meinem Großvater durch den Kopf ging als er mir diesen Namen gab. Diese Frage kann ich nicht mehr stellen. Aber der Name passt. Das hat sich erst über die Jahre gezeigt.
Ich bin Sozialpädagoge. Ich bin Betriebsratsvorsitzender. Ich bin ver.di-Vertrauensperson. Ich sitze im Bezirksvorstand der Linken Bergedorf, im Umweltausschuss. Ich gehe auf Demos, zum 1. Mai, zum Lauf gegen Rechts, zu Kundgebungen gegen Kürzungen. Jede einzelne dieser Tätigkeiten beruht auf demselben Prinzip: Einzelne sind schwach. Gemeinsam ist man stark.
Mein Großvater kannte mich kaum. Er konnte nicht wissen, was ich aus meinem Leben machen würde. Trotzdem hat er mir einen Namen gegeben, der genau das beschreibt, was später mein Leben ausgemacht hat.
2004: Ein Monat in Asaba
2004 war ich für einen Monat in Nigeria. Ich habe ein paar Wochen in der Rezeption des Krankenhauses meines Halbonkels in Asaba ausgeholfen – er ist dort Arzt und Inhaber. Keine große Aufgabe, aber genug um eine Zeit lang Teil eines Alltags zu sein der sonst weit weg von mir stattfindet.
In dieser Zeit habe ich ein Notizbuch mit Igbo-Wörtern gefüllt. Begriffe die ich gehört, aufgeschrieben, mir eingeprägt habe. Von all dem ist mir am Ende nur ein Satz wirklich geblieben: Ka chifoo – gute Nacht.
Manchmal denke ich, dass genau das die ehrlichste Form von Verbindung ist. Nicht die perfekte Sprachbeherrschung, sondern ein einzelner Satz der hängen bleibt, weil er jeden Abend gesagt wurde.
Der Name und die Bürokratie
Lange Zeit habe ich Adigwe ganz selbstverständlich genutzt – auch bei Brief- und Paketbestellungen. Bis ich fast ein Paket bei der Post nicht abholen durfte. Mein Name stand nicht im Pass. Amtlich existiert Adigwe nicht. Seitdem bin ich vorsichtiger, wo und wie ich ihn verwende.
Das ist die kleine, bürokratische Kehrseite einer Identität die zwischen zwei Welten hängt: gefühlt echt, amtlich nicht vorhanden. Ein Name den mir mein Großvater gegeben hat, den aber kein deutsches Amt anerkennt.
Ich finde das immer noch seltsam. Ein Name kann so viel bedeuten und trotzdem nichts wert sein, wenn es um ein Formular geht.
Weitergegeben: Nwaka und Amaka
Bei diesem Besuch in Asaba bin ich auch in eine Bibliothek gegangen – ich war dort weil mein Halbcousin Medizin studierte (Mittlerweile sind alle fünf Ärtze geworden). In dieser Bibliothek habe ich ein Buch über Igbo-Namen gefunden und darin geblättert, einfach so, ohne konkreten Anlass.
Ein Name ist mir geblieben: Nwaka. Die Bedeutung hat mich sofort gepackt: „Ein Kind ist wertvoller als Reichtum.“
Ich wusste in diesem Moment noch nicht dass ich diesen Namen einmal selbst vergeben würde. Aber als meine erste Tochter geboren wurde, gab ich ihr Nwaka als Zweitnamen. Rosa Nwaka.
Meine zweite Tochter trägt ebenfalls einen Igbo-Zweitnamen: Amaka. Das bedeutet schlicht Schönheit. Maja Amaka.
Beide Namen kommen aus derselben Quelle wie meiner – aus Nigeria, aus der Sprache meines Großvaters. Ich habe sie nicht zufällig gewählt. Ich wollte dass meine Töchter etwas von dieser Herkunft tragen, so wie ich es selbst mit 14 für mich eingefordert habe.
Drei Namen, eine Sprache, eine Familie über zwei Generationen verbunden: Adigwe, Nwaka, Amaka. Gemeinsam sind wir stark. Ein Kind ist wertvoller als Reichtum. Schönheit.
Eine Verbindung die bleibt
Mein Halbonkel lebt noch in Asaba. Wir haben kaum Kontakt – ein paar Nachrichten. Aber die Verbindung existiert. Ein Krankenhaus in Asaba, ein Dorf in Issele-Uku, ein Name der von dort zu mir gekommen ist, ein Satz der geblieben ist: Ka chifoo.
Beim Ifeoma Fest in Nettelnburg habe ich vor kurzem gespürt, was diese Verbindung bedeuten kann, wenn man sie lebt statt sie nur zu kennen. Caros Mutter, die selbst aus Argentinien zu Besuch war, hat in einem Gespräch mit der Organisatorin Ngozi Utoh-Samuel etwas berührt, das ich erst danach richtig verstanden habe: Menschen die hier leben und ihre Herkunft trotzdem feiern, schaffen etwas das größer ist als Nostalgie. Sie schaffen Gemeinschaft.
Adigwe heißt: gemeinsam sind wir stark. Ifeoma heißt: gute Sachen. Zwei Igbo-Worte, ein Festplatz in Bergedorf, ein Name den ich mit 14 erbeten habe und jeden Tag trage – außer bei der Post.
Warum ich das jetzt schreibe
Ich schreibe diesen Text nicht um Mitleid oder Bewunderung zu erzeugen. Ich schreibe ihn weil Namen Geschichten tragen, die man erzählen sollte, bevor sie verschwinden. Mein Großvater ist nicht mehr da, um gefragt zu werden. Die Geschichte hinter Adigwe hätte ohne dieses Gespräch mit 14 Jahren möglicherweise nie stattgefunden.
Wer in Bergedorf, in Lohbrügge, in der Bezirkspolitik auf den Namen Adigwe trifft, weiß jetzt was dahinter steckt. Ein Dorf in Nigeria. Ein Großvater den ich kaum kannte. Ein Notizbuch voller Wörter von denen nur eins hängen geblieben ist. Und zwei Töchter die diese Sprache weitertragen. Ein Wort das zufällig genau beschreibt, wofür ich stehe.
Ka chifoo.