38 Grad in Bergedorf – was ein Hitzetag mit Klimapolitik zu tun hat

Heute könnte in Hamburg-Bergedorf ein Rekord fallen, der seit fast 80 Jahren steht. Am 29. Juni 1947 wurden an der Wetterstation Hamburg-Bergedorf 36,5 Grad gemessen – der bislang heißeste Juni-Tag in der Geschichte der Hamburger Wetteraufzeichnung. Der Deutsche Wetterdienst erwartet jetzt, an diesem Wochenende, Temperaturen zwischen 37 und 38 Grad für Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern.

Der alte Rekord steht ausgerechnet in meinem eigenen Bezirk. Das ist kein Zufall der Geschichte, der mich kalt lässt – das ist ein Anlass genau hinzuschauen, was Klimawandel auf jeder Ebene bedeutet. Weltweit, deutschlandweit, in Hamburg, in Bergedorf, in Lohbrügge. Und bei mir persönlich.

Weltweit: Die Zahlen werden lauter, nicht leiser

Die CO₂-Konzentration in der Atmosphäre steigt weiter. Am Mauna Loa erreichte das Jahresmittel 2025 laut NOAA 427,35 ppm, im Februar 2026 lag das Monatsmittel bereits bei 429,35 ppm. Die fossilen CO₂-Emissionen lagen 2025 weltweit bei 38,1 Gigatonnen – nahe am bisherigen Rekord. Das verbleibende Budget um die 1,5-Grad-Grenze einzuhalten, beträgt nur noch rund 170 Gigatonnen.

Bei diesem Tempo ist das Budget in wenigen Jahren aufgebraucht. Das ist keine ferne Zukunftsprognose. Das ist eine Frage von Jahren, nicht Jahrzehnten.

Quelle

Statistiken Aktuell, CO2-Emissionen 2026 Überblick: statistiken-aktuell.de/co2-emissionen-treibhausgase-daten/

Wer profitiert – und wer blockiert

Diese Zahlen sind kein Naturphänomen. Sie sind das Ergebnis eines Systems, das genau so funktioniert wie es soll: Kapitalismus, der kurzfristigen Profit über die Lebensgrundlagen aller stellt. Die Klimakrise ist keine Naturkatastrophe. Sie ist eine politische und wirtschaftliche Entscheidung, die seit Jahrzehnten täglich neu getroffen wird.

Öl- und Gaskonzerne haben diese Krise nicht verschuldet, weil sie nichts wussten. Sie haben sie verschuldet, weil sie es wussten und trotzdem weitermachten. ExxonMobil verfügte bereits in den 1970er Jahren über eigene wissenschaftliche Prognosen, die die heutige Erwärmung mit erstaunlicher Genauigkeit vorhersagten. Die Konzernleitung hat dieses Wissen nicht genutzt um umzusteuern. Sie hat es genutzt um eine jahrzehntelange Desinformationskampagne zu finanzieren, Klimaforschung öffentlich zu diskreditieren und politische Regulierung systematisch zu verzögern. Mit Milliardenbudgets, mit gekauften Studien, mit Lobbyarmeen in jeder relevanten Hauptstadt der Welt.

Das ist der Kern: Die fossile Industrie hat die Welt wissentlich in diese Katastrophe geführt – nicht aus Versehen, sondern als Geschäftsstrategie. Und sie wird dafür bis heute belohnt. Weltweit fließen jährlich hunderte Milliarden Dollar an direkten und indirekten Subventionen in fossile Energieträger. Das ist kein freier Markt der die beste Lösung findet. Das ist ein System, das seit Generationen so konstruiert wurde, dass es genau diese Industrie schützt – während die Kosten der Klimaschäden auf die gesamte Menschheit abgewälzt werden.

Das ist Kapitalismus in seiner reinsten Form: Profite werden privatisiert, Schäden werden sozialisiert. Wer am meisten verschmutzt, zahlt am wenigsten dafür. Wer am wenigsten zur Krise beigetragen hat – Menschen im globalen Süden, künftige Generationen, auch die Menschen die heute in Hitzewellen wie dieser am stärksten leiden – trägt die größte Last.
Wenn ich also über CO₂-Preispfade, über Verkehrswende, über Klimapolitik schreibe, geht es nie nur um technische Stellschrauben. Es geht darum, ein System zu durchbrechen, das genau weiß was es tut, und das so lange weitermachen wird, wie es darf. Öl und Gas sind nicht versehentlich schuld an dieser Krise. Sie sind es, weil ein profitgetriebenes System es so eingerichtet hat, dass Schuld keine Konsequenzen hat.

Quellen

CNN Business, ExxonMobil-Klimaforschung der 1970er Jahre: cnn.com/2023/01/12/business/exxon-climate-models-global-warming

IMF Blog, Globale fossile Subventionen „$7 Trillion“: imf.org/en/blogs/articles/2023/08/24/fossil-fuel-subsidies-surged-to-record-7-trillion

Was nicht nur Öl und Gas ist: die Landwirtschaft

Fossile Energie ist nicht die einzige Industrie, die ihre eigentlichen Kosten der Allgemeinheit aufbürdet. Die Landwirtschaft tut das auf eine andere, aber genauso konkrete Art – und das betrifft mich auch persönlich, weil ich seit Jahren vegan und möglichst bio und unverpackt lebe, genau wegen solcher Zusammenhänge.

Fast 90 Prozent der Nitratemissionen in deutschen Gewässern werden der Landwirtschaft zugerechnet, vor allem durch Gülle aus der Massentierhaltung. Jedes Jahr fallen alleine durch Rinder, Schweine, Hühner und Biogas-Gärreste rund 200 Millionen Tonnen Gülle an. 18 Prozent des deutschen Grundwassers überschreiten den gesetzlichen Nitrat-Grenzwert von 50 Milligramm pro Liter – an mehr als einem Viertel der Messstellen ist die Belastung zu hoch. In Niedersachsen, wo die Tierhaltung besonders dicht ist, sind es über 40 Prozent der Flächen.

Das Muster ist dasselbe wie bei der fossilen Industrie: Die EU-Agrarpolitik fließt seit Jahrzehnten überwiegend in flächengebundene Direktzahlungen – unabhängig davon, ob ein Betrieb Massentierhaltung betreibt oder ökologisch wirtschaftet. Erst Anfang Juli wurde ausgerechnet die sogenannte Stoffstrombilanz abgeschafft, ein Instrument das Betriebe zur Überwachung ihrer Nährstoffflüsse verpflichtete – mit der Begründung, sie sei zu bürokratisch. Der Trinkwasserschutz soll stattdessen durch ein „nicht näher genanntes Monitoring“ sichergestellt werden.

Wer vegan, bio und möglichst regional lebt, umgeht einen Teil dieses Systems persönlich. Aber das ändert nichts an der strukturellen Logik: Auch hier werden Kosten – verschmutztes Grundwasser, steigende Trinkwasserpreise, Antibiotikaresistenzen durch Gülle – nicht von den Verursachern getragen, sondern von allen.

Quelle

Deutsche Umwelthilfe, Problemfall Nitrat: duh.de/informieren/landwirtschaft-und-ernaehrung/problemfall-nitrat

Deutschlandweit: Fortschritt, aber zu langsam

Deutschland emittierte 2025 rund 649 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente – ein Rückgang um nur 0,1 Prozent gegenüber 2024. Seit 1990 hat Deutschland seine Emissionen damit um 48 Prozent reduziert. Das 65-Prozent-Ziel für 2030 gilt offiziell noch als erreichbar – aber nur unter der Bedingung, dass zusätzliche Maßnahmen kommen.

Die Sorgenkinder bleiben dieselben wie seit Jahren: Verkehr und Gebäude verfehlen ihre Sektorziele bis 2030 um 169 beziehungsweise 110 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente – mit drohenden Strafzahlungen an die EU. 2025 stiegen die Emissionen im Gebäudesektor witterungsbedingt um 3,2 Prozent, im Verkehr durch höhere Kraftstoffabsätze um 1,4 Prozent. Die Energiewirtschaft und Industrie melden zwar rechnerische Zielübererfüllung – das klingt euphorischer als es ist. Ein erheblicher Teil dieser „Erfolge“ kommt nicht durch echte strukturelle Verbesserung, sondern durch schwache Konjunktur und Produktionsrückgänge: 2025 sanken die Industrieemissionen um 7,2 Prozent vor allem weil weniger produziert wurde, nicht weil sauberer produziert wurde. Sobald die Produktion wieder anzieht, drohen die Emissionen ebenfalls wieder zu steigen. Das ist kein verlässlicher Klimaerfolg, das ist eine Verschnaufpause durch wirtschaftliche Schwäche.

Quellen

Bundesumweltministerium, Pressemitteilung Treibhausgasdaten 2025: bundesumweltministerium.de/pressemitteilung/treibhausgasdaten-zeigen-klimaschutz-braucht-neuen-schub

Umweltbundesamt, aktuelle Treibhausgas-Projektionen: umweltbundesamt.de/themen/klima-energie/klimaschutz-energiepolitik-in-deutschland/szenarien-projektionen/treibhausgas-projektionen/aktuelle-treibhausgas-projektionen

GDV, Umweltbundesamt Klimaziele auf Kurs: gdv.de/gdv/themen/klima/umweltbundesamt-deutschland-bei-klimazielen-bis-2030-auf-kurs-187514

Hamburg: Der Rekord von 1947 in Reichweite

Den bisherigen Temperaturrekord der Hansestadt hält Hamburg-Neuwiedenthal mit 40,1 Grad am 20. Juli 2022 – bis heute der höchste je in Hamburg gemessene Wert. Die Ursache der aktuellen Hitzewelle ist ein stabiles Hochdruckgebiet, das Meteorologen als Omega-Hoch bezeichnen – es blockiert kühlere Luftmassen und Regenfronten, während heiße Luft aus Nordafrika nach Mitteleuropa strömt. Fachleute sprechen von einer Hitzeglocke oder einem Heat Dome.

Solche Wetterlagen sind nicht per se neu. Was neu ist: ihre Häufigkeit und Intensität. Ein Rekord aus 1947 der fast 80 Jahre gehalten hat, könnte jetzt innerhalb weniger Jahre erneut bedroht sein.

Quellen

Radio Hamburg, Hitzewelle und Temperaturrekorde: radiohamburg.de/aktuelles/hamburg/Hitzewelle-im-Norden-Diese-Temperatur-Rekorde-könnten-jetzt-fallen-id1671238.html

t-online Hamburg, Hitzerekorde Norddeutschland: hamburg.t-online.de/region/hamburg/id_101310332/hitzerekord-in-hamburg-so-heiss-war-es-in-hamburg-bereits.html

t-online Hamburg, Hitze-Hammer diese Woche: hamburg.t-online.de/region/hamburg/id_101306546/wetter-in-hamburg-hitzewelle-bringt-bis-zu-34-grad-in-die-stadt.html

Bergedorf und Lohbrügge: Was Hitze hier konkret bedeutet

Für meinen eigenen Bezirk heißt das: mehr Tage wie diesen, an denen man Kinder, ältere Menschen und Vorerkrankte aktiv schützen muss. Es heißt: Grünflächen und Wasserflächen werden wichtiger, nicht weniger wichtig – genau die Themen über die ich im Umweltausschuss diskutiere. Es heißt auch: Jedes Mal wenn ich über Radwege in Bergedorf schreibe, über den Brookdeich oder den Reinbeker Redder, geht es nicht nur um Sicherheit. Es geht auch darum, ob Menschen bei 35 Grad noch bereit sind, aufs Auto zu verzichten, wenn der Radweg schattenlos, ungeschützt und gefährlich ist.

Oberbillwerder, das geplante Neubaugebiet, wird zusätzlich 118 Hektar Ackerland versiegeln – genau in einer Zeit in der Grünflächen als natürliche Kühlung der Stadt wichtiger werden, nicht unwichtiger.

Auch das hier hat einen Preis: Internet, Social Media und KI

Ich will ehrlich sein, auch über die Tools die ich selbst nutze, etwa beim Schreiben dieser Blogbeiträge: Auch Social Media, digitale KI-Dienste wie Claude, ChatGPT oder Gemini verursachen CO₂.

Weltweit verbrauchten Rechenzentren 2025 schätzungsweise 448 Terawattstunden Strom – fast so viel wie ganz Deutschland im selben Jahr. Bis 2030 könnte sich dieser Verbrauch auf rund 945 Terawattstunden verdoppeln. Der CO₂-Ausstoß von Rechenzentren wird für 2025 auf 189 Millionen Tonnen geschätzt, mit einer Projektion auf 399 Millionen Tonnen für 2030 – eine Verdopplung in nur fünf Jahren.

Zur Einordnung: Rechenzentren verursachen derzeit etwa 1 bis 1,5 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen. Das ist deutlich weniger als Stahl und Zement zusammen mit über 15 Prozent, oder Landwirtschaft mit über 10 Prozent. Aber der Trend zeigt steil nach oben, während andere Sektoren zumindest stagnieren oder sinken.

Das ändert nichts an meiner grundsätzlichen Haltung zu fossilen Konzernen und industrieller Landwirtschaft. Aber es gehört zur Ehrlichkeit dazu: Wer wie ich digitale Tools nutzt, um über Klimapolitik zu schreiben, ist nicht automatisch außerhalb des Problems. Auch das hier, dieser Text, hatte einen Stromverbrauch.

Quelle

Greenpeace, KI Energieverbrauch und Umweltauswirkungen: greenpeace.de/ueber-uns/loesungen-finden/kuenstliche-intelligenz-energieverbrauch-und-umweltauswirkungen

Persönlich: Was ich daraus mache

Ich fahre Rad statt Auto, fast täglich, durch Hitze und Regen. Ich heize meine Wohnung sparsam. Ich fliege nicht – Rumänien, Italien, jetzt Spanien, alles mit dem Zug. Das sind keine heroischen Entscheidungen. Sie sind das Minimum das ich beitragen kann, während ich gleichzeitig politisch dafür kämpfe, dass strukturelle Veränderungen passieren, die größer sind als jede individuelle Entscheidung.

Denn das ist der Punkt der bei all den Statistiken oft untergeht: 48 Prozent Reduktion seit 1990 ist ein echter Erfolg. Aber er reicht nicht, wenn Verkehr und Gebäude weiterhin ihre Ziele verfehlen, während die Atmosphäre weltweit ungebremst CO₂ ansammelt.

Was ich von Politik und Wirtschaft erwarte

Auf Bundesebene: ein verlässlicher CO₂-Preispfad, schnellerer Ausbau von Ladeinfrastruktur und Wärmepumpen, und endlich ernsthafte Schritte im Verkehrssektor statt jahrelangem Stillstand.

Auf Hamburger Ebene: konsequente Umsetzung des Klimaplans, nicht nur auf dem Papier. Eine ehrliche Abwägung bei Projekten wie Oberbillwerder zwischen Wohnraumbedarf und Flächenversiegelung.

Auf Bergedorfer Ebene: mehr Schatten, mehr Grün, sichere Radwege die auch im Sommer genutzt werden, eine Bezirkspolitik die nicht an taktischen Mehrheiten zerbricht, wenn es um langfristige Klimaanpassung geht.

Heute, an einem Tag an dem der Rekord von 1947 fallen könnte, ist das kein abstraktes Thema. Es ist die Temperatur draußen vor meiner Tür in Lohbrügge.

Quelle

Agora Energiewende, Stand der Dinge 2025: agora-energiewende.de/publikationen/die-energiewende-in-deutschland-stand-der-dinge-2025

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