Am Tag nach dem 1. Mai war ich auf der Straße. Nicht auf der Demonstration. Auf dem Gravelbike.
Gestern zwei Demos, viel Lärm, viele Menschen. Heute: Regionalbahn kurz vor fünf Uhr morgens nach Lübeck, ein veganes Bio-Croissant am Holstentor, und dann 200 Kilometer durch Felder, Wälder, Trampelpfade und an ehemaligen Grenzanlagen vorbei. Das war kein Widerspruch zum 1. Mai. Das war seine ruhige Fortsetzung.

Die Route: Venus Valley, Lübecker Osten

Der Name klingt romantisch. Die Tour war es teilweise auch – und teilweise gar nicht. Venus Valley ist eine Orbit360-Strecke, die von Lübeck aus in den Osten führt, durch Schleswig-Holstein und dann hinüber nach Mecklenburg-Vorpommern, an mehreren Seen vorbei: Mechower See, Röggeliner See, Neumühler See, Ziegelsee, und als Krönung der Schweriner See.
Unterwegs: Schotter, Landstraße, Feldwege, Trampelpfade. Alles dabei. Das Gravelbike ist genau dafür gebaut.
Fünf Uhr morgens in Lübeck
Ich habe früh morgens die Regionalbahn genommen – mit Fahrradticket, wie immer. In Lübeck war es noch kühl und still. Das Holstentor im ersten Morgenlicht, kein Tourist weit und breit. Veganes Bio-Croissant vom Markt der schon offen hatte. Dann losgefahren.
Es gibt etwas an frühen Morgen auf dem Rad das ich schwer erklären kann. Die Welt gehört einem noch nicht, aber man ist drin. Der Tag fängt an und man ist dabei.

Was unterwegs passiert ist

Am Schweriner See wurde es anstrengend. Viele umgestürzte Bäume lagen quer über dem Weg – Sturmschäden die niemand weggeräumt hat. Klettern, Rad heben, Wege suchen. Das ist kein Klagen, das ist ein Bericht. Wer solche Strecken fährt, weiß dass das dazugehört.
Dafür: Hasen und Rehe die aus dem Gebüsch schossen, ein Dutzend Mal. Und eine Schlange, blauschwarz schimmernd, quer über den Weg. Ich habe angehalten und zugeschaut bis sie verschwunden war.
Ein besonderes Stück war die Strecke entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Zwischen dem Mechower See und dem Mechower Holz führt der Weg direkt an der Grenzlinie entlang – dort wo bis 1989 eine der schärfsten Grenzen der Welt verlief. Man sieht es nicht mehr. Aber man weiß es. Und das verändert wie man fährt.

Über Geschwindigkeit und Nachdenken

Im Alltag – auf dem Weg zur Arbeit – höre ich beim Fahren politische Podcasts. Auf solchen Orbit360-Touren nicht. Ich fahre, ich schaue, ich denke. Keine Agenda, kein Informationskonsum. Einfach ankommen.
Es geht nicht um die Schnelligkeit. Es geht ums Ankommen – nicht nur am Ziel, sondern im Moment. Das ist der Unterschied zwischen Alltagsradeln und einer langen Tour. Und es ist der Grund warum ich beides brauche.
200 Kilometer. Keine persönliche Bestzeit. Kein Wettbewerb. Eine gute Tour.
Die Route als GPX-Track gibt es auf orbit360.cc – wer die Strecke selbst fahren möchte, findet dort alle Informationen.

Rückfahrt: Die ehrliche Version
Die Hinreise war entspannt – früh morgens, Regionalbahn, Fahrrad problemlos mitgenommen. Die Rückfahrt war das Gegenteil.
Den ersten Zug habe ich um eine Minute verpasst. Im nächsten wurden alle Radfahrer rausgeworfen – zu voll. Ergebnis: Ich saß um 20 Uhr in einem überfüllten Zug auf dem Fußboden und wartete darauf nach Hause zu kommen.
Ich erzähle das nicht um zu klagen. Und ich erzähle es nicht um die Bahn schlecht zu reden – ich fahre sie täglich, ich fahre sie lieber als jede Alternative, und ich werde sie weiter fahren. Aber ich erzähle es weil es zur Realität gehört.
Wer möchte dass mehr Menschen das Auto stehen lassen und mit dem Rad und der Bahn reisen, muss auch dafür sorgen dass das funktioniert. Zuverlässige Fahrradstellplätze im Zug. Ausreichend Kapazität. Keine Radfahrer die auf dem Bahnsteig stehen bleiben während der Zug weiterfährt.
Das ist keine Utopie. Das ist Infrastrukturpolitik. Und bis dahin sitze ich eben manchmal auf dem Fußboden.
