Ich fahre täglich Fahrrad – zur Arbeit nach Wandsbek und Billstedt, durch die Boberger Niederungen, durch Bergedorf. Ich kenne die Straßen hier. Und ich weiß wo es funktioniert, wo es halbwegs geht und wo es schlicht gefährlich ist.
Als Mitglied im Umweltausschuss Bergedorf – wobei Radweginfrastruktur eigentlich in den Verkehrsausschuss gehört – beschäftigt mich das nicht nur persönlich. Es ist eine politische Frage: Wer soll in Bergedorf Fahrrad fahren, wenn die Infrastruktur so aussieht?
Ich habe Straßen fotografiert. Hier ist was ich gesehen habe.
Was tatsächlich funktioniert
Es gibt sie. Stellen, an denen die Stadt das richtig gemacht hat.
Der Brookdeich zeigt dass es manchmal noch einfacher geht: keine aufwendige Infrastruktur, sondern eine kluge Entscheidung. Die Straße verläuft parallel zur B5, ist zur Fahrradstraße erklärt, Vorfahrt für Radfahrende, PKW als Gäste. Ruhig, entspannt, fast sicher. Heute schon einer der besten Wege im Bezirk – und in Zukunft Teil der Radroute Plus nach Geesthacht.
Die Vierlandenstraße hat eine Fahrrad-Wartehilfe an der Ampel – ein kleines Podest zum Festhalten beim Warten, ohne absteigen zu müssen. Klingt nach Kleinigkeit. Ist es nicht. Es zeigt, dass jemand nachgedacht hat wie Radfahren im Alltag funktioniert.
Der Sander Damm ist einer der besseren Radwege im Bezirk – klarer roter Belag, breite Streifen, meistens gut nutzbar.
Und dann ist da der Obere Landweg / Kurt-A.-Körber-Chaussee – das beste Beispiel für einen baulich getrennten Radweg im Bezirk. Über weite Strecken gut geschützt, gut sichtbar. Besonders gelungen: die Lösung unter der S-Bahn-Brücke bei Nettelnburg – das zeigt dass es geht, wenn man es wirklich durchdenkt. Einziger Wermutstropfen: bei manchen Ein- und Ausfahrten entlang der Chaussee – zum Beispiel beim OBI – hätte eine bessere Lösung die Strecke komplett machen können. Insgesamt aber das Modell das andere Straßen in Bergedorf sich zum Vorbild nehmen sollten.
Das gibt es. Es gibt gute Ansätze. Das ist wichtig zu sagen.
Was mich täglich nervt – und warum es gefährlich ist
Aber dann ist da der Rest.
Der gestrichelte Schutzstreifen. Kein Bordstein, kein Abstand, nur eine weiße Strichlinie zwischen mir und einem Auto das mit 50 km/h vorbeifährt. Wenn ein Lieferwagen hält, existiert mein „Radweg“ nicht mehr. Das ist kein Radweg. Das ist ein Alibistrich auf dem Asphalt.
Gehwege mit „Fahrrad frei“-Schild. Fußgänger haben Vorrang, zu Recht. Ich schleiche also mit 10 km/h über unebenes Pflaster, weiche Kinderwagen aus, entschuldige mich beim älteren Herrn. Das ist keine Lösung. Das ist die Verwaltung die sagt: wir haben keinen Platz für euch, macht das irgendwie unter euch aus.
Und dann diese Baken. Rot-weiße Absperrungen die mitten auf dem Radweg stehen. Manchmal monatelang. Weil eine Baustelle nebenan ist. Weil irgendjemand dachte, der Radweg ist ein guter Stellplatz für Schilder.
Die konkreten Stellen – gut und schlecht
Damit das nicht abstrakt bleibt. Was ich fotografiert habe:
🔴 Reinbeker Redder – Das vollständige Chaos in einer Strecke. Der Radweg wechselt ständig die Seite, hört plötzlich auf, Drängelgitter zwingen zum Absteigen. Dann wird man auf eine Parallelstraße mit Autos geführt. Mal links, mal rechts, mal Schutzstreifen, mal Gehweg. Wer diese Strecke nicht kennt, ist verloren.
🔴 Bergedorfer Straße – Unter der S-Bahn-Brücke endet der Radweg. Einfach so. Kein Hinweis, kein Übergang. An Bushaltestellen wird er schmal oder verschwindet ganz.
🔴 Curslacker Neuer Deich – Kein echter Radweg. Nur „Fahrrad frei“. Einseitiger Zweirichtungsweg ohne Schutz an Einmündungen. An der Einmündung Lehfeld wurde ein Radfahrer von einem abbiegenden PKW erfasst. Kein Zufall – das ist das Ergebnis fehlender Planung.
🟡 Lohbrügger Landstraße – Breiter als der Curslacker Deich, etwas sicherer. Aber ebenfalls Zweirichtungsweg, der von Autofahrern regelmäßig missachtet wird und gelegentlich zugeparkt ist. Besser als nichts – aber kein Standard.
🟡 Ludwig-Rosenberg-Ring – Hier gibt es tatsächlich einen Kopenhagener Radweg: baulich von der Fahrbahn getrennt, klar erkennbar. Das richtige Konzept. Aber er ist nicht durchgehend. Genau dort wo es gefährlich wird – an Kreuzungen, an Einmündungen – wird man auf die Straße geführt. Man weiß wie es geht. Man baut es nur nicht zu Ende.
🟡 Sander Damm – Meistens gut, klarer roter Belag. Aber zwischen OBI und Ford Krüll bricht die Qualität plötzlich ein. Und die Kreuzungen könnten deutlich besser gestaltet sein.
🟢 Vierlandenstraße – Fahrrad-Wartehilfe, klare Führung. Klein, aber durchdacht. Mehr davon.
🟢 Oberer Landweg / Kurt-A.-Körber-Chaussee – Baulich getrennter, gut geschützter Radweg über weite Strecken. Die Unterführung an der S-Bahn-Brücke Nettelnburg ist vorbildlich gelöst. Bei einzelnen Ein- und Ausfahrten gibt es Luft nach oben, insgesamt aber das Vorbild im Bezirk.
🟢 Brookdeich – Das beste Konzept in Bergedorf. Die Straße verläuft parallel zur B5 Rothenhauschaussee und wurde zur Fahrradstraße umgebaut: Die bisherige Rechts-vor-links-Regelung an den Einmündungen wurde durch Vorfahrt für den Brookdeich ersetzt. PKW sind auf weiten Teilen auf Anlieger beschränkt. Das Ergebnis: Eine verkehrsberuhigte Parallelroute, auf der Radfahrende klar Vorrang haben – ruhig, fast sicher, von Börnsen bis in die Bergedorfer Innenstadt. In Zukunft soll hier die Radroute Plus nach Geesthacht verlaufen – auf einer Gesamtlänge von rund 30 Kilometern, dem derzeit größten länderübergreifenden Radschnellwege-Projekt in Deutschland.
Was mich daran am meisten beeindruckt: Es brauchte keine neuen Straßen, keine teuren Bauwerke. Es brauchte den Mut die Vorfahrt einmal zugunsten des Radverkehrs umzukehren. Genau dieses Prinzip wäre auf den Reinbeker Redder übertragbar. Was fehlt ist nicht der Platz – was fehlt ist der politische Wille.
Warum das politisch ist
Ich sitze im Umweltausschuss Bergedorf. Radverkehr gehört eigentlich in den Verkehrsausschuss – aber die Themen schwappen rüber, weil Verkehr und Umwelt untrennbar sind.
Was ich dort sehe: Es mangelt nicht an guten Absichten. Es mangelt an Priorisierung, an Geld, und manchmal auch an Mut. Der Flickenteppich hat einen Grund: Jede Lücke, jedes fehlende Stück wurde irgendwann mal weggekürzt, verschoben, vergessen.
Hamburg hat den Hamburger Klimaplan. Den Radverkehrsplan. Die Ziele klingen gut. Aber wer täglich durch Lohbrügge fährt, spürt den Abstand zwischen Papier und Pflaster.
Das ist kein Angriff auf Einzelne. Das ist ein Strukturproblem. Und Strukturprobleme löst man nicht mit Goodwill – sondern mit Budget, Kontrolle und Konsequenz. Der Brookdeich und der Obere Landweg zeigen: Es geht. Wenn man es will.
Was ich mir wünsche
Keine Utopien. Konkret:
Lückenloses Netz. Kein Radweg der einfach aufhört. Keine Route die auf halbem Weg an einem Gehweg endet weil die Brücke fehlt.
Physische Trennung, nicht Strichlinien. Bordstein oder Poller. Etwas das auch bei Tempo 50 Schutz bietet (oder noch besser nur Tempo 30 innerorts).
Kontinuierliche Kontrolle. Baken und Absperrungen auf Radwegen dürfen nicht wochen- oder monatelang stehen bleiben.
Investitionen raus aus Lohbrügge und Bergedorf-Nord. Die guten Stellen sind fast alle rund um den Bergedorfer Bahnhof oder an Vorzeigeprojekten wie dem Brookdeich. Weiter draußen wird es schnell mager.
Den Mut des Brookdeichs auf andere Straßen übertragen. Parallelrouten zur Hauptstraße, Vorfahrt für Radfahrende, PKW als Gäste – das ist keine Utopie. Das ist Bergedorf, heute, 2025.
Ich fotografiere weiter. Und ich bringe es dorthin, wo entschieden wird.