Es beginnt, wie so viele meiner Abenteuer beginnen: mit einem Kompromiss, der sich im Nachhinein als Glücksfall herausstellt. Ich bringe meine Töchter zu ihrem Zeltlager nach Höxter. Es ist ihr zweites – und diesmal legen sie eine Prüfung ab und kehren mit blauen Halstüchern zurück. Ich bin stolz. Und während sie ihre Tage mit Lagerfeuer, Gemeinschaft und Bewährungsproben verbringen, habe ich drei Tage für mich. Drei Tage, ein Gravelbike, vollgepackte Taschen und das Weserbergland.
Der Plan: zwei Orbit360-Touren im Weserbergland. Wer die Orbit360 Gravel Series nicht kennt: Es handelt sich um das weltweit erste DIY-Cycling-Event, entstanden aus den Einschränkungen der Corona-Pandemie. Über 5.000 Fahrer:innen haben bisher teilgenommen, mehr als 100 Orbits wurden von der Community in ganz Deutschland gescouted. Man fährt allein oder zusammen – jeder in seinem eigenen Tempo, auf eigene Faust, ohne Startschuss und Ziellinie. Echte Touren, keine Sonntagsausfahrten.
Die Tour: ENJOYYOURORBIT Süd – eine kluge Kürzung

Ursprünglich stand die volle ENJOYYOURORBIT auf dem Plan – 250 Kilometer, rund 4.000 Höhenmeter, offiziell mit 22 Stunden angegeben. Realistischerweise zu viel für einen einzigen Bikepacking-Tag mit beladenen Taschen und dem Ziel, abends noch an einer Campingrezeption anzukommen.
Die Lösung fand ich auf gräwwel.de: eine gekürzte Südvariante mit 149 Kilometern und rund 2.300 Höhenmetern. Dieselbe DNA, derselbe Charakter, aber machbar an einem langen Sommertag. Eine kluge Entscheidung, wie sich zeigen sollte.
Eine Vorgeschichte: Das Navi und der Donnerstagabend
Zwei Tage vor Abfahrt geht mein Sigma ROX kaputt. Einfach so. Nach vier Jahren zuverlässigem Dienst – auf dem Arbeitsweg, auf Orbit-Touren, auf Wanderungen – zeigt er plötzlich nichts mehr. Ohne Navi durch das Weserbergland navigieren? Mit vollbepacktem Gravelbike und zwei Orbit-Routen im Kopf? Keine Option.
Donnerstagabend, Kleinanzeigen. Innerhalb von einer Stunde finde ich ein gebrauchtes Gerät in Bahrenfeld. Ich fahre hin, kaufe es, lade die Touren auf, teste die Grundfunktionen. Es funktioniert.
Die Reise ist gerettet. Manchmal läuft es eben so.
Freitagabend: Ankunft mit dem letzten Licht
Der Zug bringt mich um 17:32 Uhr nach Höxter-Ottbergen. Töchter abgeliefert, Rad start klar. 20 Kilometer Weser entlang nordwärts, dann bin ich am Camping Rühler Schweiz in Bodenwerder – kurz nach 19 Uhr. Der Empfang schließt offiziell um 17 Uhr.
Ich hatte vorher eine Mail geschrieben und gefragt, ob das ein Problem ist. Die Antwort war herzlich und eindeutig: kein Problem. Nette Menschen, ein Zeltplatz direkt am Flussufer, das leise Rauschen der Weser. Ich koche Rote Linsensuppe auf dem Esbit-Kocher, trinke Leitungswasser und bin um 21 Uhr im Schlafsack.
Die Welt ist manchmal sehr einfach.

Samstag: 154 Kilometer, Friedhofsbrunnen und ein Reh

Früh raus. Overnight-Porridge kalt, Instantkaffee. Um kurz nach 6 Uhr rolle ich los – zunächst 24 Kilometer vom Camping zum Einstieg der Route. Die Weser selbst ist die beste Einleitung: flach, ruhig, leichter Rückenwind, Nebel über den Feldern.
Dann beginnt die eigentliche Tour. Vorbei am Kernkraftwerk Grohnde – diesem stillen Betonkoloss am Flussufer, der einen kurz innehalten lässt. Dann westlich, hoch in den Süntel.
Das Weserbergland unterschätzt man. Die Anstiege sind kurz, aber heftig. Keine langen Pässe wie in den Alpen – sondern brutale, kurze Rampen, die sich wiederholen. Rauf, runter, rauf, runter. Der Körper bekommt keine Pause.
Mai im Weserbergland kann gnadenlos heiß sein. Gerettet haben mich der Wald – und die Friedhöfe. Klingt makaber, ist es nicht: Die alten Dorffriedhöfe im Weserbergland haben fast alle einen Wasserhahn mit frischem Wasser zum Gießen. Sauber, kühl, kostenlos. Ein Tipp für alle die diese Route fahren: Friedhöfe sind zuverlässige Wasserquellen.
Am Philosophenhügel südlich von Hessisch Oldendorf mache ich Pause. Man sitzt dort, schaut auf den Wald und denkt nach. Über Geschwindigkeit. Über Stille. Darüber, wie seltsam es ist, dass wir uns für diese Erfahrungen extra freischaufeln müssen.
Irgendwo auf einem Forstweg zwischen Nienstedter Pass und Vogler steht ein Reh mitten auf dem Weg. Es schaut mich an. Ich schaue es an. Wir sind beide überrascht. Es springt in den Wald, ich fahre weiter.
Der Vogler ist das letzte große Kapitel der Tour – und der schönste. Schotterwege, weite Ausblicke ins Weserbergland, das Tal tief unten. Gut, dass ich dieses Stück nicht abgekürzt habe.
10 Stunden und 26 Minuten nach dem Start zeigt der Sigma ROX 11.1 EVO: 154,28 Kilometer. Ich erreiche Hamelns Altstadt kurz vor Einbruch der Dunkelheit, esse warm und schlafe tief.
Umweltpolitischer Einschub – weil er hier hingehört
Diese Tour ist per Zug angereist und per Zug abgereist. Kein Auto, kein Gepäck das irgendwo wartet. Das Gravelbike ist das einzige Fortbewegungsmittel für drei Tage.
Ich schreibe das nicht um mich zu loben. Ich schreibe es, weil ich unterwegs durch Landschaften fahre, die unter Druck stehen: Windparks auf Hügelkuppen, Monokulturen wo Mischwald sein könnte, das Kernkraftwerk Grohnde als Mahnmal einer anderen Energiepolitik. Und weil die Hitze an diesem Wochenende kein Naturereignis war – sondern Symptom.
Das Weserbergland ist wunderschön. Es ist auch verwundbar.
Bikepacking lehrt nebenbei eine Art Genügsamkeit, die ich im Alltag zu oft vergesse. Ein Kilo Essen für drei Tage. Ein Topf. Kein Kühlschrank, keine Verpackung die entsorgt werden muss. Und die Friedhofsbrunnen? Die sind das Sinnbild einer Infrastruktur die niemand gebaut hat um klimafreundlich zu sein – und es trotzdem ist. Manchmal sind die besten Lösungen die ältesten.

Sonntag: Deister Delta, Schaumburg und der kluge Abbruch
Deister Delta. 172 Kilometer, fast 4.000 Höhenmeter. Ich starte früh, wieder vom Camping Hameln aus. Die Beine haben den Vortag gespeichert – das merkt man.
Die Route führt zunächst zur Schaumburg – einem der markantesten Punkte der Tour. Die mittelalterliche Burg thront über dem Weserbergland, Blick in alle Richtungen. Es ist früh am Morgen, noch kein Tourist, nur das Rad und der Panoramablick.
Weiter Richtung Rinteln, dann durch den langen Nordbogen via Barsinghausen und über den Deister-Nordkamm. Waldkämme, schmale Trails, wieder diese kurzen steilen Rampen. Und wieder die Hitze, diesmal noch gnadenloser als am Vortag.
Bei Kilometer 147 mache ich Halt an einer Waldbank. Vor mir laut Sigma: noch ein langer, heftiger Anstieg. Hinter mir: ein langer, erlebnisreicher Tag. Die Dunkelheit kommt in drei Stunden. Der Tank ist leer.
Ich entscheide mich, abzubrechen. 25 Kilometer vor dem rechnerischen Ziel.
Es ist die beste Entscheidung des Wochenendes. Nicht weil ich aufgebe – sondern weil ich erkenne, wann eine Tour genug gegeben hat. Schaumburg gesehen. Den Deister-Nordkamm gequert. Saupark überlebt. Was fehlt, sind 25 Kilometer und ein Häkchen auf einer Liste. Das Häkchen interessiert mich weniger als das, was ich erlebt habe.

Montag: Rückkehr, blaue Halstücher und eine Bahn die nicht wartet
Die Rückfahrt von Hameln nach Höxter führt noch einmal 53 Kilometer durch das Weserbergland – diesmal entspannt, ohne Stoppuhr, die Weser immer in der Nähe.
In Höxter hole ich meine Töchter ab. Blaue Halstücher, stolze Gesichter, viele Geschichten. Dann der Zug nach Hamburg.
In Kreiensen wartet der RE2 Richtung Hannover – fünf Minuten Umsteigezeit laut Fahrplan. Der RB84 kommt mit knapp fünf Minuten Verspätung an. Der RE2 steht noch am Bahnsteig. Die Türen öffnen nicht mehr.
Wir schauen dem Zug hinterher.
Den gebuchten ICE 588 in Hannover verpassen wir. Ein neues Ticket: 69,65 Euro. Und als wir später nachschauen: Der ursprüngliche ICE 588 ist ohnehin ausgefallen.
Die Beschwerde ist formuliert. Die EU-Fahrgastrechteverordnung ist auf meiner Seite. Aber es bleibt das bittere Gefühl: Drei Tage habe ich erlebt, wie reibungslos Mobilität ohne Auto funktionieren kann. Und dann das.
Wir brauchen eine Bahn die funktioniert. Nicht als Notlösung für diejenigen ohne Auto – sondern als selbstverständliche, zuverlässige Alternative. Für Familien. Für Bikepacker. Für alle die den Klimawandel ernst nehmen und entsprechend handeln wollen – und dann vor verschlossenen Türen stehen.
Was bleibt

Zwei Orbit-Touren, eine davon vollständig, eine mit 147 von 172 Kilometern. Ein Campingplatz mit herzlichen Menschen direkt an der Weser. Ein Reh im Wald. Die Schaumburg im Morgenlicht. Friedhofsbrunnen die Leben retten. Zwei Töchter mit blauen Halstüchern. Couscous aus dem Esbit-Topf der besser schmeckt als er klingt. Und ein klarer Tipp für das nächste Mal: keine Vollkorn-Wraps. Zu trocken. Zu zäh. Das Weserbergland hat genug eigene Härten.

Und das leise Versprechen an mich selbst, wiederzukommen. Für die letzten 25 Kilometer des Deister Delta. Das Weserbergland wartet.
Gefahren mit: Kona Rove AL Gravelbike, AGU Bikepacking-Set, Ortlieb Gabeltaschen, Cumulus Dynamic Schlafsack, Decathlon Einpersonenzelt, Sigma ROX 11.1 EVO
Tour 1: ENJOYYOURORBIT Süd – 154 km / ~2.300 Hm / 10:26h Tour 2: Deister Delta – 147 km / ~3.500 Hm (25 km vor Ziel abgebrochen) Übernachtet: Camping Rühler Schweiz, Bodenwerder & Camping Hameln an der Weser
