STOP – Organizing gegen Partnergewalt

Teil 5 einer sechsteiligen Serie über Community Organizing.

In den ersten vier Teilen dieser Serie ging es um Theorie, Geschichte und Kritik – Alinsky, die USA, Deutschland, die Frage nach neoliberaler Vereinnahmung. Jetzt wird es konkret: um ein Themenfeld, das auf den ersten Blick wenig mit klassischem Organizing zu tun zu haben scheint, aber auf den zweiten Blick zeigt, wie übertragbar das Prinzip wirklich ist.

2013: Eine Pilotfortbildung

2013 habe ich an der Pilotfortbildung zu STOP – Stadtteile ohne Partnergewalt teilgenommen. STOP arbeitet nach dem Organizing-Prinzip – demselben Prinzip, das ich Jahre vorher bei der Bürgerplattform Impuls-Mitte in Hamm und Horn kennengelernt hatte, nur angewendet auf ein völlig anderes Problem.

Partnergewalt ist genau das Thema, bei dem klassisches Organizing zunächst unpassend wirken könnte. Organizing lebt von Öffentlichkeit, von Konflikt, von sichtbarer Mobilisierung. Partnergewalt dagegen passiert hinter verschlossenen Türen, wird verschwiegen, bleibt oft unsichtbar bis es zu spät ist.

Wie sich das Prinzip übertragen lässt

Die Grundidee von STOP ist trotzdem dieselbe wie bei jeder Bürgerplattform: Nachbarschaften, Institutionen und Einzelpersonen werden so vernetzt und sensibilisiert, dass hingeschaut wird, bevor es zu spät ist. Nicht eine einzelne Beratungsstelle soll das Problem lösen, sondern ein ganzes Geflecht aus Schlüsselpersonen im Stadtteil – Nachbarn, Vereine, Kirchengemeinden, Schulen – die gemeinsam eine Kultur des Hinsehens statt Wegsehens aufbauen.

Das ist exakt die Logik der „Broad-Based“-Organisation aus Teil 1 dieser Serie: nicht eine Institution allein, sondern viele verschiedene, im Stadtteil verankerte Akteure, die gemeinsam ein Thema bearbeiten das vorher niemand allein hätte angehen können.

Was das mit meiner heutigen Arbeit zu tun hat

Ich sitze seit 2012 in der Sozialberatung bei meinem Träger – montags und freitags, mit überwiegend rumänischen Klientinnen und Klienten in Billstedt. Partnergewalt ist dort, wie in jeder Beratung, immer wieder ein stilles Thema im Hintergrund, auch wenn es selten explizit ausgesprochen wird. Was ich 2013 bei STOP gelernt habe, beeinflusst bis heute, wie aufmerksam ich in solchen Gesprächen zuhöre.

Der Lauf gegen Gewalt

Jedes Jahr nehme ich am Benefizlauf „Laufend gegen Gewalt“ der Hamburger Frauenhäuser teil – inzwischen zum dritten Mal, rund um die Außenalster. Auch dort ist STOP regelmäßig mit einem eigenen Infostand vertreten. Ich laufe nicht, weil ich besonders sportlich bin. Ich laufe, weil Sichtbarkeit der erste Schritt zu jeder Organizing-Arbeit ist – genau wie Alinsky es beschrieben hat: Eine Gruppe die unsichtbar bleibt, hat keine Macht. Erst durch Sichtbarkeit entsteht der gesellschaftliche Druck, der wirkliche Veränderung möglich macht.

Was STOP von klassischem Organizing unterscheidet

Bei Impuls-Mitte ging es um Themen wie Parkplätze, Schulwege, Jugendangebote – sichtbare, besprechbare Probleme des Alltags. Partnergewalt ist anders: Wer betroffen ist, kann oft nicht selbst zur Schlüsselperson werden, weil genau das die eigene Sicherheit gefährden würde. Hier braucht es eine andere Rolle für Organizing: nicht in erster Linie die Betroffenen selbst zu mobilisieren, sondern ihr Umfeld – Nachbarn, Kolleginnen, Vereinsmitglieder – zu befähigen, hinzuschauen und zu handeln.

Das zeigt etwas, das schon in Teil 1 dieser Serie anklang: Community Organizing ist keine starre Methode, sondern eine theoriegeleitete Praxis, die sich den jeweiligen Gegebenheiten anpasst. Bei STOP bedeutet das: das Prinzip bleibt gleich, die Umsetzung verändert sich vollständig.

Im letzten Teil dieser Serie ziehe ich eine persönliche Bilanz: Was von den Idealen aus meinen Studientexten von 2008 bis 2011 hat sich in der Praxis bewährt – bei den Haustürgesprächen gegen die Hamburger Olympiabewerbung, in meiner Betriebsratsarbeit, im Umweltausschuss Bergedorf? Und was nicht?

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