
Am Sonntagabend wurde an der Einmündung Lehfeld in den Curslacker Neuen Deich in Bergedorf ein Radfahrer von einem PKW erfasst. Der Fahrer wollte aus dem Lehfeld in den Curslacker Neuen Deich einbiegen – und übersah den Radfahrer auf dem Radweg. Glücklicherweise kam der Unfall glimpflich aus. Der Radfahrer wurde nur leicht verletzt.
Aber er hätte nicht passieren müssen.
Ich schreibe das nicht um Empörung zu produzieren, sondern weil ich täglich selbst Rad fahre – von Lohbrügge nach Wandsbek, durch die Boberger Niederungen – und weil ich weiß: Das ist kein Einzelfall, das ist Systemversagen.
Bild aus dem Facebook-Post von Bergedorf.tv, veröffentlicht am 21.04.2026, abgerufen am 21.04.2026
Was an dieser Einmündung fehlt
Die Situation am Lehfeld ist typisch für hunderte Einmündungen in Hamburg: Ein Radweg führt entlang der Hauptstraße. Eine Nebenstraße mündet ein. Der Autofahrer, der einbiegen will, schaut nach links auf den fließenden Verkehr – und sieht den Radfahrer auf dem Radweg zu spät oder gar nicht.
Das ist kein Versagen des einzelnen Fahrers. Das ist ein Gestaltungsproblem.
Was helfen würde, zeigt das Konzept der Schutzinsel – dokumentiert unter anderem von der Initiative „Darmstadt fährt Rad“ in ihrer Reihe „Pimp dein Radweg„. Das Prinzip ist einfach: Eine bauliche Dreiecksinsel oder farbige Sperrfläche trennt den Radweg von der Einmündung. Der Autofahrer muss an einer Wartelinie halten, bevor er den Radweg kreuzt. Der Radweg ist farblich markiert – grün, rot, egal welche Farbe – Hauptsache sichtbar. Der Fahrer weiß: Hier ist ein Radweg. Hier fahren Menschen.
In den Niederlanden ist das Standard. In deutschen Städten die Ausnahme. In Bergedorf: kaum vorhanden.


Screenshot der Straßenecke Lehfeld / Curslacker Neuer Deich, Quelle: Google Street View, Zugriff 21.04.2026
Ein Detail das die Situation am Curslacker Neuer Deich verschärft
Der Radweg am Curslacker Neuer Deich ist kein echter Radweg. Es gibt ihn nur auf einer Seite der Straße – und dabei handelt es sich um einen Zweirichtungsweg, keinen regelkonformen, eigenständigen Radweg. Das bedeutet: Radfahrende aus beiden Richtungen teilen sich eine schmale Spur, die eigentlich für Fußgänger gebaut wurde. Wer aus der Gegenrichtung kommt, ist ohnehin für Autofahrer aus Nebenstraßen noch schwieriger zu sehen.
Genau das macht Einmündungen wie die am Lehfeld besonders gefährlich. Ein Auto das aus dem Lehfeld einbiegt, muss nicht nur nach rechts auf den Gegenverkehr achten – sondern theoretisch auch damit rechnen, dass ein Radfahrer aus der „falschen“ Richtung auf dem Zweirichtungsweg kommt. Eine Situation die diese Straßenführung grundlegend ungeeignet macht für den wachsenden Radverkehr zwischen Curslack, Kirchwerder und Bergedorf-Mitte.
Was die Zahlen sagen
Screenshot aus dem Vimeo-Video von Nick Falbo, abgerufen am 21.04.2026
2025 starben elf Radfahrerinnen und Radfahrer auf Hamburgs Straßen. Damit stellten sie mehr als die Hälfte aller 21 Verkehrstoten in der Stadt. Allein in der Woche vor dem Bergedorfer Unfall starben zwei Radfahrer bei Abbiegeunfällen mit LKW. Mehr als 500 Menschen nahmen an einer Mahnwache in Harburg teil, wo kurz zuvor ein elfjähriger Junge auf seinem Rad überrollt worden war.
Diese Zahlen beschreiben kein Pech. Sie beschreiben ein System das Radfahrende nicht schützt.
Der ADFC Hamburg fordert als Konsequenz verpflichtende Abbiegeassistenten für LKW, gegebenenfalls eine Beifahrerpflicht, und vor allem eine Infrastruktur die dem wachsenden Radverkehr gerecht wird.

Das Dilemma: Die bessere Alternative existiert – aber noch nicht vollständig

Es gibt eine attraktive Alternative zu gefährlichen Straßenradwegen wie am Curslacker Neuer Deich: den Weg entlang der Bille. Abseits des Autoverkehrs, naturbelassen, direkt von Bergedorf in Richtung Hamburger Innenstadt. Der Traum eines durchgängigen Rad- und Wanderwegs entlang der Bille ist in Bergedorf seit Jahren Thema – und nach einem Bericht des Hamburger Abendblatts von März 2026 vorerst geplatzt. Eine fehlende Brücke verhindert die Verbindung, die Finanzierung ist unklar, das Projekt liegt auf Eis.
Das ist ein echtes Dilemma. Solange der Billeweg keine durchgängige Alternative bietet, bleibt der Curslacker Neuer Deich die Hauptroute für Radfahrende aus den Vier- und Marschlanden. Und solange diese Strecke so gebaut ist wie heute – ein Zweirichtungsweg, ohne Schutzinseln, ohne Markierungen – werden Unfälle wie der am Lehfeld passieren.
Der Unfall am Lehfeld muss Konsequenzen haben. Konkret und lokal:
Erstens: Die Einmündung Lehfeld/Curslacker Neuer Deich muss geprüft und umgestaltet werden – mit Schutzinsel.
Zweitens: Der Bezirk Bergedorf braucht eine systematische Erfassung von Unfallschwerpunkten und einen Plan wie diese entschärft werden.
Drittens: Der Hamburger Senat muss die ADFC-Forderung nach Abbiegeassistenten für LKW auf Bundesebene aktiv unterstützen.
Wer selbst eine gefährliche Stelle in Bergedorf kennt: Schreib mir oder dem Bezirksamt. Konkrete Orte zählen.
Das Konzept der Schutzinsel und Schutzkreuzung von Darmstadt fährt Rad ist hier dokumentiert: darmstadtfaehrtrad.org
