
Ostern 2021. Ich stand morgens in Lohbrügge, vollgepacktes Rad, Nebel über der Heide, und fuhr los. Ziel: Göttingen. Mein Geburtsort. 255 Kilometer entfernt.
Ich hatte kein Auto. Ich wollte auch kein Auto. Und die Bahn hatte ich auch nicht gebucht – nicht weil sie nicht gefahren wäre, sondern weil ich wissen wollte, wie sich diese Strecke anfühlt wenn man sie selbst fährt. Auf dem Rad. Am Körper spürbar.
12 Stunden und 45 Minuten später kam ich in Göttingen an.
Warum man 255 km fährt statt den Zug zu nehmen
Das ist die Frage, die mir am häufigsten gestellt wurde. Die ehrliche Antwort: Es gibt keinen rationalen Grund. Der Zug ist schneller, bequemer, auch klimafreundlich. Aber er bringt mich nicht durch die Lüneburger Heide bei Nebel. Er zeigt mir nicht das Dorf Osterwiesen, das ich auf keiner normalen Route je gesehen hätte. Er lässt mich nicht mittags am Straßenrand sitzen und rote Beete Pasta aus der Metalldose essen während das Rad an einem Schild lehnt.
Der Zug bringt mich an. Das Fahrrad bringt mich hin.

Die Strecke

Von Hamburg südwärts, durch die Lüneburger Heide, durch Niedersachsen, immer Richtung Göttingen. Die Route führte über Schotterwege, durch Wälder, an kleinen Dörfern vorbei. Das Höhenprofil ist nicht dramatisch – 1.980 Meter bergauf über 255 Kilometer, das ist Mittelgebirgsvorland, kein Alpenpass. Aber die Länge fordert ihren Tribut.
Am frühen Nachmittag begann der Körper die Kilometer zu zählen. Die letzten 50 Kilometer kennt man in der Radsportsprache als die ehrlichen – man fährt sie nicht mehr frisch, sondern aus Überzeugung.
Kurz vor Göttingen: eine Kunstinstallation am Radweg, zwei große bemalte Scheiben auf einem sonst leeren Pfad. Ich weiß bis heute nicht was sie bedeuten. Aber ich habe sie fotografiert, weil sie in diesem Moment wie Ostereier wirkten.

Ankommen in der Geburtsstadt

Göttingen ist die Stadt in der ich aufgewachsen bin – sie hat sich verändert, ich auch. Aber es gibt Straßen, Plätze, Gerüche die sofort eine andere Zeit aufmachen. Ich bin durch die Innenstadt gefahren, habe das Fahrrad abgestellt und einfach dagesessen.
Fünf Jahre später wohne ich in Lohbrügge, arbeite in Billstedt und Wandsbek, sitze im Umweltausschuss Bergedorf. Göttingen ist weiter weg als 255 Kilometer.
Aber ich war dort. Mit dem Rad. Das zählt.
Was diese Tour mir über Fahrradfahren beigebracht hat
Dass es eine andere Art ist, sich zu Orten zu verhalten. Wer mit dem Auto oder dem Zug reist, reist durch Landschaft. Wer mit dem Rad fährt, ist in der Landschaft. Das klingt romantisch und ist es auch – aber es ist auch wörtlich gemeint. Man riecht den Regen bevor er kommt. Man sieht die Steigung bevor man sie spürt. Man findet Dörfer mit Namen wie Osterwiesen, weil man an ihnen vorbeifährt statt über sie hinwegzufliegen.
255 km sind meine längste Tour. Ich weiß nicht wann ich sie noch einmal fahre. Aber ich bin froh dass ich sie gefahren bin.

