Im Moment findet eine großangelegte Schulung aller ASD-Mitarbeiter in Hamburg zu „Diagnostik und Fallverstehen“.
Ich war Teilnehmer dieser Schulung und möchte hier meine kritische Anmerkung kundtun:
Das Konzept dieser Schulung wurde von Herrn Schraper und ausgearbeitet.
Es wurden viele bekannte Methoden zusammengefügt, um ein durchgehendes Konzept zu bilden. Dafür werden zwei Wochen lang alle Mitarbeiter geschult.
Keines dieser Methoden ist neu. Neu ist jedoch die Herangehensweise:
So werden Methoden aus der Sozialraumorientierung und Ressourcenorientierung verwendet, nicht um den Klienten Handwerkszeug zu geben aus seiner Situation Kraft und neue Erkenntnisse zu gewinnen und eigene Grenzen zu überwinden, sondern diese Methoden dienen fast ausschließlich zur eigenen Reflexion.
Für die Fortbildung war diese Form der Reflexion etwas gutes und erfrischendes, aber auch ermüdend. Reflexion des eigenen Handelns gehört sicher in den Mittelpunkt der Sozialen Arbeit, aber – und das ist mein Vorwurf – es kann nicht sein, dass bei steigender Armut und steigenden Reichtum in Deutschland, die Probleme beim Individuum und seiner Familiengeschichte zu finden ist!
Die vorgestellten Methoden blenden aber diese Sicht der Dinge komplett aus!
Wenn sich Soziale Arbeit nach diesem Konzept richtet, steigen die Fallzahlen massiv, den es werden die eigenen persönlichen Grenzen und Schwächen beleuchtet und benannt. Das es in der sozialen Arbeit aber vor allem auch um Grenzerweiterung gehen muss und dass die Menschenrechte und vor allem im Jugendamt die Kinderrechte im Vordergrund zu stehen haben und das der Sozialpädagoge damit auch den Staat in die Verantwortung ziehen muss und ein Korrektiv der kapitalistischen Gesellschaft sein muss, dass wird verschwiegen – und aus gutem Grund:
Die gesellschaftliche Stimmung ist am kippen, immer weniger Menschen sind bereit die Missstände zu akzeptieren, sie können es noch nicht ganz begreifen und fassen – aber es wäre ja fatal, wenn in einer reichen Stadt wie Hamburg, die Menschen ihre Rechte einfordern würden – da ist es gut alle ASD Kollegen zu schulen, die „gesellschaftliche Probleme und deren Ursachen in Probleme einzelner Individuen“ (Müller,2010, S.27) umzudeuten.
Schön ist, dass die Methoden Pflicht für alle Mitarbeiter werden, denn ich werde sie nutzen – aber in ihrem ursprünglichen Kontext setzen und so anwenden, dass „die Wirklichkeit, die von ihnen mit anderen Menschen zusammen verwandelt werden muss, Gegenstand des Handelns (ist), nicht aber der Mensch“ (Freire, 1973, S.77)
Ich werde diesen Text in nächster Zeit mit weiteren Thesen beleben und belegen.
Ich musste dies jedoch einfach schnell los werden. Für Kommentare und Hinweise bin ich dankbar!
Literatur
Freire, P., (1973). Pädagogik der Unterdrückten, Reinbek.
Müller, C., (2010). Community Organizing – ein Mittel zur re-Politisierung der Sozialen Arbeit im aktivierenden Sozialstaat?!, In: Forum Sozial 4/2010, Berlin.
Kunstreich, T., (2005). „Dialogische Sozialwissenschaft“, In: Braun, W., Nauerth, M. Lust an der Erkenntnis, Bielefeld.
Schrapper, C. (Hrsg.) (2010) Sozialpädagogische Diagnostik und Fallverstehen in der Jugendhilfe, Weinheim und München.
