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Idee des Community Organizing – Definition, Formen und Merkmale

Von adigwe | 12.November 2008

Was den Menschen zu einem politischen Wesen macht, ist seine Fähigkeit zu handeln; sie befähigt ihn, sich mit seinesgleichen zusammenzutun, gemeinsame Sache mit ihnen zu machen, sich Ziele zu setzen und Unternehmungen zuzuwenden, die ihm nie in den Sinn hätten kommen können, wäre ihm nicht diese Gabe zuteil geworden: etwas Neues zu beginnen.“

(Arendt 2003, S.81)

Bevor ich anfing Soziale Arbeit am Rauhen Haus zu studieren, arbeitete ich im Rahmen meines Zivildienstes in Rumänien mit Kindern und Jugendlichen in einem stark heruntergekommenem Stadtteil von Bukarest.

Die Menschen waren dort auf sich allein gestellt und gehörten zum größten Teil der ethnischen Minderheit der Roma an. Viele der Kinder lebten mit ihren Eltern in von ihnen besetzten, verfallenen Häuserblocks. Die Menschen mussten ihren Strom von den angrenzenden Strommasten abzapfen und führten einen kleinen Kampf gegen den Stromkonzern, der die Kabel immer wieder durchschnitt.

Hier wurde mir bewußt, dass diese Menschen zum einen fähig waren, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, anderseits aber ihnen zusätzliches gemeinschaftliches Denken und Handeln fehlte, welches ihnen mehr Möglichkeiten geboten hätte, gemeinsam gegen die diskriminierenden und verarmenden Strukturen anzugehen.

Während meines Studium lernte ich die Geschichte des Stadtteilzentrums Hull House von Jane Addams kennen (Kunstreich, 2000, S. 92ff.) und merkte, dass hier meine Idee verwirklicht wurde. Später begegnete ich Saul Alinskys Idee des Community Organizing und war überrascht, dass diese Idee in Deutschland als nicht machbar abgelehnt wurde (Kunstreich, 2001, S.135) und war (und bin) entschlossen, eine Kombination von Addams und Alinskys Idee nach meinem Studium in Rumänien durchzuführen.

Community Organizing (CO) ist ein Ansatz, Menschen aus einem Gemeinwesen zu befähigen ihre Themen nach außen hin zu vertreten, und dadurch Veränderungen zu bewirken. Die Idee ist nicht neu und wurde in Teilen in der Gemeinwesenarbeit und in den Bürgerinitiativen verwirklicht, doch die wichtigsten Aspekte von Community Organizing wurden nie wirklich in die Tat umgesetzt.

Nun entstehen aber zahlreiche Versuche, dies ohne direkte Umwege genau nach dem amerikanischen Vorbild und dem Programm nach Saul Alinsky umzusetzen und ich war überrascht zu erleben, dass in Hamburg mit einem solchen Aufbau begonnen wurde und dass ich ihn miterleben durfte.

Definition

Eine wirklich knappe und gute Definition von Community Organizing habe ich in der Literatur nicht gefunden, da immer wieder betont wird, dass Organizing keine Methode oder Wissenschaft ist, sondern eine theoriegeleitete Praxis, die sich den jeweiligen Gegebenheiten anpasst (Penta, 2007, S. 220).

Es gibt aber auf jeden Fall Grundsätze die immer ähnlich sind, und darum versuche ich hier eine Definition darzustellen, die sich an Michael Rothschuhs Beschreibungen anlehnt (vgl. Rothschuh, 2007a):

Community Organizing ist eine Organisation und Selbstorganisation von Menschen in einem Gemeinwesen; dabei ist das Gemeinwesen nicht unbedingt räumlich vorhanden, sondern es basiert auf sozialräumlichen Beziehungen. Diese Organisation möchte die Machtverhältnisse von monetärer Macht (Macht des Geldes) zu Gunsten von Mehrheitsmacht (Macht von Menschen) verändern. Dabei soll ein dauerhafter Zusammenschluß von Menschen entstehen, die eine Koalition bilden und gemeinsam Veränderung im Gemeinwesen erkämpfen oder aber auch (im ungünstigsten Fall) selbst herstellen. Community Organizing entsteht über Beziehungen und stellt zunächst keine zu bearbeitenden Themen und Ideen vor. Der Prozess wird oft von einen bezahlten Organizern unterstützt.

Formen

Bei der Behandlung des Themas Community Organizing beziehe ich mich ausschließlich auf das „Broad-Based“-Organizing, das auf den Aufbau von einer Gemeinschaft durch viele verschiedene im Stadtteil verankerte Institutionen beruht, und das dadurch versucht den gesamten Stadtteil abzubilden. Es gibt auch Formen des „Individual-Based“- (auf Individuelle Personen des Stadtteils basierend), „Faith-Based“- (auf religiöse Vereinigungen basierend) und „Asset-Based“- (auf Menschen vom und außerhalb des Stadtteils basierend) Organizing (Rothschuh, 2007b).

Broad-Based“-Organizing ist die Form, die jetzt auch in Deutschland, durch Leo Penta verstärkt angewendet wird – so wie auch die beschriebene Gründungsversammlung durch verschiedene Organisationen des Stadtteils gegründet wurde – und zu dem ich Bezüge herstellen kann.

Merkmale

Damit die Menschen eine positive Veränderung ermöglichen können, müssen sie sich zu einem Bürgerprogramm / einer Bürgerplattform zusammenschließen. Die Menschen leben in Stadtteilen und Vierteln (Communities) aber sie sind nicht vereint: Sie sollen zu einer „Community of Interests“ (Szynka, 2004, S.211) werden, einem Gemeinwesen der Interessen.

Dass die Besitzlosen sich nicht organisiert haben, erklärt sich Saul Alinsky, Begründer dieser Idee und US-Amerikaner, damit, dass sie in eine „bodenlose Apathie“ (Alinsky, 1999, S.37) durch die Monotonie der täglichen Arbeit gekommen seien. Sobald die Menschen zu Hause wären, würden sie sich von der Arbeit entspannen und auch zu Hause eine Alltagsroutine leben, die alle Träume und Hoffnungen für die sie kämpfen könnten verschwinden ließe. Das einzige was dann existieren würde, wären finanzielle Sorgen, wenn Kinder geboren werden oder der Ruhestand naht. Durch diese Monotonie würden die Menschen in Anonymität und Isolation geraten. Sie würden empfinden, dass ihre Meinung und ihr Leben keinen Stellenwert hätte. Außer alle vier Jahre ein Kreuzchen zu setzen, würden sie keine Stimme haben, die angehört werden würde und der Beachtung geschenkt würde (Alinsky, 1999, S.37).

Ein Bürgerprogramm muss sobald es sich zusammengesetzt hat gemeinsame Themen finden, diese Themen müssen im Konsens erarbeitet werden. Deshalb bedarf es einer professionellen Organisationsarbeit, die einen langen Zeitraum benötigt. Der Organizer soll von dem Gemeinwesen selbst finanziert werden, um einerseits die vollständige Unabhängigkeit zu gewährleisten und anderseits um die Bevölkerung aus der Apathie zu holen, so dass sie bereit ist sich zu organisieren. Das heißt, das Gemeinwesen muss hinter dem Bürgerprogramm stehen und es so sehr wollen, dass es auch das nötige Geld bereitstellt.

Alinsky geht davon aus, dass Gesellschaft, Macht und Demokratie auf Konflikt beruht.

Diese Gesellschaftstheorie bezeichnet Stoecker, als „Conflict Theory“. Das heißt die Gesellschaft sucht nicht das Gleichgewicht sondern den Konflikt, sie ist instabil und ändert sich auf Grund von Kämpfen einzelner Gruppen und wird stabil sobald eine Gruppe dominiert (Stoeker, 2001). Community Organizing versucht die unterdrückten Menschen zu erheben und den Konflikt zu suchen.

Der Aufbau einer Bürger-Organisation ist der Aufbau einer neuen Machtgruppierung. Eine neue Machtgruppierung zu schaffen bedeutet automatisch eine Einmischung in eine Bedrohung für die bestehenden Machtverhältnisse und damit eine Infragestellung des Status quo“ (Alinsky, 1999, S. 128).

Community Organizing basiert nicht „auf „Power through Cooperation”, sondern auf „Power through Fight”” (Wessels, 2004, S.9), also nicht auf Macht durch Kooperation sondern auf Macht durch Kampf oder Konflikte.

Für diese Form der Gesellschaftstheorie und dafür, dass Alinsky Massen bewegt hatte um Konflikte herzustellen, wurde er von den Medien als, Radikaler und Rebell tituliert. Ihm verhalfen diese Aussprüche zu noch größeren Erfolgen und er entgegnet:

Diejenigen, die in dem Aufbau von Bürger-Organisationen eine Revolution sehen, vergessen auch, daß es sich dabei um eine planmäßige Entwicklung der Beteiligung, des Interesse und der Aktion auf Seiten der Massen des Volkes handelt. Es mag stimmen, daß dies Revolution bedeutet, aber es ist eine friedliche Revolution. Eine friedliche Revolution abzulehnen heißt, vor die teuflische Alternative gestellt zu sein: aufrührerische, plötzliche, stürmische, blutige Revolutionen oder ein weiterer Verfall der auf dem Volk gegründeten Demokratie bis hin zur zwangsläufigen Diktatur. Der Aufbau von Bürger-Organisationen bedeutet friedliche Revolution; es ist der Prozeß, in dem die Menschen langsam, aber unwiderruflich ihren Platz als Bürger in einer Demokratie einnehmen.“ (Alinsky, 1999, S.171)

Phasen

Für diesen Aufbau von Bürger-Organisation beschreibt Alinskys drei Phasen, die zu durchlaufen sind. Dabei ist es Alinsky immer wichtig, dass der Aufbau einer Organisation immer etwas anders verläuft und diese Phasen nur ein vages Gerüst sind. Darum hält er die Beschreibung der Phasen in seinem Buch möglichst knapp.

Die erste Phase ist die Gesprächsphase. In dieser Phase werden Gespräche mit Menschen aus dem Gemeinwesen geführt und es soll dabei herausgefunden werden, wie das Gemeinwesen funktioniert, welche Traditionen und Bräuche in dem Ort eine wesentliche Rolle spielen und wo die Machtlinien verlaufen. In dieser Phase spürt der Organizer mögliche Schlüsselperson auf. Diese Schlüsselpersonen sind Menschen, die für die Menschen im Ort natürliche Vertrauenspersonen geworden sind. Es sind nicht unbedingt Menschen, die das größte Ansehen nach außen besitzen, sondern diejenigen, die viele Beziehungen zu den Menschen im Gemeinwesen haben (Alinsky, 1999, 77-82). Auf die genaue Analyse und Suche nach Schlüsselpersonen gehe ich ein wenig später noch ein.

In der zweiten Phase werden die gefundenen Schlüsselpersonen befähigt ihre Führungsaufgabe auch öffentlich wahrnehmen zu können. Damit sollen sie lernen ihre Anhänger im Gemeinwesen so zu vertreten, dass diese sich einbezogen fühlen (Alinsky, 1999, 73-76).

In der dritten Phase begleitet der Organizer, die Schlüsselpersonen bei der Ausarbeitung des Programms und tritt nach und nach immer weiter in den Hintergrund. Die Schlüsselpersonen, müssen sich in dieser Phase auf Themen im Konsens einigen, die auch die breite Bevölkerung unterstützt (Alinsky, 1999, S.106-114).

Die Schlüsselpersonen werden hierbei nicht ganz alleine gelassen, da der Organizer durch geschicktes Fragen die Schlüsselpersonen zu Lösungen kommen lassen soll. Hierbei stellt sich die Frage in wieweit der Organizer manipuliert oder wirklich die Schlüsselpersonen an den Entscheidungen teilhaben (Schmid, 2006, S.9).

Der Organizer hat jedoch meistens eine recht gute Vorstellung davon, was eine Gemeinde unternehmen sollte, und er wird Anregungen geben, manövrieren und die Gemeinde überzeugen wollen, eine bestimmte Aktion durchzuführen“ (Alinsky, 1999, S.123).

Nachdem die Bürger-Organisation ein Thema ausfindig gemacht hat, geht es um die Durchsetzung des Themas; dies beschreibe ich im nächsten Kapitel, nachdem ich auf die Art der Beziehungen und auf die Machtfrage näher eingegangen bin.

Beziehungen und Macht – Grundtendenzen im Community Organizing

Zunächst will ich auf zwei verschiedene Aspekte im Community Organizing eingehen; es sind die „Soft-Skills“ und die „Hard-Skills“ im Community Organizing, also die weichen und die harten Künste im Community Organizing (McNeil, 2007, S.232). Das sind zum einen die Beziehungen untereinander, als weicher Faktor und die Macht nach außen hin, als harter Faktor.

Das wichtigste sind die Schlüsselpersonen oder „Little Joes“ (Alinsky, 1999, S.75), wie Alinsky sie manchmal nennt, zu finden, darum folgende Geschichte:

Schlüsselpersonen

Einzelgespräche werden im Community Organizing zu Hunderten und zu Tausenden geführt. Diese Gespräche sind das Fundament jeder Bürgerplattform.

In gewisserweise haben diese Gespräche von der Idee her, Ähnlichkeiten zur klientenzentrierten Gesprächsführung, geht es auch bei dieser Form der Beratung nur mit den drei Haltungen, die auch im Community Organizing wichtig sind: positive Wertschätzung und emotionale Wärme, Echtheit sowie einfühlendes Verstehen (Galuske, 2007, S180).

Allerdings handeln sich die Gespräche ganz und gar nicht um Beratungsgespräche, denn es geht darum Beziehungen, und gegenseitiges Vertrauen und Verlässlichkeit herzustellen. Es geht vielmehr darum, wie es Vaclav Havel gesagt hat, dass „wirkliche Demokratie nicht mit Wahlen beginnt, sondern mit Gesprächen“ (zitiert nach Jamoul, 2007, S.228).

„Es geht nicht so sehr darum, was jemand tut, sondern warum. Was ist die Motivation? Was waren Schlüsselerlebnisse? Woran glaubt sie? Was sind seine Wertvorstellungen? Wo sitzt der Ärger, dessen Ursprung begründet liegt in Verlust, Trauererfahrungen, und der gesehen wird als Antriebskraft für das Handeln? Und letztlich: ist er/sie auch bereit, zu handeln?“ (Mohrlok, 2001, S.6)
Diese Gespräche sind keine Gespräche zwischen Freunden, sondern es handelt sich um öffentliche Beziehungen. Leo Penta spricht hier von „persönlich-öffentlichen Beziehungen“ (mündliche Überlieferung, ähnlich formuliert es Mohrlok, 2001, S.6), in denen man auf persönlicher Ebene spricht, aber in denen es nicht darum geht eine freundschaftliche Beziehung oder eine geschäftliche Beziehung aufzubauen, sondern in der darum, die andere Person kennen zu lernen und diese Person zu respektieren. Es geht also hierbei nicht um das gegenseitige Mögen oder Nichtmögen, sondern nur darum, herauszufinden was das Gegenüber interessiert und was seine Lebensmotivation ist, völlig gleich ob man selbst sie für positiv oder negativ erachtet. Denn jedes Eigeninteresse wird durch gemeinsames Handeln zu Solidarität. Nur ist es wichtig jedes einzelne Eigeninteresse auch wirklich zu kennen, um dieses für das gemeinsame Handeln zu wecken (Alinsky, 1999, S.84-85).

Aus diesen Gesprächen werden Schlüsselpersonen ermittelt. Schlüsselpersonen sind Menschen, die ein Netz von Beziehungen haben, es wird manchmal sieben als Mindestzahl der Beziehungen genannt. Alinsky spricht gar von 30-50 Beziehungen.

Schlüsselpersonen sollten auch Ärger in sich tragen, was sie veranlasst für Veränderungen zu kämpfen. Schlüsselpersonen müssen geschult werden und leiten (zumindest nach außen hin) die Bürgerplattform und besuchen daher Trainings. Bei diesen Trainings soll den Schlüsselpersonen mehr Kompetenz gegeben werden, denn sie sollen ihre Beziehungen erweitern und sollen möglichst zu natürlichen Schlüsselpersonen des gesamten Gemeinwesens werden. Die Organizer sind damit die Regisseure und koordinieren die Arbeit, die Schlüsselpersonen aber sollen die Akteure der Bürgerplattform und des Gemeinwesens werden (Mohrlok, 2001, S.8).

Um Einzelgespräche und vor allem Beziehungen stabil zu halten und zu kräftigen braucht man gewisse Kompetenzen, die erlernt werden können; diese bezeichnet McNeil, als „Soft Art of Organizing“, die zu der wichtigsten Aufgabe des Community Organizing zählt neben der „harten“ Seite des Community Organizing, wenn es um die Machtfrage und die Konfliktlösungsstrategie geht, wie ich später erläutern werde.

Diese „Soft-Skills“ müssen von Organizern und Schlüsselpersonen, die diese Gespräche führen einstudiert und reflektiert werden. McNeil nennt dabei das Zuhören, Einfühlen, Mitdenken und die Rituale (McNeil, 2007, S.232-238):

Zuhören

Beziehungen sind das Fundament von Community Organizing. Nur wenn die Menschen sich gegenseitig kennen, können sie aufeinander aufbauen und sich vertrauen. Nur wenn die Menschen sich kennen, können sie sich vernetzen und wissen wann und in welcher Situation, der Einzelne für eine Aktion zu gewinnen ist und wie er agieren wird. Darum ist das aktive Zuhören ein ganz wichtiges Prinzip im Community Organizing.

Um heraus zu finden wie eine Person „tickt“ ist es wichtig sich bei einem Gespräch nicht auf Community Organizing oder ein anderes Thema zu fixieren und eigene persönliche Bedürfnisse des Fragenden in den Vordergrund zu rücken. Beim Zuhören soll alles darauf ausgerichtet sein zu verstehen, was die andere Person ausmacht, welche Sorgen sie plagen, welche Hoffnungen sie hat, was ihr am meisten bedeutet und was ihr Ärger macht.

Es geht darum echtes Interesse zu zeigen und neugierig auf die andere Person zu sein. Es soll kein oberflächliches Gespräch sein (McNeil, 2007, S.232f.).

Einfühlen

Ein weiteres wichtiges Merkmal im Gespräch ist die Empathie. Es geht darum, die Geschichte des anderen Menschen kennen zu lernen und die Besonderheit jeder einzelnen Geschichte zu erfahren und in Kontext mit der eigenen Geschichte zu stellen (McNeil, 2007, S.233f.).

Mitdenken

Mitdenken bedeutet nach McNeil Einfühlungsvermögen in jeder Situation zu haben. Das heißt überlegtes Handeln und organisierte Strategie. Menschen, die weniger Reden, sollten in Diskussionen mit einbezogen werden, andere Menschen sollen so kritisiert werden, dass es nicht persönlich genommen wird und die Person mit Achtung behandelt wird. Die Menschen der Plattform sollten auf dem Laufenden gehalten werden und die eingebrachte Zeit die diese Menschen einbringen sollte hoch gehalten und respektiert werden und ihnen dafür Anerkennung gegeben werden (McNeil, 2007, S.234).

Rituale

Es gibt bestimmte Übereinkünfte, an die man sich nach McNeil halten soll. Diese Übereinkünfte nennt er Rituale, da diese Übereinkünfte für die Menschen eine Bindung, eine Beziehung darstellen und damit eine zentrale Bedeutung bekommen.

Diese Übereinkünfte sind zum Einen straffe, konzentrierte Treffen. Alle Treffen sollten eine genau definierte Anfangs- und Endzeit haben. Dadurch werden die Treffen kurz und bündig und haben ein klares auf Handeln ausgerichtetes Ziel.

Eine weitere Übereinkunft ist der Dreischritt einer jeden Aktion in Planung – Durchführung – Auswertung (McNeil, 2007, S.236).

Die Kirche als Schlüsselperson

Kirchengemeinden sind neben Sportvereinen ein wesentlicher und wichtiger Akteur in einem Gemeinwesen und sind deshalb immer auch wichtige Träger (als der Kirche zugehörig bekannte Einzelpersonen oder als ganze Organisation) bei allen Community Organizing Projekten.

In den Kirchengemeinden gibt es aber wenig aktive Mitglieder und damit wenig Beteiligung. Gerade durch den Aufbau einer Bürgerplattform, indem durch die vielen Gespräche untereinander Beziehungen aufgebaut werden, gibt es für die Kirche die Möglichkeit, aktive Menschen für ihre Gemeinde zu gewinnen (Chrismon, 2005, S.62).

Vor allem da bei diesen Gesprächen auf das Eigeninteresse eingegangen wird, erfahren die Kirchengemeinden auch viel eher, was ihre Mitglieder bewegt und wo sie sich selbst auch verändern könnten.

Für Gemeinderatssitzungen und andere Veranstaltungen können die im vorherigen genannten Rituale angewendet werden damit die Zeiten begrenzt werden. „Es gibt zum Beispiel immer eine Agenda mit genauem Zeitplan -15 Minuten für diesen Punkt und wenn man mehr Zeit braucht, wird darüber erst abgestimmt“ (Chrismon, 2005, S.62).

Macht, Konflikt und Aktion

Macht ist ein schwieriges Wort für die meisten Menschen. Sofort denken viele an Machtmißbrauch, Gewalt und Grausamkeit und Diktatur. Hannah Arendt spricht folgendermaßen von Macht:

„ Macht entspricht der menschlichen Fähigkeit, nicht nur zu handeln oder etwas zu tun, sondern sich mit anderen zusammenzuschließen und im Einvernehmen mit ihnen zu handeln. Über Macht verfügt niemals ein Einzelner; sie ist im Besitz einer Gruppe und bleibt nur solange existent, als die Gruppe zusammenhält.“ (Arendt, 2003, S.45)

Für Hannah Arendt bedeutet Macht die Fähigkeit gemeinsam zu handeln und in diesem Sinne handelt auch Community Organizing. Es geht nicht so sehr darum mit Gewalt seine Interessen durchzusetzen, sondern mit einem positiven Verständnis von Macht im gemeinsamen Handeln wieder zu Einfluß zu gelangen (Schraml, 2007).

Macht ist eine wesentliche Lebenskraft, die immer wirkt, entweder zur Veränderung der Welt oder zur Verhinderung von Veränderung.“ (Alinsky, 1999, S.44)

Konflikt – Die Aktionen im Community Organizing

Bevor eine Aktion durchgeführt wird, muss zunächst das Thema der Aktion gefunden werden. Ähnlich wie der Aufruf von Impuls-Mitte zu Bürgertreffen zu kommen (Kapitel 2.1), werden auf solchen Treffen zunächst die individuellen Probleme jedes einzelnen gesammelt. Diese Einzelprobleme werden zu Themen verdichtet. Die Schlüsselpersonen treffen sich, wenn diese Themen auf den einzelnen Bürgertreffen gesammelt wurden sind. Diese erörtern die Probleme und erstellen eine Machtanalyse. Hierbei werden die Zielpersonen ausgelotet und gesehen welche Verantwortliche vorhanden sind und über wieviel Macht zur Veränderung diese haben. Eine Machtanalyse erfordert deshalb eine gute Recherche. Entsprechend dieser Analyse wird entschieden welche Themen am ehesten angegangen werden können (Jamoul, 2007, S.227).

Wie bereits beschrieben besteht eine Aktion in dem Dreischritt: Planung – Durchführung – Auswertung (McNeil, 2007, S.236). Für die Planungsphase beschreibt Alinsky eine Reihe von Taktiken, die eingesetzt werden können um den Konflikt, der in der Bearbeitung eines Themas entsteht, zu gewinnen.

Alinskys Taktiken des Konflikts (Alinsky, 1999, S.140-142):

  1. Macht ist nicht nur das was du besitzt, sondern auch das was der Gegner meint das du es hättest.

  2. Niemals den Erfahrungsbereich der eigenen Leute verlassen, das führt zu Angst, Verwirrung und Zurückhaltung

  3. Verlasse immer den Erfahrungsbereich des Gegners

  4. Zwinge den Gegner nach seinen eigenen Gesetzen zu leben

  5. Spott ist die stärkste Waffe, der Gegner wird wütend und reagiert zu deinem Vorteil

  6. Die Taktiken müssen den Leuten Spaß machen

  7. Die Taktik darf nicht schleppend und müde wirken

  8. Der Druck darf nie loslassen und muss aufrechterhalten werden

  9. Die Drohung ist abschreckender, als die Sache selbst

  10. Es muss eine Strategie gefunden werden, die mit konstantem Druck arbeitet. Druck erzeugt eine Reaktion und konstanter Druck hält die Aktion in Gang

  11. Negatives wird positiv. Alinsky beschreibt hier ein Beispiel in dem der Rassismus gegenüber Schwarzen für die Schwarzen verwandt wird. Schwarze stellen sich vor die Häuser weißer Hausbesitzer, in deren weißen Stadtvierteln, solange bis diese mit den Mieten runtergehen und Reparaturen durchführen, da die Nachbarn, der Hausbesitzer keine Schwarzen in ihren Viertel mehr sehen möchten (Alinsky, 1999, S.152f.).

  12. Es muss dem Gegner immer eine konstruktive Alternative angeboten werden

  13. Ein Ziel wählen, personalisieren und daran festhalten und die Verantwortung des Gegners nicht auf andere Personen abwälzen lassen

Literaturverzeichnis

Alinsky, Saul D. (1999): Anleitung zum Mächtigsein. Ausgewählte Schriften.
, 2. Auflage, Lamuv Verlag, Göttingen.

Arendt, Hannah (2003): Serie Piper, Bd.1, Macht und Gewalt, 15. Auflage, Piper, München.

Chrismon (2005): 12/2005, Seite 60-62.

Galuske, Michael (2007):Methoden der Sozialen Arbeit: Eine Einführung, 7. Auflage, Juventa.

Jamoul, Linda (2007): Handwerkszeug für Community Organizer; in: Penta (Hrsg.) 2007, S. 224-230.

Kunstreich, Timm (2000): Grundkurs Soziale Arbeit, Bd. 1, 2. korr. Auflg., Kleine Verlag, Bielefeld.

Kunstreich, Timm (2001): Grundkurs Soziale Arbeit, Bd. 2, 2. korr. Auflg., Kleine Verlag, Bielefeld.

Mohrlok, Marion (2001): Politik beginnt bei den Leuten! Organizing im Stile der „Industrial Areas Foundation“, Stadtteilarbeit.de, zuletzt besucht am 13.04.2008 unter http://212.12.126.151/cms/index2.php?option=com_content&do_pdf=1&id=92.

McNeil, Larry B. (2007): Beziehungsarbeit – eine sanfte Kunst; in: Penta (Hrsg.) 2007, S. 231-240.

Penta, Leo J. (Hrsg.) (2007): Community Organizing: Menschen verändern ihre Stadt, edition Körber-Stiftung, Hamburg.

Penta, Leo J. (2007a): Wie entsteht eine funktionierende Bürgerplattform?; in: Penta (Hrsg.) 2007, S. 219-223.

Penta, Leo J. (2007b): Macht der Solidarität; in: Penta (Hrsg.) 2007, S. 99-108.

Rothschuh, Michael (2007a): Community Organizing in den USA, Rothschuh.de, zuletzt besucht am 14.03.2008 unter http://rothschuh.de/CO_2_USA.htm.

Rothschuh, Michael (2007b): Industrial Areas Foundation (IAF): professionelles Netzwerk für Organisationen des CO, Rothschuh.de, zuletzt besucht am 14.03.2008 unter http://rothschuh.de/CO_6_IAF.htm.

Schraml, Christiane (2007): Community Organizing und die politische Philosophie Hannah Arendts; in: Penta (Hrsg.) 2007, S. 109-120.

Schmid, Sandra (2006): Community Organizing nach Saul D. Alinsky; in: Schmid et. al, 2006, S. 5-12.

Schmid, Sandra; Meyer, Dominique; Rösli, Ursula; Romer, Jann; Müller, Simon; Stössel, Marianne (Hrsg.) (2006): Sozial Radikal. Saul Alinsky – Auf den Spuren seines Community Organzing, Homepage von FOCO, zuletzt besucht am 14.03.2008 unter http://fo-co.info/Sozial%20Radikal.pdf.

Stoecker, Randy (2001): Crossing the Development – Organizing Divide: A Report on the Toledo Community Organizing Training and Technical Assistance Program, Toledo.

Szynka, Peter (2006): Theoretische und empirische Grundlagen des Community Organizing bei Saul D. Alinsky(1909-1972), Akademie für Arbeit und Politik/Bremer Beiträge zur Politischen Bildung 3/2006, Bremen.

Wessels, Lutz (2004): Organisieren oder entwickeln lassen. Community Organizing und Community Development, Homepage FOCO, zuletzt besucht am 14.03.2008 unter http://fo-co.info/Wessels_CO_CD.pdf.

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