Altes und neues Ehrenamt – und mögliche Veränderungen in der sozialen Arbeit

Es gibt aus verschiedenen gesellschaftlichen Richtungen und Position, verschiedene Begriffe, die alle aber etwas ähnliches meinen:
Ehrenamt, freiwilligen Dienst, Bürgerschaftliches Engagement, Bürgerarbeit oder Selbsthilfe sind in Mode gekommene Wörter.
Ehrenamt bzw. Bürgerschaftliches Engagement wird immer öfter von führenden Politikern hoch gehalten und „geadelt“. Es wurden endlich Studien veröffentlicht und Ehrenamt wird als wichtige Säule eines Staates dargestellt. Ist Ehrenamt ein neues Phänomen oder warum wächst es in der Politikergunst? Hat diese Neuorientierung der Politiker einen Einfluss auf die soziale Arbeit? Muss, kann oder wird sich die soziale Arbeit durch das heraufbeschwören der guten Tugend der freiwilligen Arbeit verändern? Diese Fragen möchte ich in diesem Text versuchen nachzugehen und zu klären.
Zunächst will ich dafür, den Ursprung von Ehrenamt nachgehen und so auch die tatsächliche gesellschaftliche Dimension begutachten, dann die neuen Forderungen oder Aufforderungen der Politik betrachten und von ihnen erhofften Konsequenzen, um dann tatsächlich mögliche Konsequenzen, auch im Hinblick auf aktuelle Studien und Zahlen, für die soziale Arbeit zu durchleuchten, um schließlich mit einem Fazit zu schließen, dass sowohl negative, als auch positive Effekte der Veränderung aufzeigen soll. Anschließen soll Raum für Diskussionen sein.

Definition Ehrenamt
Ich will zunächst aber eine Definition für das Ehrenamt finden. In der Literatur findet man dazu sehr wenig passende Definitionen, einen Versuch hat Teresa Bock:
„Ehrenamtlich / freiwillig Tätige sind Bürgerinnen und Bürger, die sich, ohne durch verwandtschaftliche Beziehungen oder durch ein Amt dazu verpflichtet zu sein, unentgeltlich oder gegen geringfügige Entschädigung, die weit unterhalb der tariflichen Vergütung liegt, für soziale Aufgaben zur Verfügung stellen“ (Bock, 1997, S. 241)
Rauschenbach unterscheidet zwischen einer Definition nach der Norm: „wie es sein soll“ und einer Funktion: „wie etwas ist“.
Ehrenamt SOLL demnach eine:
„Form des sozialen, gemeinwohlorientierten Engagements umschreiben, das in einem organisierten Kontext aus freien Stücken, relativ zweckfrei, bar jeder finanziellen Motivation und zeitlich unbestimmt für Dritte, für eine Idee oder eine Organisation erbracht wird, ohne rechtsverbindliche Vereinbarung – gewissermaßen per Handschlag – ohne Gewähr einer Rückstattung und jenseits fachlicher Kompetenz.“ (Rauschenbach, 2001, S.346)
Ehrenamt IST demnach:
„eine Form der gesellschaftlich- sozialen Tätigkeit, die weit unterhalb tariflicher Entlohnung überwiegend in milieugeprägten oder milieuerzeugenden, lokalen Vereinen, Verbänden und Initiativen aus unterschiedlichsten Motiven von Menschen aller Altersgruppen – im sozialen Sektor insbesondere von Frauen – ausgeübt wird, ohne Vertrag und ohne zeitliche Verpflichtung, aber auch ohne Gewährleistung einer gewissen Qualität des Handelns, mit einer Rückerstattungserwartung, die vorrangig an immateriellen, symbolischen, in jüngerer Zeit aber auch zunehmend an indirekten materiellen Gratifikation ausgerichtet ist“. (Rauschenbach, 2001, S. 346)

Ursprung (altes Ehrenamt)
Der Begriff „Ehrenamt“ entstand im 19. Jahrhundert, als Amt z.B. als Vorsitzender eines Vereins oder als Vertreter oder Delegierter eines Verbandes oder Organisation. Ein gewähltes Amt mit Ehre und Anerkennung. Erst durch das Ehrenamt konnten gemeinnützige Organisationen entstehen. Der gesamte „Dritte Sektor“ wäre so, ohne Ehrenamt nicht zu denken, anderseits gäbe es ohne den „dritten Sektor“ auch kein Ehrenamt. Viele der ursprünglich Ehrenamtlich organisierten Verbände und Organisationen sind inzwischen zum größten Teil verberuflicht und haben sich in marktfähige Organisationen gewandelt. Als Beispiel nennt Rauschenbach (2001, S.347) den Deutschen Caritasverband. 1931 waren von den 82000 Mitarbeitern mehr als 73000 Ordenierte, die laut Rauschenbach ein gewisses Ehrenamthaftes in sich trugen und 9000 beruflich angestellt. 2001 sind 476000 Mitarbeiter beruflich angestellt, von denen nur noch 12000 als Ordenierte angestellt sind. Allerdings arbeiten nun rund 500000 Ehrenamtlich in der Caritas. Insgesamt stieg die Zahl der Erwerbstätigen in Sozialen Berufen von 246.434 im Jahr 1978 auf 712.282 in 1998 (vgl. Rauschenbach, 1999).

„Neues Ehrenamt“ – alles neoliberal?
Das bisher beschriebene gilt für die vielen organisierten Menschen in Verbanden und Institutionen. Mittlerweile arbeiten viele Menschen aber freiwillig ohne sich an eine Organisation gebunden zu fühlen, darum spreche ich hier vom neuen Ehrenamt. Hierfür gibt es zahlreiche neue Begriffe mit unterschiedlichen Deutungsmustern. Ich will hier auf zwei eingehen: Freiwilligenarbeit und Bürgerschaftliches Engagement.

Freiwilligenarbeit
Mit diesem Begriff wird seit den 90er Jahren ein milieuunabhangiges Engagement von Menschen gemeint, die spontan und individuell sind und keine Wertvorstellungen für ihr Handeln besitzen.
Sie agieren nach Lust und Laune, Selbstverpflichtung oder Kontakt- und Selbstverwirklichung.
Rauschenbach schreibt dazu:
„Während Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement immer auch eine mehr oder minder starke Revitalisierungsidee sozialer Gemeinschaften im Auge haben – beim Ehrenamt eher innerhalb tradierter Vereins- und Milieustrukturen, beim bürgerschaftlichen Engagement vor allem außerhalb tradierter Vereinsstrukturen im lokalen Milieu – und damit einem drohenden Verlust an Geborgenheit, an Gemeinschaft und „Heimat“ etwas indirekt entgegenzusetzen versuchen, setzt Freiwilligenarbeit – und in gewisser Weise auch Selbsthilfe – ungleich stärker auf die Unabhängigkeit und Autonomie sich engagierender Einzelsubjekte, d.h. auf so etwas wie eine nicht so sehr wertgebundene „individualisierte Solidarität“ – ohne den dezidierten Rückgriff auf das Wir-Gefühl in Form von Gemeinschaft und Milieu.“ (Rauschenbach, 2001, S. 352)
Dennoch ist „Vorsicht“ geboten: Freiwilligenmessen, wie in Hamburg „aktivoli“, haben sich bürgerschaftliches Engagement in ihr Konzept geschrieben und wollen so gesehen durch den Begriff Freiwilligenarbeit Menschen, die nach Lust und Laune etwas suchen, langfristig binden und Gemeinschaft und eine neue engagierte Zivilgesellschaft fördern.

Bürgerschaftliches Engagement
Dieser Begriff steht für die Revitalisierung eines lebendigen, unterstützenden Gemeinwesens, die Zivilgesellschaft. Aktive Bürgerinnen und Bürger die sich in der Demokratie engagieren und im eigenen Sozialraum aktiv sind.
Der Kommunitarismus dient hier als Leitbild. Kommunitarismus sagt das der Liberalismus sich selbstzerstört, da der Mensch Tradition und Kultur, also Gemeinschaft bedürfe und der Liberalismus das Gemeinwohl durch ökonomische Nutzenmaximierung und individuelle Selbstverwirklichung zerstört.
Die Förderung der Zivilgesellschaft ist ein wichtiges Ziel des aktivierenden und ermöglichenden Staates. Im Freiwilligen-Survey 2004 wird es ganz deutlich:
„Eine Gesellschaft, die der Leitidee der Zivilgesellschaft verpflichtet ist, stützt sich auf Bürgerschaftlches Engagement und eröffnet Bürgerinnen und Bürgern Möglichkeiten für selbst organisierte Mitgestaltung und Beteiligung“ ( BMFSFJ, 20041, S.26)
und weiter:
„Zukünftig wird Deutschland auf bürgerschaftliches Engagement noch mehr angewiesen sein. Die Zivilgesellschaft im Sinne einer neuen Verantwortungsteilung zwischen Staat, Wirtschaft und den dritten Sektor bildet ein geeignetes gesellschaftspolitisches Leitbild für eine soziale Reformperspektive. Bürgerinnen und Bürger, aber auch die tragenden Sektoren unserer Gesellschaft werden mehr öffentliche Verantwortung übernehmen. (…) Vorrangige Aufgabe des Bundes wird es sein, das Leitbild des ermöglichenden Staates zu verwirklichen und eine Engagement fördernde Infrastruktur aufzubauen. Aber auch die Verwirklichung der Leitbilder „ermöglichende Wirtschaft“ und „ermöglichender Dritter Sektor“ schaffen Gelegenheitsstrukturen für eine zivilgesellschaftliche Reformpolitik. Die Zivilgesellschaft ist längst Koproduzent sozialer Leistungen geworden. Der Wandel des Sozialstaates in Deutschland macht die Notwendigkeit der synergetischen und kooperativen Erbringung sozialer Leistungen durch Staat, Wirtschaft, Dritten Sektor und Familien (Welfare Mix) deutlich.“ (BMFSFJ, 20041, S.27-28)
Aus diesem Grund hat die Politik bereits für wesentliche Verbesserungen für Ehrenamtliche Arbeit gesorgt. So gibt es Haftpflichtversicherungen und Krankenversicherungen, die von den Bundesländern für alle ehrenamtlich Aktive abgeschlossen wurde, die in Initiativen oder anderen Organisationen ohne Rechtlichen Status engagiert sind. Verbände und Vereine müssen ihre eigenen Versicherungen abschließen, diese gelten aber meist sowohl für Angestellte sowie für Ehrenamtliche. (siehe www.engagement.hamburg.de)
Ehrenamtliche können auf Aufwandsentschädigung bis zu 2100 Euro im Jahr steuerfrei dazu verdienen.

Das neue und alte Ehrenamt im Vergleich
Wir wollen kurz den Wandel im Ehrenamt beschreiben und die zwei Formen des Ehrenamts vergleichen. Im allgemeinen gibt es zwei Voraussetzungen, damit jemand Ehrenamtlich tätig werden kann. Er braucht Zeit und Geld.
Zeit, die die Person zur Verfügung stellen kann um ehrenamtlich tätig zu sein. Aus diesem Grund waren es die gutbürgerlichen Frauen die Ende 19. Jh. ehrenamtlich aktiv wurden und das Standbein der Sozialen Arbeit schuffen. Darum sind heute viele Ehrenamtliche Jugendliche und Rentner, allerdings laut dem Freiwilligensurvey 2004 gar nicht im erheblichen Maße mehr als andere Personengruppen.
Geld ist eine indirekte Voraussetzung, nur wer sich leisten kann unentgeltlich zu arbeiten und trotzdem über die Runden zukommen, kann ehrenamtlich tätig werden.
Rauschenbach unterscheidet zwischen „Noch-Nicht-Erwerbstätige, Erwerbstätige, vorübergehend Nicht-Erwerbstätige und Nicht-Mehr-Erwerbstätige“ (Rauschenbach, 2001, S. 348) Jugendliche haben Zeit brauchen aber oft Geld, Erwerbstätige haben Geld brauchen aber Zeit und finden diese häufig am Abend, Arbeitslose müssen sich um Jobsuche kümmern und nicht erwerbstätige Mütter werden meist aufgrund ihrer Kinder ehrenamtlich tätig. Rentner haben Zeit und Geld und müßten somit das Rückgrat des Ehrenamts sein – dies ist aber noch nicht der Fall. Die Tendenz zeigt aber das ein bewußtsein dafür geschaffen wurde und die Zahl der aktiven Rentner gegenüber 1999 gestiegen ist.

Motivation
Im Freiwillgensurvey 2000 und 2004 der Bundesrepublik wurde in einer Repräsentativen Umfrage die Motive von Ehrenamtlichen befragt. 36% der Bürgerinnen und Bürger ab 14 Jahren engagieren sich freiwillig im Jahr 2004, das sind 2% mehr als 1999. Ob diese Zahl nun bedeute, dass mehr oder weniger Menschen ehrenamtlich aktiv sind, läßt sich aus den Studien nicht schließen, da es vor 1999 keine Umfassenden Studien gab.
Die Motivation ist die folgende (1994/2004 in Prozent):
1.Dass die Tätigkeit Spaß macht (4,5/4,4)
2.Anderen Menschen helfen (4,1/4,1)
3.Was für das Gemeinwohl tun (4,1/4,1)
4.Mit sympathischen Menschen zusammenkommen (4,2/4,0)
5.Eigene Kenntnisse und Erfahrungen erweitern (3,9/3,8)
6.Eigene Verantwortung und Entscheidungsmöglichkeit haben (3,5/3,5)
7.Anerkennung für die Tätigkeit (3,4/3,3)
8.Berechtigte eigene Interessen vertreten (2,8/2,8)
9.Eigene Probleme selbst in die Hand nehmen und lösen (2,6/2,6)
10.Nutzen für die eigene berufliche Tätigkeit (2,2/2,2)
(vgl. BMFSFJ, 20041, S.56)
Der Wert „mit sympathischen Menschen zusammenkommen“ ist der einzige Wert der etwas gesunken ist. Man geht davon aus, dass der Wert „Spaß“ erst in den letzten Jahren so gestiegen ist und mit dem neuen Ehrenamt in Verbindung steht. Wichtig ist hierbei anzumerken, das Arbeitslose vermehrt die Werte „Anerkennung“, „Kenntnisse erweitern“ und „Nutzen für berufliche Tätigkeit“ angegeben haben.
Faßt man die Motivationen zu drei Erwartungshaltungen zusammen, so ergeben sich 35% Interessenorientierte, 34% Gemeinwesenorientierte und 31% Geselligkeitsorientierte im Jahr 2004, gegenüber 36% Geselligkeitsorientierte, 32% Interessenorientierte und 32% Gemeinwesenorientierte im Jahr 1999. Damit wird deutlich wie Milieu bedingt engagierte sich zu eigenen Interessenorientierte Ehrenamtliche gewandelt haben und stärker Gratifikationserwartungen im Mittelpunkt stehen (vgl. BMFSFJ, 20042, S. 107).

Qualifikation
Auf Grund vieler Sparmaßnahmen im dritten Sektor und Marktfähigen Steuerungsprozessen von Organisationen werden auch immer mehr Qualifikationen von den ehrenamtlich Tätigen gefordert. Gerade auf Freiwilligenbörsen und im Freiwilligenzentrum der Caritas werden Menschen gezielt auf Grund ihrer Qualifikation angeworben und ausgesucht.
Wer mehr Qualifikation einfordert ist bereit und wünscht sich auch mehr Wertschätzung und Fortbildung und auch Bezahlung der Ehrenamtlichen durchzuführen und bindet den Freiwilligen dann an sich.
Leider hat der Freiwilligen-Survey nicht die Erwartungen der Organisationen an die Freiwilligen abgefragt, so dass die vermehrte Qualifikationserwartung nicht mit zahlen belegbar ist.

Zusammenfassende Tabelle

Altes Ehrenamt: gekoppelt und gebunden an Institutionen (NGO), Nächsten Liebe, Werte, lokal verankert, selbstlos, Zeit und Geld, Amt gebunden

Neues Ehrenamt: Individualisiert, Spaß und Rückerstattung, Zeit und Geld, Qualifikationen

Auswirkungen für die soziale Arbeit
Durch die vorangeschrittene Professionalisierung, die von Politik, auf Grund von Effektivitätssteigerung gefordert und gefördert wurde und die Veränderung durch verstärkte Anpassung der Arbeitnehmer an Markt und Konkurrenz (wegen Globalisierung und EU) entstandene Individualisierung wurden viele Menschen aus ihren Mileus und natürlichen, sozialen Hilfesystemen entwurzelt und durch die professionale, effektive aber entpersonalisierten Sozialarbeit zugeführt. Aus diesem Grund wird die soziale Arbeit auch in der „Rolle der Zerstörerin des Gemeinwohls“ (Lindenberg, 2004, S.5) gesehen.
Aus diesem Grund soll sich soziale Arbeit in Zukunft stärker mit der Unterstützung und Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements befassen. (vgl. BMFSFJ, 20041, S.31-32)
Folgende vier Punkte, werden laut Michael Lindenberg auf die Soziale Arbeit in Zukunft bei der Arbeit mit Ehrenamtlichen wichtig sein:
1.Vermittlung zwischen Ehrenamtlichen und Klient
Anstatt sich direkt mit dem Klienten zu beschäftigen, soll der Sozialpädagoge die Vermittlerrolle übernehmen. Kein unmittelbarer Kontakt, sondern Anleitung und Begleitung von ungeschulten aber motivierten Ehrenamtlichen.
2.Wertschätzung der Ehrenamtlichen
Anerkennung und Wertschätzung sind wichtige Faktoren für Ehrenamtliche, laut Lindenberg wird es eines der wichtigen Aufgaben des Sozialpädagogen sein, diese Anerkennung glaubhaft weiterzugeben und zu vermitteln.
3.Bildungsauftrag für Ehrenamtliche
Sozialpädagogen werden zunehmend Bildungsangebote für Ehrenamtliche durchführen und dafür sorgen müssen, dass ehrenamtlich Tätige ihre Klienten verstehen lernen und mit ihnen Umgehen können. Sozialpädagogen müssen also vermehrt ihre gelernte Theorie vermitteln und Supervision leisten.
4.Unterstützung der Ehrenamtlichen sowie politisch als auch finanziell
Als Vertreter für die Ehrenamtlichen werden Sozialpädagogen in öffentlichen Gremien sich einsetzen müssen, dass Ehrenamtliche Rechte und Ansprüche gewährleistet bekommen.
(vgl. Lindenberg, 2004, S.6-7)
Für die Klienten hat das zurückziehen des Staates aus den Dienstleistungen (ermöglichender Staat) zur Folge, dass sie ihre Rechtsansprüche verlieren könnten und auf eine unterstützende Zivilgesellschaft angewiesen werden sein müssen. Betteln um Almosen anstatt einstehen für die eigenen Rechte heißt dem entsprechend Verlust von Selbstbewußtsein. Das Selbstbewußtsein wird von den Klienten gestärkt, die durch Ein-Euro Jobs und Aufwandsentschädigung andere wiederum unterstützen.
Es heißt aber auch das z.B. einmalige Leistungen des SGB wie für Hochzeit, Geburt und Beerdigung nicht mehr enthalten sind und Menschen auf Umsonstläden und Kleiderkammern angewiesen sind.
Auf der anderen Seite erwirkt der Staat durch viele Zwangsmaßnahmen (aktivierender Staat) wie Ein-Euro Jobs und andere, dass Klienten sich engagieren müssen. Ob dies Empowermet oder Partizipation ist – es dienst am ende dem Aufbau der Zivilgesellschaft.
Dies ist auch im Interesse vieler GWA-Vertreter, da die Bevölkerung (nun halt gezwungener Maßen) angesichts des Elends sich selbst organisiert und für Veränderungen sorgt.

Fazit und Diskussion
Das Modell Ehrenamt soll zwei verschiedene Gesellschaftliche Zusammenhänge verändern:
1.unerwünschte Begleiterscheinungen der Moderne auffangen, d.h. einerseits steigende Kosten der sozialen Dienstleistungen entgegenwirken und anderseits Solidarität und Werte wiedererstarken, wo Individualisierung und Distanz und Gleichgültigkeit erzeugt wurde
2.den Aufbau einer Zivilgesellschaft, die nicht nur auf Kosten und Nutzen sondern auf Verantwortung für das Gemeinwesen achtet, voranbringen. Eine Gesellschaft die entgegen der materialistisch und individualisierten Ökonomie lebt, diese aber voll anerkennt.
(vgl. Rauschenbach, 2001, S.359)
Ob diese Ziele realistisch sind und durch das neue Ehrenamt umgesetzt werden können ist fraglich. Fakt ist aber die Politik ist sehr darauf aus diese Veränderungen durchzusetzen. Ob die Freiwilligentätigkeit gestiegen, gleichgeblieben ist läßt sich durch die Studien nicht belegen und so müssen weitere abgewartet werden. Durch Aufwandsentschädigung und Ein-Euro Jobs, Freiwilligenbörsen, Versicherungen und Absicherungen sind viele Methoden geschaffen worden, die ein Anwachsen und damit sicher auch eine Veränderung bewirken werden.
Bürgerschaftliches Engagement plus aktivierender Staat ist nicht eine Liberale Idee, sondern liegt dem Quer. Es ist der Versuch Liberalismus in Wirtschaft und Politik umzusetzen und durch Zivilgesellschaft dem ganzen ein netteres anderes Antlitz zu geben. Aus diesem Grund können alle führenden politischen Parteien dem etwas abgewinnen und es herrscht gesellschaftlicher Konsens in dieser Hinsicht.

Literaturverzeichnis

Bock, Teresa (1997): Ehrenamtliche / freiwillige Tätigkeit im sozialen Bereich. In: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge (Hrsg.): Fachlexikon der sozialen Arbeit, Frankfurt am Main, 4. Aufl., S. 241- 244

Bundministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (20041): Freiwilliges Engagement in Deutschland 1999 – 2004, Kurzfassung, http://www.bmfsfj.de/bmfsfj/generator/RedaktionBMFSFJ/Arbeitsgruppen/Pdf-Anlagen/freiwilligen-survey-kurzfassung,property=pdf,bereich=,sprache=de,rwb=true.pdf
– zuletzt besucht: 19.11.07

Bundministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BM FSFJ) (20042): Freiwilliges Engagement in Deutschland 1999 – 2004, Langfassung, http://www.bmfsfj.de/bmfsfj/generator/RedaktionBMFSFJ/Arbeitsgruppen/Pdf-Anlagen/freiwilligen-survey-langfassung,property=pdf,bereich=,sprache=de,rwb=true.pdf
– zuletzt besucht: 19.11.07

Engagement.Hamburg.de: Versicherungsschutz für Ehrenamtlichtätige in Hamburg, https://adigwe.de/fhh.hamburg.de/stadt/Aktuell/behoerden/soziales-familie/hamburg-engagiert-sich/versicherungsschutz/start.html – zuletzt besucht: 19.11.07

Rauschenbach, Thomas (2001): Ehrenamt. In: Otto; Thiersch (Hrsg) (2001): Handbuch Sozialarbeit / Sozialpädagogik, Neuwied, 2. völlig überarb. Aufl., S. 344 – 360

Rauschenbach, Thomas (1999): „Dienste am Menschen“ – Motor oder Sand im Getriebe des Arbeitsmarktes. Die Rolle der Sozial-, Erziehungs- und Gesundheitsberufe in einer sich wandelnden Arbeitsgesellschaft. In: neue praxis, 2, 130-146

Lindenberg, Michael (2004): Manage mich! Sieben Thesen zur Zukunft Sozialer Arbeit im aktivierenden Staat, In: FORUM für Kinder- und Jugendarbeit 3/2004, Hamburg

5 Gedanken zu „Altes und neues Ehrenamt – und mögliche Veränderungen in der sozialen Arbeit“

  1. Evolutionsprodukt

    Ich habe nur die ersten beiden Abschnitte Deines Artikels gelesen und dazu folgende Anmerkungen:

    Für hier nicht erwähnte Experten stellt „Bürgerschaftliches Engagement“ den Oberbegriff für Ehrenamt, freiwilliges Engagement, Freiwilligendienste, Selbsthilfe und Corporate Citizenship dar.
    Ein Ehrenamt ist, wie der Name schon sagt, ein ehrenvolles und freiwilliges öffentliches Amt, das nicht auf Entgelt ausgerichtet ist. Laut der Definition nach Bock würde der Begriff ja die Mehrheit der Beschäftigungsverhältnisse zumindest im sozialen Bereich in D subsummieren und auf einen materiellen Austausch ausgerichtet sein.
    Rauschenbachs Definition widerspreche ich dahingehend, dass ihre Ausübung relativ (was heißt „realtiv“?) zweckfrei sein soll und dafür keine gewisse fachliche Kompetenz vorliegen muss. Würdest Du einen Schriftführer ehrenamtlich engagieren, der nichts zu schreiben hätte oder der Legastheniker ist?
    Ich wehre mich auch gegen Deine Definition von Freiwilligenarbeit als eine Tätigkeit, die „nach Lust und Laune, Selbstverpflichtung oder Kontakt- und Selbstverwirklichung“ abläuft. Wenn ich einer pflegebedürftigen Person einige Stunden pro Woche bei der Bewältigung ihres Alltags helfe oder auch „nur“ ihren Alltag bereichern möchte, dann bedarf mein Engagement beiderseitig verpflichtender Vereinbarungen hinsichtlich der zeiltichen Intensität (die Person will schließlich wissen, wann ich Zeit für sie hab), und eben nicht nach „Lust und Laune“ (Was für ein Bild über freiwillig Tätige wird hier vermittelt?!) und natürlich stärkt mein soziales Engagement auch meine persönliche Selbstverwirklichung.

    1. Eine wirklich treffende Definition von Ehrenamt oder „bürgerschaftlichen Engagement“ ist in der Tat schwierig zu formulieren. Da außer der Abgrenzung zu einer bezahlten Tätigkeit die Formen des Engagement sehr unterschiedlich sind und auch zu bezahlten Tätigkeiten sind die Grenzen fleißend.
      Darum habe ich die zitierten Definitionen auch nur als Versuch einer Definition gekennzeichnet.
      Sollte jemand eine treffendere Formulierung finden, so bitte ich um den Versuch. Bis dahin sind diese beiden Definitionen, die meiner Meinung nach am besten passen.
      „Bürgerschaftliches Engagement“ als Oberbegriff zu verwenden ist, wie ich es etwas weiter unten im Text beschrieben habe nicht richtig, da mit diesem Wort eine politische Vorstellung mitschwingt. Es gibt einfach keinen Oberbegriff für diese Formen der Tätigkeit! Darum auch der Titel „Neues Ehrenamt“
      Bis sich ein Begriff ohne ideologischen Hintergrund etabliert, werde ich dies auch so belassen.

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