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Dem Himmel nahe – Rundbrief von Sebastian

Von adigwe | 7.März 2003

Im Schneidersitz hocke ich vor der grossen Rumaenienkarte, langsam fahren meine Finger den Nordosten ab. Nach vier Wochen Bukarest kribbelt es mir wieder in den Fuessen, nicht laenger sesshaft sondern auf Reisen moechte ich sein.
Eine Stadt in den Bergeb suche ich, in ein Netz von Hoehenlinien gefasst entdecke ich Piatra Neamt(z) (Stein deutscher ), von dort moechte ich, quer durch die Karpaten wandernd in die Maramuresch, in das vergessene Maerchenland Rumaeniens.
Wenig spaeter winken Simona, meine Gastgeberin und ich ein Taxi heran. Im Eiltempo fahren wir auf der einflugsschneisenartigen Haupverkehrsader Richtung Gara de Nord, in wenigen Minuten faehrt mein Nachtzug nach Piatra. Traurig klebe ich an der Scheibe des Taxis, jetzt nach fast einem Monat Bukarest sehe ich hundert kleine Dinge an die ich Erinnerungen knuepfen kann. Aus dem Auto heraus verfolge ich den unmittelbaren Schritt der vorbeigehenden Passanten. In Gedanken laufe ich ein Stueck mit Reihe mich wieder ein in den ewig hetzenden Strom der Masse.
Es ist eine abendliche Stunde der vergangenen Zeit.
Berauscht und tief Bleiluft inhalierend bleibe ich, eben aus dem Metroschacht geqollen, mit offenem Mund am Piat(z)a Romana stehen.
Was ich erblicke: Ein damfender und fauchender Koloss macht die Strasse neu.
Tausend hintereinandergeschaltete Bunzenbrenner erweichen den Teer der „Ceaus(sch)escu-Horizontalen“, dann wird er abgekratzt und frisch duftendes Schwarz aufgelegt, plattgewalst und fertig, alles mit hundert Meter brodelnder und qualmender Maschiene.
Stehende Luft, hupende Taxis. Leute die kreuzen und queren wo sie wollen. Inmitten des Chaos ein Polizist, mit Trillerpfeife und grossartigen Handbewegungen hilft er den Aotokolonnen abfuehren. Schraeg faellt die Sonne ein und enthebt dieses komplexe Stadtstillleben der alltaeglichen Betrachtung. Eingerahmt von Blocks mit roter Leuchtreklame. Ein aelterer Herr aus dem siebten Stock schaut zu. Nah am Boden hocken die klebstoffhaien Zigeuner, die eine, noch Kind, haelt ein Baby schraeg in den Armen, zwei Meter weiter trinkt eine Schoene Jidvei, einen vorzueglichen rumaenischen Wein.
Die verwunschene Capitale Rumaeniens hat mich.

Mit dem Verlassen der Stadt verebbt auch das mir schon nicht mehr aufgefallene Rauschen im Ohr. Nur ab und an piepst es jetzt noch.

Um sieben Uhr Morgens bin ich in Piatra Neamt(z), es ist wesentlich kaelter, Ende September und Buchenspitzen weden gelb. Auf den Stufen zum Markt verkauft ein kleiner, ostbloeckisch gekleideter Junge 4 mal 7 bis 8 Walnuesse, immer wieder ordnet er sie anders an, bereits mit mir innerlich feilschent schaut er mich an. Im naechsten Moment jagt er dem Hundewelpen nach um ihn wieder auf seine vier Buchstaben zu setzen.
Spaeter besuche ich ein Museum, schlendere ueber einen juedischen Friedhof und passiere Coca Lindenstein, Marcu Feingold, Iulius Kaufmann und begegne und begegne im Urwald des Wuchses und der Grabsteine den Damen Und Herren Weinberg, Morgenstern, Steinfeld und Weissbein.
( Bis zur rum.-ukr. Grenze sind es 150 Kilometer, Piatra Neamt(Z) hat eine direkte Busverbindung mit Chisnau die Hauptstadt Moldaviens.)

Mittels eines Busses gelange ich in den Klosterort Bistrit(z)a, ihn hatte ich mir erwaehlt und zur Besichtigung auserchoren. Fuer zwei Stunden laufe ich umher, bin angetan von diesem Kleinod, langhaarige Moenche mit langen Baerten, dass wenn sie laufen ihre Roecke heben und die Kappe auf dem Kopf fixieren. Um Drei wird Gekloeppelt, dann laufen Holzschlaegel ueber ein Brett im Glockenturm. In dieser Hatz scheinen sie sich zu jagen, ein virtuoses Spiel, anschliessend rufen die Glocken zum Gebet. Zwei Moenche stehen eng aneinandergerueckt im Eingang der Kirche und starren gemeinsam auf ein mobiles Handtelefon, in langen schwarzen Roben gekleideter Wuerdentraeger wendet sich ab als es ringt (piepsendes Ringen ).
Ich sattele meinen Rucksack und laufe zum Kloster hinaus, in die Waelder Richtung Maramuresch.
Noch bevor ich die erste Huegelkuppe ueberschreite bleibe ich stehen. Ein Moench und ein Noviz treten auf mich zu, der Eine haelt Moos in der Hand der Andere ein Buch der Psychologie. Auf freiem Feld, bei pfeifendem Wind wird mir die Offerte gemacht Gast des Klosrers Bistri(z)as zu sein.
Den schon einmal gegangenen Weg sehe ich nun ein zweites Mal. Meinen Plan die Karpaten zu durchschreiten halten sie fuer sehr wagemutig. Am Abend esse ich im Speisesaal an langer Tafel, tief ueber die Teller gelehnt schluerfen sie ihre Suppe. Vor versammelter Runde werde ich willkommen geheissen und bin nun offizieller Gast des Klosters. Auf einem abendlichen Spaziergang zeigt mir Vater Mina die Kirche und auch das Gelaende. Er erzaehlt von seiner Liebe zu Gott und dem Bestreben seiner mildtaetigen Waerme naeher zu kommen. Bis dorthin sagt er bestreite er den Kampf mit dem Teufel, er schleicht sich ein und trickst, ist einmal auf dieser Seite dann auf der Anderen, er spricht zu und hoent, treibt Dich, wenn Du ihn nicht erkennst dorthin wo er es will. Deshalb lebe er in Askese, schlaeft jede Nacht nur drei Stunden, isst wenig, er betet und liest Psalme und Evangelien, sagt: „Vater, Sohn, Heliger Geist beschuetze mich“.
Fuer drei Tage werde ich ein kleiner Teil des kloesterlichen Treibens, bis ich von einem Zweig des Klosters hoere, ein abseits gelegenes, neues Klosterareal oben in den Bergen, genannt Manastirea Sf. Ioan Botez(s)atoru ( Kloster des heiligen…).

Fruh Morgens um sechs wartet ploetzlich ein Auto auf uns, im Nebel und mit noch verklebten Augen fahren wir direkt in die Karpaten. Auf Serpentinenschleifen ereichen wir den Gebirgsort. Eingekeilt von den Waenden der oestlichen Karpaten eroeffnet sich mir ein neuer Horizont.
Lacul Ros(sch)u

Alaska und Heidiland -wo sie auszog die Ronja, das Fuerchten zu lernen- das ist hier.
Eine ausgestreckte Hochebene, tausend vierhundert Meter ueber Null, bewaldete Huegelkuppen, bewaldete Taeler und Bergruecken. Jetzt im Herbst der Klang der Farben, die Sinfonie, ein fast ungehoertses sentimentales Sterben. Auf einem Spaziergang streife ich durch das voellig abgeschiedene Tal unterhalb unserer Kirche. Aschpfahl windet sich eine Erlenaue hindurch. Am Rand des Flusses streife ich entlang, werde von einem alten Bauernehepaar mit misstrauischen Blicken verfolgt. Sie leben ohne Zufahrtssrasse, kennen keinen Strom, stellen Strohpuppen zum Schutz vor wilden Tieren auf, sie melken ihre Kuehe mitten auf der Weide. Es ist die Luft der Sinfonie, ich erkenne ihn wieder, diesen herlich modrigen Geruch meiner fruehen Jugend. In Schwaden haengt Rauch im Tal, auf freigespuehlten Kiesbetten suche ich mir meinen Weg, schlaengele mich durch Auen. Ich naehere mich der verstreuten Siedlung . Schlammige Srasse mit ueberfluteten Teilen. Links und rechts des Weges eine andere Welt, kleine Huetten und Haeuser, am Rande piken Gaense und Puten Gras. Es sind Holzfaeller und Bauern die hier wohnen, nun weiss ich, dass es die Welt die ich suchte noch gibt.
Als ich wieder am Hort bin lehne ich mich an dessen hoelzerne Balustrade. schraeg blendet mich die Sonne, rotbraunes Buchenlaub schwimmt in Pfuetzen, langsam pendelt der Schwanz der Kuh, bedachte Schritte, ein Mann geht vorbei. Aus dem Tal kraeht ein Hahn, der hinabrauschende Fluss macht den Ruecken. Silberdistelsamen fliegen vorbei, eine letzte Grille im Abseits, ansonsten ist hier Stille.
Wir sind die Eremiten von Lacul Ros(sch)u,
Vier Moenche und ein deutscher Tourist,
Selbstgewaehlt und weltentfremdet.
Keine Heitzung und fliessend Wasser,
Strom nur auf Knopfdruck.
Heute scheint die Sonne in unsere Kueche
Und die schlammigen Wege von gestern trocknen ab.
Heute kommt Speck in die Suppe,
Fleischklumpen tanzen im brodelnden Ozean
Des 1-Metertopfes.
Wenn wir essen dann richtig viel,
Zwei verschiedene Vorsuppen, Pilaf und Kompott,
Wir essen die Zwiebeln roh und in in grossen Bissen,
Unsere Gesichter sind nach dem Essen rot,
Von feuerroten Peperonis. Vor und nach dem Mahl heben wir die Muetze und danken dem Geber. Frische Luft ist eigentlich ueberall aber an der frischen Luft sind wir immer ganz schnell, weil uns sonst kalt wird. Ich besorge den Abwasch und betreue, seit dem uns der Econom entlaufen ist den Haushalt. Noch in der Dunkelheit des Morgens schaele ich gruene Kartoffel und lass was gerade so kommt tanzen. Ich wickle Kohlkoepfe in Papier und schraube Marmeladenglaesser auf, wenn die anderen klamme Finger haben. Geborgen atme ich in den Armen des Vaters Sofroni. Mitte Oktober wird es richtig kalt, waerend des Vormittags sackt das Thermometer unter Null und der Regen wird zu Eis, dick behangen sind dann die Baeume. Vater Vitalei traegt drei Hosen und eben soviele Pullover, wenn er abends in seinen Schlafsack kriecht deckt er sich zweimal zu. Ich bin erkaeltet und schlecht verheilende Flohstiche matretieren mich, bei fuenf Grad wiederhole ich immer und immer wieder die Praepositionen, dekliniere Verben und werde bei Gefuhlsaeusserungen doch nicht verstanden. Am schlimmsten ist es Morgens aus dem Schlafsack zu kriechen, doch ich muss ganz dringend, denn das Klo ist hinter dem Haus, bei Sonnenschein wasche ich mich nackig hinter der Kirche. Am Nachmittag mache ich einen Rundgang.
Unterwegs im schuetzenden Ruecken des Lacu Ros(sch)u Tals. Poetischer Waldpfad auf erdigem Grund, durchblickende weisse Steine, gestreutes Herbstlaub in Rot, Braun und Gelb. Ein abruptes Ende dieses Weges, ab da nur och verwagsenes Wild, die Spur verliert sich, entwurzelte Baeume versperren den weg. Ploetzlich aufragende Felsfront, nacktes Gestein, hart und massiv, massig und alt.Ich bewege mich auf Willwechseln, direkt unterhalb der ueberhaengenden Gewalt, es ist ein riesiges Stilleben. Am Fels verlaufende Rinnsale tropfen herunter, schleimig und rutschig wird es, eine Grotte tut sich auf, vielleicht eine Hoele? Voller Achtsamkeit und leicht aengstlicher Vorsicht gehe ich hinein, soweit das Tageslicht in die Dunkelheit sticht. Nach hundert Metern wird es Nacht, mit Lehmklumpen werfe ich die weiteren Ausmasse ab. Auf diese Weise entdecke ich ein mittelgrosses Loch welches weiterfuehrt. Wohin bleibt vorerst verborgen. Ich drehe mich und will zurueck…verharrend schaue ich zum Ausgang, schwarz die Konturen der Hoehle. Wieder draussen gehe ich weiter am Fels entlang.Ich starte den Versuch ein kleines Plateu zu erreichen, waghalsig gelingt es, unsicher ob Steine sich loesen und kleine Baeume entwurzeln. Oben bietet sich ein Blick bis zum Horizont, sonst im Nebel versteckte Weiten blicken durch, spitze Huegel in besonnenem Licht. Hoher Berg, von der Karte her gekannt, am ueberschwappendem Horizont. Quer durch die Wildnis heim, strupige Fichten, niederes Gehoelz, immer auf Moos, auf Tierfaden wo vielleich auch Fuchs, Luchs, Wolf und Baer frequentieren. Der Nase nach und doch einen guten Riecher. Kurz unterhalb entstiefele ich dem Dickicht, Weiden von Kuehen, mit Sensen bearbeitetes Areal auf 1600 Meter. Grosse Heutuerme auf dem gebuckelten plateuartigen Gipfel, ganz unerwartet stehe ich hier oben, wollte ich doch eigentlich garnicht, eine Freude da zu sein, auf diesem Berg und dieser Welt.

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