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Willkommen im Jahr 2003 – 5. Rundmail

Von adigwe | 7.Januar 2003

01. Mein Geburtstag
Bevor ich anfange zu erzählen wie die Weihnachtszeit verlaufen ist, möchte ich über zwei Dinge erzählen die vorher passiert sind. Das erste war mein Geburtstag. An zwei Wochenenden habe ich meinen Geburtstag gefeiert, denn am Samstag den 31. November war der Geburtstag von St. Andrej, an dem alle Andreeas, Andrejs und halt auch Andrease ihren Namenstag gefeiert haben. Dieser Tag wird hier mindestens genauso groß gefeiert wie der richtige Geburtstag. An diesem Tag war kurz im Projekt, wo eine Chorprobe stattfand und wurde stürmisch gratuliert. Am Sonntag dann haben wir dann in meinen Geburtstag in einem Deutschen Brauhaus reingefeiert, das auf bayerisches Volksfest getrimmt ist – mit live Musikkapelle und so, bevor am Wochenende fast alle Rumänien-Eirenies sich in Bukarest versammelt hatten und wir wieder diese Bayern Kneipe unsicher machten.

02. Fagaras – Abschied vom Julian
Am Wochenende drauf hieß es dann Abschied nehmen vom Julian, der seinen Dienst in einem Kinderheim für körperlichbehinderte Kinder absolviert hatte. Nach 18 Monaten Arbeit in einem Dorf bei Fagaras ging er nun zurück nach Deutschland. Mit Julian hatte ich in meinen 6 Monaten schon einige Sachen unternommen (Budapest „Sziget“, Cluj, Zwischenseminar …), so war es wirklich schade ihn jetzt schon verabschieden zu müssen. Aber das tat der wunderschönen Abschiedsparty keinen Abbruch.

03. Weihnachtsbräuche in Rumänien
Obwohl es hier kein Advent (also kein Adventskranz oder Adventskalender…) gibt und Ostern als das viel wichtigere Ereignis des Jahres gilt, gibt es hier natürlich viele zahlreiche Bräuche die es bei uns nicht gibt. Ein wunderschöner Brauch ist das Collinde singen. Üblicherweise gehen Kinder an den Vorweihnachtstagen von Haus zu Haus und singen Weihnachtslieder und bekommen dafür Cosonac (Brezeln/Nachträgliche Anmerkung: Dies war ein totaler Übersetzungsfehler und Missverständnis meinerseits, Cosonac ist eine Art Hefezopf mit Rosinen und manchmal mit Kakaopulver und Lokum, der dem Stollen etwas ähnlich ist – er ist nur nicht so fest und trocken) und einen Apfel. Mittlerweile gibt man den Kindern (und nicht nur Kindern) aber Geld in die Hand. Im Projekt sind wir (viel zu früh) zum Büro und haben dort Collinde gesungen und Kleinigkeiten bekommen. Auf dem Rückweg haben wir aber nicht mehr aufgehört und im Bus und auf der Straße weitergesungen an zwei Läden gab es sogar Geld dafür. In der U-Bahn ist dieser Brauch des Collinde singen noch etwas anders. Vier oder fünf Männer tanzen hier durch die Waggons mit allem bewaffnet was klappern kann und singen dazu. Vorne dran marschiert ein Mann als Monster verkleidet – von Kopf bis Fuß in Stoffetzen gehüllt und einen gebastelten Drachenkopf. Zu Weihnachten gibt es traditionell immer Schwein. Die Schweine werden im Hinterhof geschlachtet und zerteilt. In dem Stadtteil wo ich arbeite, habe ich zugeguckt wir ganz plötzlich zwei Männer aus einem Kofferraum eines Dacia (die hiesige Automarke) ein lebendes Schwein rauszerten und dann es mitten auf der Straße töteten. Sie stachen mit dem Messer in den Hals und bewegten es immer hin und her, bis das Blut ausquoll. Die Ohrenbetäubenden Schreie hörte man noch lange. Aber schnell wieder zu etwas liebes und nettes: Den Mistelzweig den man vielleicht aus England kennt gibt es hier auch. Mistelzweige bringen Glück und wenn sich zwei unter dem Mistelzweig treffen müssen sie sich die beiden küssen. Mistelzweige gab es um Weihnachten an jeder Straßenecke zu kaufen, allerdings sind hier die Früchte anders als in England nicht rot sondern weis. Das waren nun natürlich nicht alle Brauche aber so das was mir schnell aufgefallen und mir nun gerade eingefallen ist.

04. Weihnachtsfeier im Projekt
Ein Kind geht um her. Es hat ein sanftes, verträumtes Lächeln. In seiner Hand hält es eine Plastiktüte mit einer unscheinbaren Flüssigkeit, die es immer wieder die Nase bedeckt. Es handelt sich um Aurolac (Klebstoff oder Lacke, die Straßenkinder billig schnüffeln können). Um es herum sitzen zwei weitere Kinder, die am weinen sind. Es ist eine Szene die man hier auf den Straßen öfter sieht, doch diese Kinder sind in Clownverkleidung und stehen auf der Bühne des Französischen Instituts und erzählen pantomimisch dem Publikum und dem anwesendem Fernsehen, wie es wohl hätte zu gehen können mit ihnen. In der letzen Woche vor Weihnachten gab es gleich 3 Weihnachtsfeiern, für die mehr als ein Monat lang geprobt worden war. Zwei waren in den jeweiligen Schulen für Eltern und Lehrern bestimmt. Während besagte für Sponsoren, Persönlichkeiten und Freunde des Projekts bestimmt war. Außerdem Phantome gab es Tänze (zu Weihnachten, Afrikanisch sowie Indianisch) und Weihnachtslieder. Am Ende kam der Weihnachtsmann und überreichte jedem Kind noch eine Kleinigkeit. „Der Schuster Martin“ das Theaterstück von dem ich berichtete wurde den Eltern vorgeführt, sowie einigen Kindern von Sfantul Stelian (das Projekt von meinem Mitbewohner Wolfgang).

05. Weihnachten in Arad
Es ist der 24. Dezember und ich bin schon 8 Stunden unterwegs. Ich sitze im neusten Schnellzug nach Arad und lese. Ich habe mir mal andere Weihnachten gewünscht, aber das Heiligabend so aussehen würde… Dadurch das die Fahrpläne im Dezember gewechselt wurden habe ich den früheren Zug verpasst so das ich um 7 Uhr abends Arad erreiche. Aber es ist eigentlich halb so wild, da in Rumänien erst am 25. gefeiert wird. Ich feiere bei Kami, eine deutschsprachige ungarisch-rumänische Studentin, die in Cluj studiert und die ich bei meinem ersten Wochenende in Rumänien kennengelernt hatte. Zusammen mit Kathi (Eirene-Freiwillige in Cluj) und Micki (Studentin in Cluj) wird es eine schöne, lustige Zeit. Denn Gottesdienst in der Orthodoxen Kirche, den man hier 3 Stunden lang im stehen verbringen muß, verpasse ich leider, weil ich nicht früh genug aufstehe. Dafür aber versorgt uns Kamis Mutter mit den ganzen typischen romänischen Essen und zwar übrig und richtig lecker. In den 3 Tagen habe ich damit bestimmt das gesammte kulinarische Programm seviert bekommen. Mittags und abends das feinste Essen, von Sarmale (Krautwickel) über Carnati (Wurst) und Friptura (Schweinebraten) war alles dabei. Anschliessend bin ich mit Kathi für die Tage zwischen Weihnachten und Silvester nach Cluj.

06. Silvester in Bukarest
Wolfgang nannte es „den Tag der verpassten Chancen“: Wir, Kathi und ich waren in Bukarest angekommen um die große Bukarester Silvester Nacht zu erleben. Was es wurde war eher eine besinnliche Nacht – schön aber nicht die erwartete Party. Weil alle Freunde auf etlichen Veranstaltungen verteilt waren, wussten wir nicht wohin wir gehen sollten und haben erst am 31. entschieden bei meiner Kollegin Livia und ihrer Freundin zu feiern. So fuhren wir nun bis ans Ende der Stadt, obwohl wir bei uns vom Balkon die beste Möglichkeit gehabt hätten das Feuerwerkspektakel zu sehen. Dort guckten wir uns die ganzen Veranstaltungen an die ein paar Kilometer von uns hier in Bukarest statt fanden und um zwölf sahen wir von den Feuerwerken nicht viel, da das Fenster des Appartments auf eine Wiese zugeht. Wir entschlossen uns nun zum Piata Revoluti, wenige Minuten von unserer Wohnung, aber eine halbe Stunde Taxifahrt von diesem Block entfernt, zu fahren um dort uns die Open Air Konzerte anzugucken, die dort umsonst zu sehen waren. Leider bekammen wir aber nur noch zwei Lieder der rockigsten Rock Band aus der komunistischen Ära „Cargo“ mit. Cargo war sehr enttäuschend. Also ging es für uns nun nach Hause – willkommen im Jahr 2003!!

07. Weihnachtspaketaktion
Am 7. Januar verlassen fast gleichzeitig an zwei Bukarester Schulen in einem sozial schwachen Stadtgebiet 90 Kinder mit Schuhkartons unter dem Arm die Gebäude und sind so richtig glücklich. Sie sind aus der Hausaufgabenbetreung des Projekts F.O.C.. Bis die Schuhkartons ihren Weg nach Rumänien fanden, waren etliche Wochen an Vorbereitung und Arbeit vergangen, worauf die Baptistengemeinde Göttingen stolz sein kann und ich sehr dankbar bin. Angefangen hatte es, als ich in meinen 3. Rundbrief nachgefragt hatte, ob es möglich wäre eine Weihnachtsschuhkartonaktion durchzuführen. Das heißt ein jeder packt ein Schuhkarton für ein Kind aus meinem Projekt. Als ich diese Frage stellte war es aber bereits schon zwei Monate vor Weihnachten. Nun war die Gemeinde dran: von Transportfragen, -kosten über die einzelnen Kartons packen. Ich habe die fleißigen Hände nicht gesehen, aber ich kann mir die Arbeit gut vorstellen. Dann wurden die Pakete nach Frankfurt transportiert und von dort mit einem Busunternehmen nach Bukarest. Und nun waren wir hier an die Reihe. Wie kriegt man die Pakete von der Eurolines Geschäftsstelle ins Projekt, 13 große Umzugskartons? Am 23. Dezember, als die Pakete abzuholen waren, hatten wir, wie es hier oft üblich ist, immer noch keine klare Lösung gefunden. Ein Freund hatte nicht fahren können und so traf ich meinen Kollegen Adrian an jenem Samstagmorgen bei Eurolines, um uns die Pakete anzugucken. Von der Menge überzeugt fuhren wir zurück zum Büro und fragten an der Baustelle daneben, ob der Lastwagenfahrer, der wohl schon einmal für das Projekt gefahren ist, uns die Pakete transportiert. Mit diesem klapprigen Gefährt fuhren wir nun 2 Stunden hin und her und haben die Pakete sicher ins Büro gebracht. Endlich konnte ich mich nun in meine Ferien aufmachen, die die Kinder schon hatten und wir darum die Pakete nicht mehr verteilen konnten und saß nun Heiligabend im Zug nach Arad. Am 6. Januar fing das Projekt wieder an. Mit einer Kollegin zusammen haben wir jedes Paket aufgemacht um die Haltbarkeit zu überprüfen und die Pakete mit Namen der Kinder zu beschriften und auf die zwei Schulen zu verteilen. Am 7. war nun endlich der Tag der Bescherung. Ich hatte die Aufgabe die Kinder der Schule 136 die Geschenke zu überreichen und die Kinder der Schule 134 holten sich die Pakete vom Büro direkt ab. Jede Schule knipste einen Film voll. Wie gelungen die ganze Aktion war sieht man nun die Tage danach. Wie Esterer mit ihrem Taschenrechner um den Hals immer wieder neue Zahlen ausrechnet, wie Nico und Paul auf einem Tisch Tischtennis spielen, wie Gabi seinen Hubschrauber nicht aus der Hand nimmt und im ersten Moment nicht wirklich ansprechbar ist. Wie die ganzen neuen Kartenspiele ausprobiert werden, die nicht Projektbesitz sind sondern nun Eigentum eines Kindes sind. Die Kartons werden als persönliches Fach verwendet wo die Seifen drin sind und all das Spielzeug das in einer winzigen Einzimmerwohnung zu sechst oder zu acht keinen Platz findet. Man sieht wie wichtig es ist, nicht einfach eine Aktion durchzuführen, irgendwohin Sachen zu schenken, sondern das es in einem Projekt eingebettet ist, wo die Kinder aufgehoben sind und auf solche Aktionen aufbauen können. Die Kinder sind sehr dankbar für alles und es werden noch etliche Sachen, per Post, die Gemeinde Göttingen erreichen.

08. Wie geht es nun weiter? – Pläne für das nächste Jahr
Mit dem neuen Jahr macht man sich Gedanken wie das neue Jahr aussehen sollte, ihr könnt diese Liste auch als Gebetsanliegen sehen:

– Ende Februar wird Wolfgang mich verlassen, damit muss ich mir einen neuen Mitbewohner für die Wohnung suchen, die ich sehr gerne behalten will, zu mal ich der Vermieterin das Versprechen gegeben hatte länger in der Wohnung zu bleiben. Ich habe nun eine Anzeige in der Zeitung aufgeben und hoffe das sich jemand meldet und der richtige in diese Wohnung zieht. (100 Dollar sind für Romänen eine stolze Summe, die nicht jeder aufbringen kann) oder am Ende doch noch nach einer neuen Wohnung umzugucken.

– Obwohl ich es versucht habe, diese Frage untergehen zu lassen, werde ich permanent gefragt: Was macht die Sprache? Ich komme voran, aber sehr langsam. Ich kann mich mit den Kindern über alltägliche Dinge unterhalten, aber mit Erwachsenen und kompliziertere Themen kann ich noch nicht auf Romänisch. Es ist wie zu Schulzeiten – ich bin zu faul zum lernen und muss die Schuld wieder bei mir sehen. Ende Februar kommt eine Rumänin aus Deutschland zurück, die ihr Deutsch verbessern will, die im Gegenzug mir Romänisch beibringt.

– Von der Gemeinde stehen 150 Euro zur Verfügung und ich muss mit meinen Kollegen überlegen, was ich damit mache. Wir würden sehr gerne einen Ausflug machen und da kann die 150 nur ein Zuschuss sein. Mal sehen, ob sich weitere Möglichkeiten öffnen und wir auch eine geeignete Zeit und einen geeigneten Ort finden.

– Die Kinder wissen das ich mich nicht schlage und fragen warum. Aber ich weiß das es hier nicht wirklich ohne geht und das sie es gewohnt sind, geschlagen zu werden und zu schlagen. Dennoch will ich mir das Ziel setzen, spielerisch den Kindern alternative Konfliktlösungen zubieten. Im Moment habe ich mir darüber noch keinen einzigen Gedanken gemacht, aber ich will es bald in die Tat setzen.

– Es gibt mehrere Projekte, die ich mit Menschen außerhalb von F.O.C. durchführen möchte und hoffe das diese Sachen klappen: Zum einen ist es das Kerzen drehen von dem ich im zweiten Rundbrief berichtete und das ich erst nach Weihnachten durchführen durfte. Mal sehen ob die Straßenengel (so heißt das Projekt) mich nicht vergessen haben. Zum anderen würde ich gerne eine Begnung zwischen meinen Kindern und den Behindertenkindern von Fagaras durchziehen mit der Nachfolgerin von Julian (die ich noch kennenlernen will/muss und nichts von dieser Idee weiß 😉 ), nach dem Vorbild von Wolfgang und Julian, die dies im Dezember durchgeführt haben.

– Ich möchte alle Bereiche meiner Organisation kennenlernen und mal besuchen, das beinhaltet ein Projekt, ähnlich dem Projekt, in dem ich jetzt arbeite, hier in Bukarest nur in kleinen Städten und Dörfern und ein Jugendstrafgefängnisprojekt.

– Die Fußballliga muss bald weitergehen und ich möchte auch weiterhin die Mannschaft trainieren, bis jetzt teilen wir den ersten Platz – aber der Kontrahent ist sicher stärker als wir. Wir sind ein super Team (nicht nur beim Fußball) und werden mit viel Spaß an die Sache dran gehen.

09. 300 Fotos
Mittlerweile habe ich nun über 300 Fotos geschossen und es werden immer mehr. Leider komme ich überhaupt nicht hinterher mit dem einscannen, aber es sind schon etliche Fotos online. Euch ganz besonders ans Herz legen möchte ich euch das Fotoalbum der letzten sechs Monate.

…Euer Andreas Adigwe Pilot.

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