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Nichts als Kartoffeln! – Rundbrief Nr.4

Von adigwe | 1.Dezember 2002

Bukarest, den 1.12.2002

Hallo liebe Freunde in Göttingen und anderswo,
nun ist auch schon wieder ein richtig voller Monat vergangen, so dass es an der Zeit ist nach 4 Monaten Resümee zu ziehen.

Inhalt:
1. Arbeit im Projekt
1.1. In den Tageszentren
1.2. Die Weihnachtspaket – Aktion
1.3. Intensive Weinachtsfeier Vorbereitungen im Projekt
2. Eindrücke und Erlebnisse
1.1. Anekdoten aus meinem Projekt
1.2. Bushbesuch
1.3. Zwischenseminar

Arbeit im Projekt
In den Tageszentren
Mittlerweile arbeite ich nun wieder in beiden Schulen 134 und 136.
In der Schule 136 sind rund 70% der Kinder Roma (Roma in Rumänien ist ein Thema für sich, das ich sicherlich sobald ich mehr Zeit habe, ausführlich behandeln will), deren Familienverhältnisse meist sehr kritisch sind. Meistens leben sie nur mit ihrer Mutter oder bei Verwandten oder werden von ihren Vätern geschlagen, darum fehlt denen ein liebendes männliches Elternteil und dessen Ersatz bin ich hier bei vielen Kindern. Das beinhaltet einiges an Verantwortung, da ich dementsprechend auch als Vorbild angesehen werde – im Moment zeigt es sich überwiegend dadurch das die Kinder, mein Kleidungsstil und mein Haarschnitt kopieren, meine Hoffnung jedoch ist, dass sie sich viele Jahre später an das erinnern was ich getan und gesagt habe.

In der Schule 134 sind weniger Roma und auch weniger das Problem der verkorksten Beziehungen, hier sind es meist Geld und Schulprobleme, die die Familiensituation beherrschen.
Mit dem Erzieher Jean ist auch eine männliche Person gegeben, weshalb es hier länger dauerte das Eis zu brechen.
In der Schule 134 sind zwei körperliche behinderte Kinder. Ionut, der vor einem Jahr bei einem Unfall beide Beine verloren hatte. Er hatte auf einer Wiese gespielt, an dem Bahngleise angrenzten und sich an einen fahrenden Zug gehängt. Auf meiner Projektreise war er noch ein sehr, sehr stiller, in sich gekehrter Junge, doch mittlerweile scheint er sich mehr und mehr mit der Situation abgefunden zu haben – er tobt und spielt mit allen anderen Kindern und macht jede menge Kopfstände. Der andere ist Paul, er ist an den Füßen gelähmt, er hatte Jahre lang aus einem anderen Projekt ausländische Freiwillige, weshalb er jetzt gut Englisch spricht. Beide sind sehr gut in das Projekt integriert und werden von allen als gleichwertig anerkannt, was hier eine sehr große Leistung ist, weil hier teilweise sehr krasse Meinungen über behinderte Menschen existieren. Was unter anderem vielleicht daran liegt das hier an jeder Straßenecke bettelnde verkrüppelte Menschen zu sehen sind, die hier nicht vom System aufgefangen werden.

In beiden Schulen mache ich also weiterhin Hausaufgabenbetreuung und Aktivitäten. Hausaufgaben kann ich nun leichter erklären und kann also Mathe und bei den kleinen Kindern schreiben beibringen.
Bei den kleinen Kindern habe ich zwei bis drei Kinder unter meine Fittiche, denen ich dies beibringe. Die Lehrerin von Estera, die einzige der drei Mädchen die zur Schule geht, hat, seit ich sie übernommen habe, die Arbeit gelobt und da Estera den Stoff der ersten Klasse lernt, aber in der 3. Klasse ist, soll ich ihr nun Schulaufgaben geben. Das füllt mich natürlich mit großen Stolz, aber das gute Ergebnis liegt wohl eher in der Zuneigung Esteras zu mir, als in einem großartigen Lehrer meinerseits, aber das Ergebnis ist wichtig.
Ein großes Manko ist das Schulsystem in dem nicht geachtet wird das alle mitkommen, sondern der Lehrer gut ist sobald der Klassenbeste es versteht. So bleiben viele auf der Strecke.

An Aktivitäten habe ich nun auch zahlreiches durchgeführt, auch wenn durch die Weihnachtsvorbereitungen ich mich ein wenig zurückgezogen habe. Übrigens spielt ganz FOC im Moment Sching-Schnang-Schong (Stein-Papier-Schere). Zu Weihnachten möchte ich zahlreiche Sachen basteln, die man Weihnachten bei uns macht, hier aber nicht existieren, wie Adventskalender und Adventskränze.

Eine besondere Aktivität ist immer noch die Fussballliga. Im Moment ist nun die Hallensaison angebrochen und wir rechnen uns gute Chancen auf den 2. Platz. Bis jetzt haben wir alle bis auf ein Spiel gewonnen. Die letzten Traingseinheiten habe ich nun alleine übernommen. Mittwochs nach 8 Stunden Arbeit hänge ich noch anderthalb Stunde Training dran. Sonntags wird dann unser Team zeigen was es drauf hat (wodurch ich nun nicht in die Kirche kann, aber die Audiopredigt von Dieter Kreibaum aus dem Internet ist immer eine gute Lösung).
Unser Team rückt immer mit den meisten Fans auf und unsere Mädchen heizen als einziges als Cheerleader unsere Mannschaft auf. So ist jedes Spiel ob verloren oder gewonnen ein Fußballfest.
Nachdem unser letzter Fussball geplatzt ist, habe ich eine feuerroten Ball gekauft und jedes Kind auf ihm unterschreiben lassen, dies ist auch so ein schönes Zeichen von einem Team und Zusammenhalt was furchtbar wichtig ist. Da wir nur auf Betonplätzen spielen ist der dieser Ball natürlich auch sehr schnell beschädigt, aber da es ein teuerer Ball war, wird er es wohl noch einige Zeit aushalten.

Die Weihnachtspaket – Aktion
Zunächst möchte ich mich bei allen bedanken, die es zustande gebracht und mit gewirkt haben, das die Weihnachtspaket – Aktion in vollen Touren an läuft, nun wollen wir hoffen das es auch ein großer Erfolg wird. Aus der Entfernung wollte ich die ganze Zeit unterstützen und unter die Arme greifen, aber ich fühle mich aus dieser Distanz ziemlich macht und hilflos, darum ist es um so besser das es auch ohne mein zu tun klappt.
Wer es noch nicht aus der letzten Rundmail weiß: Zu Weihnachten packen Freiwillige aus der Baptisten Gemeinde Göttingen Schuhkartons für die Kinder von meinem Projekt. Diese 90 Pakete sind dann so eine Art persönliches Zeichen und Zuneigung für diese Kinder und dieses Projekt zu zeigen. Wer auch ein Päckchen packen will kann sich bei mir oder Marcus Meißner melden.

Intensive Weihnachtsfeier Vorbereitungen in meinem Projekt
Auch bei mir im Projekt wird nun für Weihnachten vorbereitet. Jeden Samstag treffen sich die Kinder der beiden Tageszentren, um gemeinsam Weihnachtslieder für die gemeinsame Weihnachtsfeier einzustudieren, diese rumänischen Lieder sind einiges fetziger als unsere alten Klassiker und sind mindestens genauso einprägsam. Den Kinder bereitet es viel Spaß.
Zusätzlich bereitet jede Gruppe ein eigenen Teil, Tänze und Theaterstücke, für die Weihnachtsfeier vor.
Die großen Kinder studieren z.B., auf meiner Idee hin, das Theaterstück, was schon oft in unserer Gemeinde aufgeführt würde: Der Schuster Martin! Als ich für eine Idee gefragt wurde, viel mir sofort diese Geschichte ein und ich war überrascht das meine Kollegin diese Geschichte auf Rumänisch übersetzt, in einer Weihnachtsgeschichten – Sammelband gefunden hatte.
Die Geschichte von Martin paßt, meiner Meinung nach, in die Situation der Kinder perfekt und gibt dem Stück hier eine ganz andere Bedeutung als in Deutschland. Dieses Stück handelt von dem armen, alten Schuster Martin, der gerade ein wunderschönes paar Kinderschuhe angefertigt hat. Am Abend hört er Gottes Stimme, die sagt das Jesus morgen ihn besuchen kommt. Martin freut sich das er diese gerade angefertigten Kinderschuhe Jesus geben kann. Am nächsten Tag kommen zahlreiche arme Gestalten vorbei und jeden von ihnen lädt er zu sich ein und gibt von dem bißchen, dass er noch hat. Als letztes kommt eine Mutter mit ihrem Kind und da Martin die Hoffnung aufgegeben hat, gibt er dem Kind die Schuhe, da es keine hat. Am Abend erscheint Gottes Stimme und erklärt dem zuerst wütenden Martin, das Jesus in jedem von diesen Personen ist die er geholfen hat. Die Bedeutung die dieses Stück hat, daß man auch in der größten Not mit anderen teilen sollte, ist natürlich sehr schwer für die Menschen zu verstehen und umzusetzen, da es ihnen ja wirklich mindestens genauso dreckig geht wie diese Personen in der Geschichte und es wäre ja schon blöd wenn man teilt und dabei alle zugrunde gehen, als wenn man behält und wenigstens die eigene Familie (in der existiert dieses Verständnis) rettet.

Eindrücke und Erlebnisse
Anekdoten aus meinem Projekt
Immer wieder stößt man auf Begebenheiten, bei denen man merkt, dass die Kinder oft ein ganz anderes Verständnis oder eine ganz andere Lebensweise haben. Einige Sachen will ich euch hier mitteilen:

Mona und die Farben
Mona steht in der Mitte und soll ihren Text fürs Theaterstück vortragen, den sie wohl immer noch nicht auswändig kann. Verstehst du überhaupt den Text, fragt Livia, weißt du überhaupt was rot für eine Farbe ist. Nein, das weiß sie nicht. Sie kennt die Namen, weder für grün, blau, braun und grau. Das ist krass denke ich, doch Livia erklärt, dass viele Kinder bevor sie hierher kommen die Farben über haupt nicht wissen. Farben waren eine der ersten Sachen, die ich auf rumänisch lernte und Farben waren die Wörter, die ich den Kindern in meiner zweiten Englisch Unterrichtsstunde beigebracht habe. Vielleicht waren ja auch damals Kinder dabei, die zum ersten Mal die Farben in Rumänisch gelernt hatten (Mona war in der Woche nicht da gewesen). Mit den ich Ninas Jungscharfarbenspiel gespielt habe. Auch jetzt noch erlebe ich das Kinder Farben wie Lila nicht kennen.

Amalias rote Schuhe
Es ist Essenszeit. Amalia sitzt am Tisch und weint verzweifelt. Sie ist total sauer. Auf Michaela. Wieso dass denn? Keine Antwort. Meine Kollegin Andreea weiß mehr und kann sich nicht halten vor lachen. Amalias Bruder hat ihre rote Turnschuhe geben und gesagt, die hätte er hier gefunden. Prima, dachte sich Amalia, dann gehören sie also mir. Alles was rum liegt, auch in einem Raum wie unserer Klassenraum, gehört demjenigen der es findet. Das nun Mihaela Ansprüche auf ihre Schuhe stellt ist so unfair und gemein, das Amalia völlig am Boden zerstört und wütend auf diese Ungerechtigkeit ist.

Roberts Mülleimer
Robert hat sein Joghurt probiert, so richtig gut schmeckt er nicht, also läßt er ein bißchen was drin, um ihn los zu werden macht er es wie er es normalerweise von zu Hause gewöhnt ist. An den Joghurtspuren an der Fensterscheibe und auf dem Fensterbrett können wir sehen, dass er das Fenster als Mülleimer auserkoren hatte, aber nicht genau genug zielen konnte. Robert ist auch der Junge den Livia mit Hilfe eines Lama bildes erklären muß, das es nur ein einziges Lebewesen spucken darf und die anderen Kinder und Türen anzuspucken nicht witzig ist.

Zeichen des Glaubens
Wir sitzen im Bus und es ist das zweite mal das Cristi mich fragt warum ich mich nicht bekreuzige wenn ich an einer Kirche vorbei komme, wie es hier jeder Orthodoxe macht und es ist das zweite Mal das ich ihm nicht, bis zur nächsten Station, an der er raus muss, erklären kann, dass ich an den gleichen Gott glaube, aber ich ein solches Zeichen nicht machen muss; das mein Leben nicht aus traditionellen Zwängen bestehen soll, sondern ich mit guten und freien Gründen glaube. Das mein Handeln und Tun aus dem Glauben heraus, nicht an neue Kirchenhäuser und Klöster geht (was hier zu hauf passiert), sondern an Menschen egal ihrer Herkunft und Glaubens geht.

Kartoffelparadies
Heute gibt es frischen Salat zum Mittagessen, aus den ganzen Gemüse das die Märkte hier bieten (und die bieten viel gutes und zu billig Preisen). Doch die Kinder wollen ihn nicht wirklich essen, sie kennen Salat nicht!
Auf meine Frage hin was die Kinder den esse, weil ich vermutete das z.B. Paprika, eines der günstigsten Lebensmittel ist, meinen sie Kartoffeln. Nichts als Kartoffeln! Pellkartoffeln, Salzkartoffeln und Pommes (in speziellen Töpfen die es hier gibt). Da bin ich froh, das unser Projekt auch mit einme sehr kleinen kalten, aber satt machenden Essen, eine kleine Abwechslung bringt.

Bushbesuch
Letztes Wochende war Bush in Bukarest, wegen der Nato Aufnahmegespräche und man hat sehr eindrücklich gesehen, wie repressiv dieses System noch ist. Schon einen Tag davor wurden sämmtliche Straßen Bukarest gesperrt und den Leuten gedroht, die in den Straßen leben, wo Bush vorbei kommen würde, würde geschossen werden, wenn man sich ans Fenster wage. Die Menschen im Interview, vor Rumänischen Kameras schien das nicht zu stören, warscheinlich aus Angst vor Konsequenzen oder mit Geld in der Tasche sagten sie Aussagen, wie: „Nein, sauer bin ich nicht deswegen, dann schaue ich mir den Busch besuch halt im Fernsehen an“. Es gab auch eine Demonstration für Amerika und Nato von 40 Leuten, die mir entgegen kam und Busse voll mit Bauern und Arbeitern von ganz Rumänien – von Gegenstimmen in diesen Tage keine Spur. Auf allen Straßen Amerika, Nato und Rumänien Flagen und Plakete mit Herzen und „Danke schön“ Sprüchen an jeder Straßenecke (die noch immer Hängen). An diesem Tag gab es bestimmt keinen der eine von diesen Papierfahnen in den Händen hielt. Das wir (Eirene-Freiwilligen) uns die Rede nicht live angehört haben ist natürlich klar. Es wurde ganz deutlich, dass Rumänien von den staatlichen Sanktionne und Koruptionen einem Komunistischen Land gleicht und von den Arbeits- und Sozialpolitischen Dingen her, einem Neo-Kapitalistischen Land gleicht. Kein Wunder das die Bevölkerung sich ganz aus der Politik heraushält. Als vor ein paar Wochen eine Autobombe in der Nähe des Präsidentenpalastes explodierte und zwei Kinder einer Schule tötete, intressierte das keinem aus meinem Projekt.

Zwischenseminar
Vom 31.10. – 4.11. war unser erstes Zwischenseminar in einem kleinen Dorf in den Bergen. Zusammen kamen alle Rumänienfreiwillige von zwei Generationen. Als Großstädter war es mal wieder schön die frische Luft zu geniesen und die dörfliche Atmosphäre zu geniesen. Da es ein ungarisches Dorf war, sprachen die Einwohner alle Ungarisch.
Natürlich haben wir nicht nur ausgeruht, sondern auch einiges Verfasst und Beschlossen, doch war der Ausstausch der Erfahrungen der Mittelpunkt des Zusammentreffens. Nun bin ich gespannt auf das nächste an dem auch die Freiwilligen aus dem Kosovo und Sarajewo kommen. (Phillip aus Sarajevo kommt übrigens jetzt zufällig dieses Wochenende an meinem Geburtstag zu besuch).

Nun, dann hoffe ich euch wieder mal einen kleinen Einblick gewährt zu haben. Ich bin wie immer für jede Fragen offen und freue mich auf eure Meinung zu dieser Rundmail. Geht auf meine Homepage und schaut euch die Fotos an und tragt euch ins Gästebuch. Denkt und betet für mich und dem Projekt, eure Mitarbeit war und ist super wichtig und gibt mir die Kraft.
Danke,
Euer Andreas Adigwe Pilot.

Themen: Rundbriefe | Kein Kommentar »

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