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Halbzeit! – Rundbrief Nr.6

Von adigwe | 7.April 2003

Liebe Unterstützer und Freunde,
Waehrend andere jetzt ihren Zivildienst oder Militaerdienst schon abgeschlossen haben, ist fuer mich nun erst Halbzeit. Diese Halbzeit kommt gerade richtig. Das Wetter hat sich endlich gewendet und der Sommer (mit jetzt 35 Grad) bricht an – ein Zeichen fuer eine neue gute Zeit.
Seit dem Zwischenseminar habe ich mit woechendlicher Arbeit, eine gewisse Pause eingeleg und mit unterschiedlichen Leuten (Zwischenseminar, Familienbesuch, Osterferien) Ferien gehabt.
Nach dem 5. Mai beginnt dann fuer mich ein neuer Abschnitt. Dank dieser „Pausen“ habe ich nun ein gutes Gefuehl von neuem durchzustarten. Die naechsten 9 Monate sehen gut aus.

Inhalt
1. Die Fussballliga
2. Mein jetziger Wochenplan
3. Einzelschicksale und -erlebnisse
3.1 Meine Lerngruppe
3.2 Ausflug an den „Geburtsort Rumaeniens“
3.3 Krankenhaus
3.4 Der Tod von Daniels Mutter
3.5 Danut

01. Fussballliga
Apropros Halbzeit: Seit der Halbzeit der Fussballliga hat unsere Mannschaft kein einziges Mal verloren – im Gegenteil – mit 30:1 und 8:1 sieht es so aus, als ob die Mannschaft sich richtig gut geformt hat und durch das woechendliche Training unschlagbar geworden ist. Dennoch sind wir immer noch auf Platz zwei, aber wir arbeiten hart daran erster zu werden. Die Stimmung ist gut und Fussball ist fast zum einzigen Gespraechsthema geworden.

02. Mein jetziger Wochenplan
Seit einem Monat kann ich nun wieder in beiden Tageszentren arbeiten, da in der einen Schule eine neue Kollegin gefunden wurde und ich nun nicht mehr aushelfen muss. Dadurch kann ich nun meine Aktivitaeten zweimal durchfuehren und spare somit Zeit und Ideen.
Jeden Tag helfe ich zunaechst bei der Hausaufgabenbetreunung. Bei den „Kleinen“ habe ich bestimmte Kinder mit denen ich die Zahlen und, Buchstaben oder das Einmaleins beibringe. Hier habe ich Freiraum, so dass ich viele eigene Ideen einbringen kann, damit die Kinder kreativ werden und nicht genervt, abgelenkt oder gelangweilt sind. Malen nach Zahlen mit Rechenaufgaben ist z.B. so eine Idee oder, mit Boegen und Kreisen Bilder ausmalen eine andere und, und, und…
Danach wird Essen gemacht. Jedes Kind ist einmal an der Reihe die Brote zu schmieren.
Montags kommt eine Psychologin vom Projekt und führt verschiedene Aktivitaeten durch. In dieser Zeit gehe ich meistens mit einigen großen Kindern fuer die naechste Woche in einem Supermarkt (in der Bukarester Mall – ja so etwas gibt es hier auch) Lebensmittel einkaufen. Sollte noch etwas Zeit sein bringe ich noch ein Jungscharspiel ein.
Dienstags gebe ich Englisch. Wobei ich mit den Resultaten noch nicht ganz zu frieden bin, da ich im Plenum nicht alle auf den gleichen Stand bringen kann und so sehr oft von vorne anfangen muss. Die Kinder vergessen nach einer Woche oft was sie gelernt haben. Dennoch staune ich dann doch wie viel sie behalten haben wenn dann auslaendischer Besuch da ist.
Mittwochs ist bei den großen Kindern Fussballtraining. Oft hat Jean, der erste Trainer – zu tun, so dass ich es uebernehme die Jungs (und ein Maedchen) zu trainieren.
Donnerstag übernehme ich dann Aktivitaeten in der anderen Schule, die ich vorher schon mit den anderen Kindern durchgeführt habe:. z.B. Spiele basteln, oder Windowcolorbilder machen oder Gruppenspiele spielen.
Freitags bin ich abwechselnd in einer der beiden Schulen. An diesem Tag bin ich einfach untersstuetzend da und kann dann so auch intensivere Gespraeche mit einzelnen Kindern führen.
In der Sommersaison vielleicht auch jeden Sonntag, da wir nun im Freien spielen können und auch noch viele Spiele aufholen müssen.

03. Einzelschicksale und -erlebnisse
3.1 Lerngruppe
Am Anfang bekamm ich die drei schwaechsten Kinder zum Unterrichten. Alle drei konnten weder schreiben noch rechnen. Ioana und Mona hatten noch nie die Schule besucht, Estera war in der 3. Klasse und ist einfach bis dorthin durchgerutscht.
Mona und Iona hatten große Konzentrationsschwierigkeiten und ich musste mir einige Tricks ausdenken, das damit sie geduldiger wurden und sogar Spass an der Sache bekamen.
Estera, ganz anders als in der Schule, war sehr schnell motiviert und ehrgeizig , nach 3. Monaten konnte sie sogar das Einmaleins. Allerdings ging das wohl doch etwas zu schnell, so dass ich vor kurzem noch einmal damit beginnen musste.
Mona rutschte, leider schon nach 4 Monaten ab und blieb dem Projekt fern. Sie hielt sich in der Metro zum betteln auf, bis sie dort schliesslich eine Gruppe fand und kam nie wieder zurueck. Ich traf sie vorkurzem in dem Haeuserblock (wenn man diese Behausung noch so nennen darf) – Mona hat sich ihre Haare abgeschorren und sieht nun sehr Jungen haft aus.
Iona blieb fern, als ihre Mutter schwer erkrankte und sie kein Zuhause mehr fanden. Der Vater will sie und ihren Bruder Daniel (von dem berichte ich spaeter) nichts zu tun haben. Nun ist die Mutter am Krebs gestorben und Iona bleibt zunaechst bei einer anderen Familie aus dem Projekt.
Estera hat nun die 6 Monate, die man im Projekt bleiben darf beendet. Sie darf nur noch einmal die Woche fuer zwei Monate kommen. Es ist Schade, aber dieses Projekt ist nur fuer eine kurze Zeit ausgelegt – so können mehr Kinder davon profitieren.
So mit habe ich nun zwei neue Brueder uebernommen, die beide obwohl sie zur Schule gehen, trotzdem von Anfang an alles beigebracht bekommen muessen. Ich bin gespannt wie die beiden sich entwickeln.

3.2 Ausflug an den „Geburtsort Rumaeniens“
Am 29. Maerz fuhren wir nach Targoviste, der Ort an dem die drei Fuerstentuemer zu dem Staat Rumaenien zusammengefuehrt worden sind Schon die Fahrt war der Ausflug! Singen zu Gitarre und Cassette brachte eine riesen Stimmung im Bus.
In Targoviste haben wir die Schossruine mit dem wiedererbauten Turm besichtigt und viel dazu erklärt bekommen. Anschließend besuchten wir noch ein Kloster und kehrten danach in ein Restaurant ein. Zu guter letzt tobten sich die Kinder im Park aus. Unter anderem veranstalteten wir ein Fussballspiel mit vertauschten Rollen: Die Maedchen spielten gegeneinander und die Jungs feuerten an.
Es war ein gelungener Ausflug: Die Kinder haben hautnah die rumaenische Geschichte erlebt und von ihrer Kultur erfahren von der sie Zuhause nichts zu hoeren bekommen. Ich habe als Kind viele Solche historischen Plaetze gesehen hatte, und hätte es sicherlich langweilig gefunden gehabt, Aber fuer diese Kinder war es das erste Mal und das war etwas besonderes.
Viele Kinder haben auch zum ersten Mal in einem Restaurant gegessen – so fragte mich ein Maedchen beschaehmt, wie sie die Messer und Gabel zu halten habe. Ich selbst konnte während dieses Ausflugs einmal sehr ungezwungen mit den Kindern zusammen seien und die Beziehungen zu ihnen noch enger knuepfen.
Da bei der Weinachtspaketaktion ein kleiner Überschuss übrig geblieben ist haben wir diesen Betrag für die Finanzierung dieses Ausflugs verwendet. Vielen Dank noch mal an alle die zum Gelingen der Paketaktion und des Ausflugs beigetragen haben.

3.3 Krankenhaus
In der letzen Zeit waren zwei Kinder im Krankenhaus. Das eine Mädchen hatte nur mir erzaehlt, dass sie Polypen entnommen bekommt. Sie hatte (unbegruendete) Angst Aerger zu bekommen, dass sie fuer die Zeit in der Schule fehlen wuerde. Ich habe sie dann besucht: sie hatte einen ganzen Tag am Fenster auf mich gewartet gehabt! Wie sehr sie sich gefreut hat kann ich nicht beschreiben. Sie lag in Ihrem Krankenzimmer und hatte absolut nichts mit genommen, so dass ich ihr wenigstens einen Block und Stift da lies, die ich zufaellig dabei hatte.
Das andere Maedchen sollte am Enddarm operiert werden, doch daraus wurde leider nichts.: Da sie kein „Bakschisch“ bezahlte und musste so sehr lange warten und erkrankte im Krankenhaus an einer anderen Krankheit und wurde schließlich entlassen. Nun muss sie spaeter noch einmal hin.
So laeuft das hier oft: Obwohl es eine kostenlose Behandlung fuer Kinder und Rentner gibt, aber unter der Hand muss immer bezahlt werden. Alle in diesem Land Beschweren sich ueber diese Mafiamethoden, gleichzeitig aber freuen sich dann im gleichen Momment, wenn sie selbst durch Bestechung besser gestellt sind als jemand anders.

3.4 Der Tod von Daniels Mutter
Daniel (der Bruder von Iona, von der ich in 3.1 berichtete) war schon immer etwas seltsam. Auch Livia, meine Kollegin, kam nie richtig an ihn heran. Trotzdem war der erste, der mit einer Halskette ankam nachdem er meine gesehen hatte, auch die Haare gelte er sich nicht mehr. Obwohl er sehr anhaenglich war konnte und wusste ich nicht richtig mit ihm zu reden. Er war zu alt fuer die Fussballliga und so versuchte er mich immer wieder zu ueberreden ihn doch noch in die Liga aufzunehmen. Um ihn zu zeigen, dass ich ihn vertraue, leihte ich ihm meine Kamera fuer ein paar Fotos mit seiner Klasse aus.
Als dann seine Mutter erkrankte blieb er ganz vom Projekt fern und kam nur noch zu den Fussballspielen. Man hoerte er wuerde auf der Strasse leben und von einer Wohnung zur anderen ziehen um irgendwo zu schlafen. Einmal fragte er mich ob er fuer sein Kindergeld bei mir zur Untermiete wohnen koennte.
In den Osterferien können alle Kinder zum Projekt erscheinen, so auch Daniel. In der Zwischenzeit war seine Mutter gestorben., Daniel trug eine schwarze Binde um seinen Pullover. Er war sehr traurig konnte es aber nicht so ausdruecken. Was mit Daniel und Iona nun passieren wird weiss ich nicht. Beim Vater duerfen sie sich nicht blicken lassen. und Daniel wird wohl erst einmal weiterhin auf der Strasse bleiben muessen. Iona darf, wie gesagt, bei eine r anderen Familie aus dem Projekt wohnen.
Daniel fehlte schon vorher ein echter Vater, dass nun auch noch seine Mutter fehlt ist schlimm.

3.5 Danut
Danut hatte seine Beine vor mehr als einem Jahr verloren. Er hatte an den Bahngleisen gespielt. Als ein Zug vorbeifuhr, sprang der Junge auf und blieb zwischen den Raedern haengen. Als ich ihn im April auf meiner Projektreise gesehen hatte, war er voellig in sich gekehrt und leise. Als ich im August wieder kam, awar er wieder quicklebendig, machte Handstand und tobte herum. Mittlerweile bin sein Lieblingsspielpartner geworden – als ich beim Armdruecken verlor (Er hat aber auch Kraft in den Armen!) war es so weit. Nun toben und spielen wir jedes Mal zusammen. Eigentlich wollte ich versuchen für ihn Prothesen aus Deutschland zu organisieren, denn auch wenn er selbst gluecklich ist, wird er spaeter kaum Chancen haben.
Mittlerweile gibt es eine gute und kostengünstige Loesung: das rumaenische Krankensystem wird ihm Prothesen zur Verfuegung stellen, die er hoffentlich bald bekommen wird (Ausgemessen wurde er schon). Die Prothesen werden in Rumaenien hergestellt. Die importierten Rohstoffe muss aber mein Projekt bezahlen. Diese 700 Euro stehen noch aus und ich werde in Deutschland darueber sprechen wollen.

Das wars wieder einmal an Information von meiner Seite, solltet ihr Fragen oder Anmerkungen haben beantworte ich sie gerne. Ich werde diesmal auch schneller antworten – versprochen. Vom 3. bis zum 17. Juni bin ich in Goettingen und werde euch dann live erzaehlen was ich bis dato gemacht habe und hoffe auf Euer Interesse!. Genaueres gebe ich aber noch spaeter bekannt – haltet euch die Zeit frei!!
Danke fuer eure Unterstuetzung auf jeglicher Art,
Euer Andreas Adigwe Pilot.

Themen: Rundbriefe | Kein Kommentar »

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