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Mediation unterstellt Partizipation

Von adigwe | 4.Juli 2007

Ein gemeinsamer Text von Janina Lürßen und Andreas Pilot 

Mediation unterstellt Partizipation

In unserem Seminar zum Thema Partizipation haben wir viel über die politische Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern gesprochen. In wie weit sie sich beteiligen können oder müssen. Wir haben anhand des Partizipationsbegriff rausgearbeitet das es immer etwas mit Macht zutun hat und das unterschieden wird zwischen der Teilhabe und der Teilnahme.
In unserem Text gehen wir nun auf das partizipatorische Handeln in einem Konfliktlösungsansatz ein. Wir stellen dazu zunächst verschiedene Konfliktlösungsansätze vor und vertiefen uns dann auf das Verfahren der Mediation. Wir beschreiben die Vorteile gegenüber anderen Konfliktlösungsansätzen. Wir versuchen zu erklären, in wie weit Mediation Partizipation unterstellt und verwenden hierzu das Beispiel von Beteiligung von Schülern an Schulen.

Konliktlösungsstategien

Menschen leben in und zwischen verschiedenen Systemen, denen sie sich nur schwer entziehen können. In diesen handeln, lieben, arbeiten sie, dort leben sie zusammen. Sie begegnen sich in Gruppen und Verbänden, kommunizieren oder politisieren sich. Dass es in diesen Systemen zu Sachproblemen oder Beziehungskonflikten kommt, welche Spannungen und Schwierigkeiten mit sich bringen, ist normal. Es gibt verschiedene Möglichkeiten wie man mit diesen Umgeht und verfährt.

Daher, und um später zu verdeutlichen was die Besonderheiten von dem Verfahren der Mediation sind, stellen wir zunächst einige gesellschaftsübliche Konfliktlösungsstrategien vor. Wir möchten aber zunächst verdeutlichen, das bei jeder Art von Konfliktbewältigung der eigenen Einsatz, eine mal starke und mal schwache Beteiligung die Voraussetzung ist. Ein Konflikt kann nicht geklärt, überwindet oder verschoben werden, wenn keine eigene Beteiligung, sei es in Form eines Streitgespräches, einer Anzeige oder mit der Anwendung von körperlicher Gewalt, mitgeht.

Das Gerichtsverfahren

Im Blickpunkt des Gerichtsverfahrens steht die Vergangenheit und die Bewertung, wer im Recht ist und wer nicht. Es muss ein Schuldiger gefunden werden. Es gibt am Ende einen Gewinner und einen Verlierer, der durch die dritte Instanz, dem Gericht entschieden wird.

Der stärkere gewinnt 

Viele Konflikte werden körperlich ausgetragen. Wer stärker ist, wer besser und gezielter zuhaut gewinnt. Auch bei diskussionsreichen Konflikten geht es so: wer die stärkeren oder oft auch lauteren und unfairen Argumente bringt, gewinnt.

Kompromisse eingehen

Die Strategie, Kompromisse zu schließen, ist von der Rücksichtsnahme auf die Wünsche des anderen geprägt. Hier geht es um Verhandlungen und darum, innerhalb eines abgesteckten Rahmens einen Kompromiss zu erarbeiten. Wie beim Verdrängen oder beim „der Stärkere gewinnt“ bleibt aber die Ursache des Konflikts weiter bestehen. Der Konflikt wird nur verschoben denn oft ist die Lösung mit dem Gefühl verbunden, nicht das bestmögliche Ergebnis erzielt zu haben.
Verdrängen
Der Konflikt wird nicht ausgetragen und die Situation bleibt unverändert erhalten.
Das Mediationsverfahren

Bei der Mediation handelt es sich um einen freiwilligen Prozess, in dem die Beteiligten durch einen strukturierten Verhandlungsprozess durch einen neutralen und allparteilichen Vermittler zu einem Interessenausgleich und einer Konsensfindung gelangen.

Mediation

Mediation bedeutet wörtlich Vermittlung oder auch vermittelndes Dazwischentreten. Derzeitig wird mit dem allgemeinen Begriff Mediation die „Vermittlung im Konflikt“ verstanden.

Mediation bezeichnet ein Konfliktregelungsverfahren. Es ist ein Prozess der auf wechselseitige Kommunikation und Kooperation ausgelegt ist. Die Grundgedanken hierbei sind die Freiwilligkeit am Prozess, die Autonomie und die Selbstverantwortlichkeit der Parteien. Die Streitpartner arbeiten an einer einvernehmlichen, außergerichtlichen Konfliktregelung. Hierbei werden sie von einem neutralen und allparteilichen Vermittler, dem Mediator unterstützt. Er wirkt in einem Konflikt zwischen mehreren anwesenden Streitenden vermittelnd und eingreifend. Er macht ein Verhandeln zwischen den Konfliktparteien wieder möglich und verhindert eine weitere Eskalation. Er hält sich aus inhaltlichen Fragen heraus.

Das hier an dieser Stelle zugehörige Schaubild wird später zugefügt.

Das Ziel

Das Ziel eines Mediationsverfahrens ist die von den Konfliktpartnern Selbstbestimmte Entwicklung rechtsverbindlicher, zukunftsorientierter Lösungen. Alle Parteien sollen das Ergebnis des Verfahrens als Gewinn für sich sehen.

Anwendungsgebiete

Mediation ist sowohl in persönlichen Streitfällen als auch in Gruppenkonflikten und politischen Konflikten anwendbar.

Bisherige Anwendungsbereiche von Mediation in Deutschland sind:

Ehe und Familie (z.B. Gewalt in der Ehe, Unterhaltsfragen)
Wirtschaft (z.B. Arbeitskämpfe)
Kommunalpolitik (z.B. bau von Wohnheimen)
Mietkonflikte
Nachbarschaft/Stadtteil (z.B. Kinderlärm)
Umweltschutz (z.B. Standorte von Mülldeponien)
Schule/Universität
Verkehrspolitik
Rassistisch-ethnische Konflikte
Soziale Konflikte (z.B. Vertragseinhaltung)
Justiz/Kriminalität (z.B. Täter-Opfer-Ausgleich)
Parlament

Der Prozess

Mediation ist immer eine Kurzzeitintervention ohne festgelegte Sitzungszahl.
Es ist ein mehrstufig strukturierter Prozess, der von einer einführenden Orientierung zur Vertrauensbildung über die Darstellung und Erörterung der unterschiedlichen Interessen und Emotionen zur Erarbeitung und zum Vollzug der gemeinsam erarbeiteten Konfliktregelungsstrategien führt. Die für eine Konfliktregelung notwendigen Informationen werden von den Streitpartnern selbst und interessenbezogen eingeholt und in die Mediation eingeführt.

Die Phasen

Im Laufe der Jahrzehnte haben sich verschiedene Phasenmodelle der Mediation entwickelt. Es wird meistens zwischen drei und sieben Phasen unterschieden die auch verschieden benannt sind. Im folgenden möchten wir das Phasenmodell von Christoph Besemer vorstellen. Er hat ein vielseitiges Beispiel, aus den vielen verschiedenen Modellen, die in der Literatur zu finden sind, zusammengestellt.

Die Einleitung

In der Einleitungsphase findet zunächst eine Vorstellung aller Beteiligten statt. Es werden die Erwartungen der Teilnehmer abgefragt und anschließend wird das Verfahren der Mediation erklärt. Es wird ermittelt wie die Bereitschaft der Teilnehmer ist, sich auf das Mediationsverfahren einzulassen, wobei Widerstände ernst genommen werden.

Die Sichtweisen der einzelnen Konfliktparteien

Die Konfliktparteien erzählen in der zweiten Phase die Fakten des Konfliktes aus ihrer Sicht sowie ihre Gefühle zum Streitverlauf. Nach der anschließenden Zusammenfassung durch den Mediator, findet eine Rückmeldung durch die Gegenseite statt. Es soll eine direkte Kommunikation zwischen den beiden Kontrahenten erfolgen. Hinterher hält der Mediator die Gemeinsamkeiten und die Differenzen fest.

Die Konflikterhellung / Vertiefung

In der Phase der Vertiefung befragt der Mediator beide Konfliktseiten im Wechsel zu den einzelnen Problem. Bisher nicht genannte Interessen und Gefühle werden herausgearbeitet. Es wird die Reaktion der gegnerischen Seite erfragt.

Die Problemlösung / Entwurf von Lösungen

Es werden Lösungsmöglichkeiten, Brainstormartig gesammelt. Wenn es sich als schwer gestaltet, bringt der Mediator weitere Vorschläge mit ein. Die Vorschläge werden Bewertet und Ausgewählt.

Die Übereinkunft

Es wird sich auf eine, die für alle beste Lösung geeinigt und formuliert. Es wird außerdem geklärt, wie mit der Umsetzung und der Kontrolle umgegangen wird sowie künftige Probleme geklärt werden soll. Die Vereinbarung wird unterzeichnet.
Ein Abschluss soll, wenn möglich mit einer versöhnenden Geste und einem Dank an die Beteiligen geschehen.

Zur Entwicklung der Mediation

Der Begriff Mediation ist als feststehender Fachbegriff aus dem Amerikanischen übernommen worden. Mediation hat eine lange Tradition in unterschiedlichen Kulturen und unterschiedlichen sozialen Kontexten.
In Deutschland hat sich Mediation ab 1988, insbesondere aus US-amerikanischen Erfahrungen, zur außergerichtlichen, autonomen Streitregelung bei Trennung und Scheidung, besonders bei Debatten um die elterliche Sorge und das Umgangsrecht, entwickelt. Praktische Erfahrungen mit Mediation konnten in Deutschland in den 1900er Jahren gewonnen werden, zum größten Teil in der Kinder- und Jugendhilfe.

Zur Gesetzgebung

In Deutschland gibt es für das Mediationsverfahren bislang keine gesetzliche Regelung.
In Österreich dagegen sind am 1. Mai 2004 das Zivilrechts-Mediations-Gesetz und die Zivilrechts-Mediations-Ausbildungsverordnung in Kraft getreten. Das Gesetz definiert Mediation und legt Rahmenbedingungen über den Umfang der Ausbildung dar.

Auf der Sitzung des Niedersächsischen Landtags am 25. April 2007 haben die Fraktionen der CDU und der FDP einen Entwurf für ein Gesetz über die Einführung eines Mediations- und Gütestellengesetzes eingebracht. Dieser Entwurf setzt gesetzliche Mindeststandards und knüpft die Anerkennung zum Staatlich anerkannten Mediator an eine Zusatzausbildung von 150 Std. sowie weitere Voraussetzungen. Das Gesetz aber ist bis heute nicht in Kraft getreten.

Die Besonderheiten von Mediation gegenüber anderen Konfliktlösungen
Wir möchten die Besonderheiten, die wir oft als Vorteile gegenüber anderen gebräuchlichen Konfliktlösungswegen sehen, verdeutlichen. Die im folgenden aufgeführten Beispiele sind vorwiegend nicht mit allen anderen Lösungsansätzen in den Vergleich zu setzen, am deutlichsten werden die wichtigsten Merkmale der Mediation bei der Gegenüberstellung mit dem juristischen Verfahren.
Zwei entscheidende Punkte die in der aktuellen Literatur vermehrt als Vorteile genannt werden, sind das Zeitersparnis und die Reduzierung der Kosten gegenüber einem Gerichtsprozess. Es geht in der Regel schneller ein Mediationsverfahren in die Wege zu leiten und der Verlauf dauert kürzer. Ein Gerichtsverfahren dagegen kann durch mehrere Instanzen gehen und sich über Jahre hinziehen. Die Streitparteien müssen also bei der Methode der Mediation im Ganzen kürzer mit dem Konflikt leben. Die Betroffen tragen nicht das Risiko, viel bezahlen zu müssen, wie etwa bei einer verlorenen Klage.
Ein weiterer erheblicher Vorteil für die Betroffenen bei der Mediation ist es häufig, dass die Sitzungen nicht öffentlich sind. Kein Außenstehender erfährt, was zwischen Ihnen und Ihrem Konfliktpartner besprochen wird. Dies sichern sich die Betroffenen in einem rechtsverbindlichen Vertrag zu. Die Vertraulichkeit wird daher gewahrt. Das verringert die Gefahr einer Rufschädigung sehr.
Als die ausschlaggebendste Besonderheit der Mediation gegenüber anderen Konfliktlösungen, bei denen es darum geht, was als generell korrekt und gerecht gilt, sehen wir, dass alle Aspekte des Konfliktes und Ansichten der Betroffenen berücksichtigt werden. Es geht nicht nur um rechtlich relevante Fragen sondern auch um Gefühle und Einschätzungen der Streitenden. Wenn das Verfahren aber nun eingesetzt wird als Alternative zum juristischen Verfahren, müssen die Gesetzte natürlich berücksichtigt werden. Dennoch, in der Mediation können die Streitenden über alles verhandeln und alle Dinge ansprechen, die für Sie in Ihrem Konflikt eine Rolle spielen. Jeder bekommt Zeit seine Anschauungen darzulegen. Es werden Lösungen möglich, die für beide Seiten zufrieden stellend sind und die dem Alltag entsprechen.
Auch die Lösungsfindung gestaltet sich abweichend von anderen Ansätzen. Es entscheidet nicht eine dritte Instanz darüber, was die beste Lösung für alle ist sondern sie wird gemeinsam mit dem Mediator erarbeitet. Die Lösung soll zukunftsorientiert sein. Wenn beide Konfliktparteien gemeinsam eine Lösung finden, hat diese auch Aussicht auf langfristige Akzeptanz. Dies kann die Beziehung für die Zukunft positiv beeinflussen. Es soll eine Grundlage geschaffen werden, auf der die Konfliktpartner und der Mediator bei Bedarf auch weiter zusammenwirken können.
Die Erfolgsquote hinsichtlich der nachhaltigen Zufriedenheit mit dem Verlauf und den Ergebnissen des Mediationsverfahrens soll bei etwa 80% liegen. (http://www.wikipedia.org/wiki/Mediation, 2. Juli 2007)
Partizipation

Um heraus zu finden wie weit Mediation Partizipation sein kann, wollen wir zunächst kurz klären was Partizipation bedeutet.
„Partizipation bezeichnet die aktive Beteiligung der Bürger und Bürgerinnen bei der Erledigung der gemeinsamen (politischen) Angelegenheiten bzw. der Mitglieder einer Organisation, einer Gruppe, eines Vereins etc. an den gemeinsamen Angelegenheiten.
Spez.: 1) P. bezeichnet die Teilhabe der Bevölkerung an politischen Willensbildungsprozessen, insbesondere an Wahlen und Referenden. 2) In einem rechtlichen Sinne bezeichnet P. die Teilhabe der Bevölkerung an Verwaltungsentscheidungen.“ (Schubert, Klaus/Martina Klein, 2006)

Diese aktive Beteiligung kann auf mehren Arten von statten gehen, sie kann von staatlicher oder anderer höherer Instanz gesteuert, gefordert und erzwungen sein oder aus freier Entscheidung von Bürgerinnen und Bürgern geschehen und dies auch oft gegen ein Interesse von höheren Instanzen gerichtet sein. Bürger müssen und sollten nicht zwangsläufig Staatsbürger sein, sondern sind alle Menschen die in einem Bereich Einfluss nehmen möchten oder sollen.

Mediation und Partizipation

Wir haben versucht deutlich zu machen was Mediation und Partizipation bedeuten, nun stellt sich die Frage ob Mediation ein Partizipationsmodell sein kann.
Mediation ist ein Prozess in dem Beteiligte freiwillig zu einem Interessenausgleich und zu einer Konsensfindung kommen. Dies geschieht durch einen Vermittler. Mediation wird in Situationen eingesetzt die einen dringenden Handlungsbedarf erfordern, die Verhandlungspartner müssen mit Macht und Kompetenzen oder mit Betroffenheit und berechtigtem Interesse ausgestattet sein. Es muss das Vertrauen geschaffen werden das eine Zusage verbindliche Wirkung hat.
Nur wenn diese Rahmenbedingungen stimmen, es also gewährleistet werden kann, das jede Partei von seinem Interesse ein Stück abrücken kann und wird und nicht von oben herab sondern auf Augenhöhe verhandelt werden kann, kann man Mediation als ein Partizipationsmodell verstehen. Mediation ist aber vor allem eine Technik, ein Instrument das verwendet werden kann wenn Konflikte entstehen. Mediation passt in eine partizipative Kultur, da sie die Konfliktpartner als Subjekte ihrer Problemlösung begreift. Außerdem kann Mediation die Entwicklung von größerer Partizipation unterstützen, wenn diese gewollt wird. Wenn Partizipation von einer Institution zu einem wesentlichen Funktionsmerkmal gehört, kann das Mediationsverfahren dies in vermehrter Form fördern, da sich alle an der Konfliktlösung beteiligen müssen.

Mediation als Alibi für Partizipation an Schulen?

Wir wollen diesen Standpunkt an Hand vom Beispiel Schule verdeutlichen. Hier ist in den letzten Jahren verstärkt Mediation eingeführt worden. Nicht immer hat dies die Partizipation gefördert, wir wollen sehen warum.
Dazu wollen wir uns folgendes Beispiel an schauen:
„Eine Fachraumtür, die nur von innen zu öffnen ist, war ins Schloss gefallen. Die Schülerin T. hätte sie von innen für ihre draußen klopfenden Mitschüler/innen öffnen können, sie klopfte jedoch zurück und ließ die Anderen außen davor „zappeln“. Nach einem kurzen Wortwechsel öffnete sie schließlich. Als erster trat der Schüler U. ein und machte eine Bemerkung, für die er von T. eine Kopfnuss bekam. U. „rastete“ daraufhin „aus“ und schlug ziemlich heftig auf T. ein, die sich vor Schmerzen krümmte. Der Mediator, der direkter Zeuge des Vorfalls war, hat die Streitenden unterbrochen und ein Gespräch direkt nach der Stunde angesetzt. Beide Streithähne waren dazu bereit und beruhigten sich auch relativ schnell wieder. Nach der Stunde erklärte der Mediator kurz die Regeln für das nun stattfindende Gespräch, vor allem, dass er nicht vorhatte, einen Schuldigen zu finden. Beide schilderten nacheinander ihre Sicht der Auseinandersetzung. U. hatte nicht den Eindruck, so sehr zugeschlagen zu haben, dass es für T. so schlimm wurde, wie sie selbst darstellte. Dass T. die Tür nicht öffnete, war für sie ein Spaß, der nicht böse gemeint war, sie hatte sich über die Bemerkung von U. geärgert, deshalb die Kopfnuss. U. fühlte sich durch diesen Spaß provoziert und ausgeschlossen.
Zur Frage, weshalb U. so heftig reagierte, schilderte er die Situation in der Klasse, in der öfter „Späße“ gemacht würden, mit denen er nicht klar komme. Er fühle sich regelmäßig dadurch ausgeschlossen. T. hörte dies mit Erstaunen; sie bestätigte die Stimmung in der Klasse mit ihren bisweilen derben Späßen, die ihr selbst allerdings nichts ausmachten, im Gegenteil, sie fand den Umgang untereinander eher in Ordnung. U. betonte, dass ihm diese Art des Kontakts untereinander fremd sei und er sich einfach nicht gut fühle. Als T. dies so hörte, entschuldigte sie sich spontan. U. räumte ein, dass seine Reaktion, die wohl seine unguten Gefühle in der Klasse insgesamt zum Ausdruck brachten, doch etwas heftig gewesen sein könnten, und entschuldigte sich seinerseits.
Auf die Nachfrage des Mediators hin, welche Ideen sie denn hätten, um in Zukunft die Situation zu verbessern, schlugen beide vor, aufmerksamer aufeinander zu achten. T. wollte daran denken, dass ihre Späße bei U. nicht gut ankommen, U. nahm sich vor, nicht jede Aktion auf die Goldwaage zu legen. Dieses Gespräch, das die wichtigsten Merkmale einer Mediation aufweist, dauerte genau 15 Minuten, so lange wie die große Pause.“ (Rosenkranz, 2006, S.3)

Viele Beispiele wie dieses zeigen, hier wird ein Konflikt der evtl. zwischen Schülern selbständig gelöst werden können, wird vom Mediator übernommen. Dies hat natürlich große Vorteile, so wird das Problem von einem Außenstehenden betrachtet und es wird auch eine gründlichere und langfristigere Lösung gefunden. Anderseits wird die Verantwortung übertragen und Partizipation entsteht, wo Selbständigkeit bestand.
Positiv formuliert heißt das:
„Der Inhalt einer demokratischen „Erziehung zur zivilen Gesellschaft“ ist die Vermittlung von Kompetenzen, die für die Partizipation und Teilhabe an zivilen Prozessen konstitutiv sind. Unmittelbar sind dies Fähigkeiten zur diskursiven Klärung von Interessen, Verhandeln von Dissens, Lösen von Konflikten unter Interessenausgleich; gemeinsames Planen und Durchführen von Projekten zur Lösung identifizierter Probleme – alles Kompetenzen, Befähigungen und Haltungen, die in partizipatorischer Praxis eingeübt werden. (…) Ziel ist (…) die informierte Überzeugung, dass für die Lebenswelt gegen alle Sachzwänge gerade im Rahmen von Institutionen stets auch politische Gestaltungsspielräume bestehen.“ (Edelstein/Fauser, 2001, S.34)

Da soll das Kind erzogen werden, dass durch Verhandeln und Abwägen und das Begreifen, dass es doch so viele andere Interessen gibt und es doch weniger Macht hat, es besser ist klein bei zu geben. Die Schüler partizipieren dementsprechend daran sich nur mit Hilfe von Worten auf eine Lösung einzulassen, der sie nicht unbedingt zugesagt hätten. Da aber auch die Schule einen kleinen Kompromiss eingeht, wird dem Schüler aber deutlich das Gestaltungsspielräume dennoch vorhanden sind.
Nun, wie dem auch sei, welche Gestaltungsspielräume bestehen denn in der Institution Schule wirklich?

Grenzen von Partizipation im Modell Schule

Möglichkeiten der Mitwirkung

Die Klasse kann den Klassensprecher wählen, darf eine Aussprache zur Form des Unterrichts halten, die Arbeit der Schülervertretung und der Klassenschülerversammlung kommentieren und begleiten, darf Vorschläge für die Klassenschülerversammlung verabschieden; in manchen Bundesländern gibt es eine direkte Wahl des Schülersprechers und die Möglichkeit der Aussprache in einer Schülerversammlung.
Der Schülerbeirat (Teilnehmer sind die Klassensprecher der Klassen) kann Vorschläge und Anträge an Gremien stellen, Aussprachen mit der Schulleitung halten, beratend teilnehmen an Elternvertretung und Lehrerkonferenz, Mitwirkung in Schulkonferenzen und an überschulischen Organen der Schülermitwirkung. Wahl der Vertrauenslehrer, Kassenwart, Schülersprecher, Vertreter in Gremien.
Den schulischen Gremien ist es bis heute nicht erlaubt über den Unterricht zu entscheiden. Die Regelungen der Mitwirkung der Schüler sind aber erheblich ausgeweitet worden.

Laut einer Studie (Grundmann/Kötters-König/Krüger, 2003, S.171) zu Partizipationsmöglichkeiten an Schulen in Sachsen-Anhalt werden den Schülern oftmals neue Formen der direkten Demokratie eingeräumt, der Stimmenanteil in der wichtigen Schulkonferenz aber wurde nicht erhöht. Bei der Gestaltung des Schullebens können Schüler zwar mitwirken, aber aus Sicht der Schüler haben die Gremien kaum eine größere Bedeutung. Nur die Hälfte der Schüler können bei der Auswahl von Lehrinhalte und Unterrichtsmethoden mitbestimmen. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass gravierender Reformbedarf besteht, nicht nur aus Demokratie-theoretischen Argumenten, das heißt die Schule als erster Lern ort für das Leben in einer demokratischen Gesellschaft, sondern auch weil sich die Motivation und Bereitschaft sich für den Schulalltag einzusetzen verbessert sobald mehr Partizipation stattfindet. Sie können sich mit ihrer Schule identifizieren, da sie sich durch ihre Mitwirkung als Teil der Schule verstehen. Es ist ihr „geschaffenes Werk“.

Möglichkeit der Mitwirkung im Schulleben

Bei der Studie zeigte sich das die Schüler überwiegend Freiräume bei der Gestaltung des Schullalltags sahen. Sie sahen Möglichkeiten der Mitbestimmung bei der Organisation von Schulveranstaltungen und Ausflügen, der Ausgestaltung der Schule und der Klassenräume, der Auswahl von Freizeitangeboten und Projekten.

Mediation bis an diese Grenzen implementieren

Mediation findet hauptsächlich in der Konfliktlösung auf der Schülerebene statt. Schüler partizipieren dementsprechend vor allem bei der Lösung von Konflikten, die sie zuvor eigenständig gelöst haben.
Grundsätzlich könnte Mediation auch andere Resultate erzielen und dafür sorgen, dass Schüler mehr eigene Mitwirkung im Schulalltag erleben könnten. Dies kann aber nur geschehen wenn die Interessen der Schüler wirklich ernst genommen werden, ihre Forderungen angehört werden und sie auf Augenhöhe mit den Lehrern, Behörden und Eltern kommunizieren können. Ihnen muss also eine gewisse Macht zugesprochen werden können. Dazu können vor allem diese flankierenden Maßnahmen von großer Bedeutung sein.

Flankierende Maßnahmen der Mediation

Es gibt außer der eigentlichen Mediation fünf weitere Maßnahmen, die die Mediation flankieren. Diese sind wichtig damit Mediation in der Schule tatsächlich zu einem Erfolg führen kann und zu langfristigen Ergebnissen führt.1. Fortbildung des Kollegiums: Zu Anfang müssen in Basistrainings ausreichend viele Lehrer mit der Mediation vertraut gemacht werden. Hier ist es auch wichtig, Verständnis für die Konfliktlösung zu erlernen. Lehrer müssen ja von ihrer Entscheidungsmacht abgeben. Wichtig ist außerdem, dass sich eine Projektgruppe bildet die aus einer Person der Schulleitung, zwei Lehrern und eines Vertrauenslehrer besteht, die für eine Kontinuität sorgen. So lastet das Programm nicht auf nur einer Schulter eines engagierten Lehrers.

2. Prävention: An Projekttagen werden Schülermediatorengruppen ausgebildet die die Methode der Mediation erlernen und so in Konflikten schnell als Moderator eingreifen können und Streitschlichten können.

3. Soziale Lernziele im Unterricht: Im Unterricht müssen Themen wie Teamfähigkeit oder Kommunikationsfähigkeit behandelt werden.

4. Verankerung im Schulprogramm: Einbindung der Mediation als „konstruktive Konfliktbearbeitung“ ins Schulprogramm.

5. Öffnung der Schule: Kooperation der Schule mit anderen Trägern zum Thema Konfliktbearbeitung
(Systemische Verankerung der Mediation als Hexagon, aus: Faller, 1998)

Fazit

Mediation unterstellt Partizipation?

Diese Frage kann man fast eindeutig mit „Ja“ beantworten. Bei nahezu allen Konfliktlösungsstrategien kann eine Lösung nur dann erreicht werden, wenn die beteiligten Personen sich an den Prozess beteiligen, d.h. mitwirken. Partizipation, das haben wir bereits erläutert, heißt immer dass eine höhere Instanz Mitwirkung genehmigt und zulässt. Bei Mediation muss meist davon ausgegangen werden, dass eine solche Instanz existiert, die den Mediator einschaltet, der oft auch selbst von dieser Instanz ausgebildet wurde.

Grenzen der Partizipation
Zunächst einmal wollen wir feststellen, dass Partizipation auf Gesellschaftspolitische Grenzen stößt. Partizipation kann oft nur dann stattfinden wenn diese von höheren Instanzen gewährt wird.
Dennoch sind diese Grenzen noch lange nicht erreicht, dieser mögliche Spielraum sollte genutzt werden, denn durch partizipatorisches Handeln können auch Grenzen in Frage gestellt werden und verändert werden.

Mediation als Maßnahme
Mediation kann im Zusammenspiel von bestimmten flankierenden Maßnahmen ein wichtiger Teil von Partizipation sein.
Bei vielen politischen Mediationsverfahren konnte es passieren, das die Argumente der Bevölkerung angehört wurden und für eine bessere Verteidigung der Politischen Entscheidungen genutzt wurde. Kompromisse wurden oft nicht umgesetzt.
Wenn Bürger aber eine Machtstellung erreichen können, eine breite Plattform von Bewohnern eines Stadtteils, können sie selbst bei der Politik Mediation einfordern, die dann wirklich auf Augenhöhe agieren kann, da die Bewohner eine eigene Macht besitzen. Dieses Verfahren, Community Organizing genannt, wurde von Saul Alinsky in den 60. Jahren in den USA entwickelt und entsteht nun auch in Deutschland.
Oft aber werden Kontrahenten aufgefordert an Mediation teilzunehmen, dies widerspricht der Freiwilligkeit der Mediation. Das Mediation als Freiwillige Maßnahme ausgegeben wird, stimmt oft sowie so nicht. Meistens gibt es außer der Mediation keine bessere Möglichkeit, sei es ein teurerer Gerichtsprozess oder die körperliche Gewalt des Klassenkameraden, die zur Alternative angeboten wird. Der letzte Schritt der Mediation ist die Unterzeichnung der Beteiligten an einem gemeinsamen Vertrag. Dieser Vertrag muss dann eingehalten werden. Das kann wertvoll für den Schwächeren sein, der dann auf die Vertragspunkte verweisen kann, kann aber auch negativ sein, wenn der Schwächere unter Zugzwang stand und nun auf Einhaltung aufgefordert wird. Hier müsste die Mediation Nachverhandlungen anbieten können. Diese Zwänge aber entsprechen der Partizipationsidee des Staates. Wenn Partizipation, ohne großen Machtverlust oder großen Kompromissen, aber mit Kostenersparnis zusammen geht, dann wird Partizipation nicht nur gefördert sondern gefordert.
Literaturverzeichnis 

Böhme, Jeanette / Kramer, Rolf-Torsten (Hrsg.) (2001): Partizipation in der Schule, Opladen

Faller, K. (1998): Mediation in der paedagogischen Arbeit. Ein Handbuch fuer Kindergarten, Schule und Jugendamt, Mülheim

Hurrelmann, Klaus / Palentien, Christian (Hrsg.) (2003): Schülerdemokratie. Mitbestimmung in der Schule, Neuwied

Mehta, Gerda / Rückert, Klaus (Hrsg.) (2003): Mediation und Demokratie. Neue Wege des Konfliktmanagements in größeren Systemen, Heidelberg

Rosenkranz, Peter (2006): Mediation in der Schule,
http://www.mediation-partizipation.de/Rosenkranz- Mediation_in_der_Schule-neu.pdf, zuletzt besucht: 4.7.07

Schubert, Klaus / Martina Klein (2006): Das Politiklexikon 4., aktual. Aufl., Bonn

Sievers, Nadja (2001): Mediation als Alternative Konfliktlösungsmöglichkeit auch in Deutschland?: Eine rechtsvergleichende Untersuchung am Beispiel der argentinischen mediación previa, Frankfurt am Main

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