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Von Radikal zu Neoliberal

Von adigwe | 7.Januar 2009

In der Debatte zu Community Organizing kommen neuerdings auch neoliberale Themen zum Vorschein. Wurde Alinsky’s Idee noch als Radikal abgetan, so möchte ich in diesem Artikel über die neoliberalen Aspekte sprechen:

Die Körber Stiftung hat zu einer Veranstaltung eingeladen. Es wird das neue Buch, das Leo Penta herausgegeben hat, vorgestellt „Community Organizing – Menschen verändern ihre Stadt“. Warnfried Dettling hält einen Vortrag und im Anschluß gibt es eine Podiumsdiskussion mit Leo Penta.

Der Vortrag von Warnfried Dettling ist auch im Buch veröffentlicht. Er spricht über eine neue Dimension von Demokratie.

Ich paraphrasiere dazu nun den Vortrag von Warnfried Dettling (2007, S.89-98): Einerseits ist die Debatte über eine Bürgergesellschaft in aller Munde, anderseits ist das Thema aber eher marginalisiert. Die Idee der Bürgergesellschaft ist nicht zu einer Leitidee von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft geworden. Bildung, Arbeitsmarkt, Gesundheit und Pflege sind nicht in systematischem Kontext mit freiwilligem Engagement gebracht worden. Auch die Beteiligten an der Bürgergesellschaft möchten sich von Staat und Wirtschaft vereinnahmen lassen. Sie möchten nicht, dass sie die Last des weniger werdenden Sozialstaats übernehmen und fordern möglichst wenig von der Politik. Dettling spricht hier von einer „Bürgergesellschaft light“ (Dettling, 2007, S.90) in der Politik, die Aktivitäten der Bürgergesellschaft begrüßt, aber sie nur für etwas Zusätzliches hält; alle übrigen, wichtigen Aufgaben sollen von der Politik erledigt werden. Demokratie soll aber „wo immer möglich, als eine Form der Selbstorganisation der Gesellschaft, als Einmischung der Bürger in ihre eigenen Angelegenheiten“ (Dettling, 2007, S.90) verstanden werden. Dass die Bürger ihr Vertrauen in die Politik verloren haben, liegt nicht an einzelnen Politikern, sondern darin, dass Wahlversprechen nicht mehr eingehalten werden. Mit der Wachstumsstagnation, ist es nicht mehr möglich, wie in der Vergangenheit, eine Politik ohne aktive Bürger zu betreiben. Diese „Politics of Delivery“, in der Menschen glauben der Staat könne alle Probleme für sie lösen und alle Politiker könnten Entscheidungen autonom umsetzen, ist gescheitert. Politiker können nicht mehr versprechen: „Wählt uns. Danach liefern wir“ (Dettling, 2007, S.91). Älter ist die „Politics of Commitment“ die schon Aristoteles vertrat, in der die Politik öffentliche Prozesse fördert und die Ideen und Visionen vorgibt. Die Politik sollte zukünftig gemeinsam mit Bürgern und Unternehmen allgemeine Wertziele vereinbaren und gemeinsam an ihrer Erreichung arbeiten.

Die Bürgergesellschaft muss dazu die Politik in ihre Schranken weisen. Politik kann nicht alles leisten und darf diesen Anspruch nicht haben. Eine gute Gesellschaft braucht „einen starken, handlungsfähigen Staat, eine starke und erfolgreiche Wirtschaft und eine starke Zivilgesellschaft“ (Dettling, 2007, S.93). Jede dieser drei Parteien muss umdenken. Der Staat muss sehen, dass er zwar verantwortlich für die Gesellschaft und ihre Probleme ist, aber nicht die Lösung präsentieren und durchführen. So ist der Staat verantwortlich dafür, dass keiner schlechtere Chancen wegen seiner sozialen Herkunft hat, aber er muss nicht selbst Schulen und Universitäten betreiben.

Die Wirtschaft muss sehen, dass auch sie Verantwortung für das Gemeinwesen hat. Zum einen, um die dauerhafte wirtschaftliche Entwicklung zu gewährleisten, zum anderen um das eigene Ansehen und die sozial moralischen Werte in Unternehmen und Gesellschaft zu steigern.

Auch die Bürger müssen mehr Verantwortung übernehmen und sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern. Es geht darum, nicht als Bittsteller der Politik gegenüber zu stehen und um Zuwendung zu bitten, sondern aktiv und selbstbewusst Rechte und Forderungen zu stellen.

Diese Veränderungen gehen mit einem Paradigmenwechsel einher: An statt bei Problemen mehr Geld, mehr Personal und mehr Rechte und Vorschriften einzusetzen, soll dafür gesorgt werden, dass sich das Verhalten der Menschen ändert. Menschen müssen sich um sich und andere kümmern. Aus diesem Grund sollen soziale Einrichtungen freiwilliges Engagement begrüßen und annehmen und nicht abweisen und unterdrücken.

Die Bürgergesellschaft braucht, um voranzukommen, eine bessere Vernetzung und Zusammenarbeit und muss gegenüber der Politik auf gleicher Augenhöhe agieren können.

Professionelle und Freiwillige müssen gemeinsam zusammenarbeiten und sich austauschen.

Die Bürger selbst müssen in Schule und Ausbildung zu starken Persönlichkeiten erzogen werden, die gelernt haben Eigenverantwortlich und solidarisch zu handeln.

Community Organizing kann zu der Herausbildung der Bürgergesellschaft einen großen Beitrag leisten und erinnert „an die andere Dimension der Demokratie als einer Selbstorganisation der Gesellschaft.“ (Dettling, 2007, S.98)

Ist Community Organizing neoliberal?

Diese Frage mag auf den ersten Blick merkwürdig klingen, aber wenn man betrachtet, dass die aufgeführten Argumente gegen eine Umsetzung von Community Organizing in der Vergangenheit sich darauf beliefen, dass der Wohlfahrtsstaat mit seinen vielfältigen Dienstleistungen und Sozialleistungen die Ausführung von Community Organizing behindern würde, sowie auch der Ideengeschichtliche Hintergrund in den USA ein weniger an Staat, als Voraussetzung zu erkennen gibt und nun die Position von Warnfried Dettling deutlich macht, das sich der Staat von seiner Tätigkeit als umfassender Fürsorger für die Menschen zurückziehen soll und auch eine weitreichende Privatisierung bis hin zu Schulen und Universitäten fordert, wird diese Frage berechtigt, da auch Leo Penta in seinem Buch schreibt „Der Staat, vor allem die Kommunen, sollen folglich ihre Allzuständigkeitsansprüche herunter schrauben“ (Penta, 2007, S.107).

Unter Neoliberalismus verstand man einen Weg zwischen Sozialismus und Kommunismus, der einen Wegbereiter für die Soziale Marktwirtschaft war. Heute bedeutet dieser Begriff aber die volle Orientierung auf den Markt und damit dem Turbokapitalismus vergangener Tage. Die neoliberale Idee ist es, dass sich der Staat zu einem „schlanken Staat“ macht. Das heißt zum einen, Reduzierung des Staates und Förderung des Privatsektors, und eine „systematische Desorganisation des organisierten Kapitalismus“ (Müller-Plantenberg 1997, S.607)

Gesellschaftlich bedeutet der Liberalismus, dass jeder Mensch „das unveräußerliche Recht auf Freiheit, Leben und Eigentum“ (Doering, 1995, S.26) hat.

Neoliberalismus begrenzt sich nicht auf ökonomische Reformen (Burchart, 2004, S.39). Das Programm des Neoliberalismus ist die Reduzierung des Staates durch Privatisierung und Förderung des Privatsektors, ökonomische Stabilisierung durch restriktive Geld- und Fiskalpolitik und eine Liberalisierung des Außenhandels, der Binnen- und Kapitalmärkte, also Abschaffung der Zölle.

Dabei geht es immer um eine angebotsorientierte Wirtschaft, die oft auf Export setzt und die Kosten der Produktion versucht zu senken und dabei also Löhne drückt (Burchart, 2004, S.39).

Anfangs wurden das Finanz- und Versicherungswesen und staatliche Firmen privatisiert, dann wurden diese Privatisierungen auf Telekommunikation, Flughafen, Häfen, Energie ausgedehnt und nun schließlich sollen auch Eisenbahn, Straßen, Schulen, Universitäten und Wasser privatisiert werden und damit wird wichtige öffentliche Infrastruktur an private Firmen gegeben, wobei oft das Kapital von ausländischen und inländischen großen Fondsgesellschaften kommt (ebd., S.40).

Anhand von Beobachtungen nach der Einführung der neoliberalen Ideen, die Hans-Jürgen Burchardt in Lateinamerika gemacht hat, mußte er feststellen, dass die Armut in Lateinamerika in erheblichen Maße gewachsen ist, er mußte konstatieren, dass es „nicht vermessen ist, in der sozialen Frage dem Neoliberalismus ein Scheitern zu attestieren“ (ebd., S.41). Bereits industrialisierte Länder, die weit entwickelt waren mußten viele Fabriken schließen, da sie nicht mit dem Weltmarkt und der entsprechend geringen Entlohnung der Arbeiter, konkurrieren konnten (ebd., S.44).

Der Neoliberalismus lehrt, dass er dem Menschen bessere Lebensbedingungen schafft ihm gut geht und sucht damit ein höheres Einkommen (Weissel, 2000, S.35). Eigentümer wollen ihr Kapital dort ausgeben, wo es am meisten Gewinn bringt und ein Arbeitnehmer will dort arbeiten wo er einen hohen Lohn bekommt. Bei einem vollkommenen Wettbewerb gäbe es keinen Widerspruch zwischen Einzelinteresse und Gesamtinteresse (ebd., S.35). Laut Neoliberalismus dürfte es, wenn es einen wirklich freien Markt gäbe, keine Arbeitslosigkeit geben, da sich Angebot und Nachfrage immer einpendeln würden. Wenn also zu wenig Menschen Arbeit haben, sinkt der Wert der Arbeit und der Lohn sinkt. Arbeitnehmer müßten so jeden Lohn annehmen und da der Staat sich mit seinen Sozialleistungen zurückziehen soll, gäbe es keine Arbeitslosenhilfe mehr (ebd., S.37). Damit wird die Idee des Neoliberalismus deutlich: Es geht darum, dass derjenige mit mehr Kapital und (Geld-) Macht sich durchsetzt und sein Interesse gestärkt wird. Wenn ein durchsetzungsfähiger Staat und jeden Zusammenschluß von Menschen unterbindet, kann es nur zu großen Verlierern und großen Gewinnern kommen.

Alinsky sagt, dass Vollbeschäftigung eine wichtige Forderung ist, aber die Arbeit soll nicht nur wirtschaftliche Sicherheit bieten, sondern auch die kreativen Wünsche befriedigen und eine soziale Bedeutung haben (Alinsky, 1999, S.30-31).

Ein solcher Neoliberalismus kann also nicht Sinn und Zweck von Community Organizing sein und ein Zusammenschluß von Menschen ist auch nicht im Sinne des neoliberalen Kerns. Warum stellen dann Warnfried Dittling und Leo Penta die Forderung, dass ein Weniger an Staat wichtig wäre? Leo Penta führt aus, dass es nicht um ein Weniger an Staat im Austausch mit einem Mehr an Eigenverantwortung ginge, was im Sinne des neoliberalen Gedankens wäre, da dies zu einer individualisierten und zersplitterten und privatisierten Gesellschaft führen würde, sondern, dass es um eine freiwillige Bildung von Solidarität ginge, die konkurrenzfähig gegenüber Staat und Markt sein kann (Penta, 2007, S.102).

Diese Aussagen sind eher dem Kommunitarismus ähnlich. Kommunitarismus entstand, wie auch die Idee zum Community Organizing, aus der Idee heraus, dass in der amerikanischen Ursprungsgesellschaft, die verschiedenen Siedlungen durch verschiedene religöse und andere Gemeinschaften geprägt waren, die das Gemeinschaftsleben durch ihre Wertvorstellungen bestimmten, wie ich es bereits beschrieben habe (vgl. Die Entwicklung von Community Organizing in den USA).

Der Kommunitarismus sagt, dass der Liberalismus sich selbst zerstört, da der Mensch Tradition und Kultur, also Gemeinschaft braucht und der Liberalismus das Gemeinwohl durch ökonomische Nutzenmaximierung und individuelle Selbstverwirklichung zerstört. Dieser Individualismus bedeutet Bindungen zu negieren; aber ein Mensch wird in ein Gemeinwesen geboren und war und ist nie unabhängig. „No Man is an Island“ (John Donne). Er wird durch Wertvorstellungen und Normen zunächst seiner Eltern, dann aber von seinen Lehrern, Kollegen, Nachbarn und Freunden geprägt und ist nie unabhängig in seiner Denkweise (Habermann, 1997, S.14).

Der Kommunitarismus wendet sich aber auch gegen den Staat. Eine Zwangssolidarität von oben macht die Menschen zu passiven Objekten. Nicht politischer Zwang sondern Vorbilder, Appelle und Moral sollen den Menschen als Richtschnur dienen. Die Moral und die gesellschaftlichen Normen und Werte ersetzen dabei oft Polizei, Justiz und staatliche Hilfen. Durch geprägte Moralvorstellungen hat jeder, der in einer solchen Gesellschaft aufwächst, Selbstdisziplin und wird durch soziale Selbstkontrolle gesteuert (ebd.).

Auch der Markt verändert sich dadurch, dass Menschen eine Ware nicht nur mit Bezug auf Preis und Leistung auswählen, sondern auch auf Grund von verschiedenen Wertvorstellungen. So könnten Angebot und Nachfrage auch dadurch bestimmt werden, inwieweit dass jeweilige Unternehmen genügend hohe Löhne zahlt und Umweltstandards genügend achtet (ebd., S.15).

Das Prinzip des Kommunitarismus besagt aber auch wie Friedrich August von Hyek es ausdrückt, dass die Vorraussetzung allgemeiner, gesellschaftlicher Freiheit eine Einschränkung der individuellen Freiheit bedeutet (ebd., S.12).

Francis Fukuyama behauptet, dass die erfolgreichsten Volkswirtschaften durch kommunitaristische Elemente gekennzeichnet waren. In Amerika waren es die religiösen Gemeinschaften und in Europa die Familie und die Berufsverbände. Kooperation ist oft effektiver als Konkurrenz (Fukuyama, 1995).

Was aber heißt dann Kommunitarismus in Community Organizing?

Community Organizing versucht die Gesellschaft in Gemeinschaften zusammen zuführen, die ein Sprachrohr gegenüber Politik und Wirtschaft werden. Diese kommunalen Gemeinschaften stellen einerseits Forderungen an Politik und Wirtschaft, aber sie bilden auch Moral und Wertvorstellungen, die andere ausschließen oder bedrängen können. Nur zusammengeschlossene Gemeinschaften finden Gehör und nur Themen, Probleme und Ideen einer Mehrheit kommen so zur Sprache.

Community Organizing setzt dabei nicht dort an, wo schon Bürgerschaftliches Engagement vorhanden ist, sondern geht in die Stadtteile und spricht die Menschen an, die kaum in Berührung mit einem solchen Engagement gekommen sind. Aber der Ansatz den Leo Penta in Deutschland verwirklicht hat, geht genauso wie die Veränderung der IAF dazu über, verschiedene Organisationen anstatt Einzelpersonen zu binden. Diese sogenannte Form von „Broad-Based“-Organizing steht in der Gefahr, nicht unbedingt den Stadtteil abzubilden sondern eine Interessenvertretung von Organisationen aus dem Stadtteil zu sein.

Es geht bei Community Organizing darum, die Stadtteile mit mehr Macht zu versehen, aber nicht damit, dass sich wie im Kommunitarismus, Moral und Disziplin durchsetzt und damit eine Mehrheit eine Minderheit unterdrücken könnte, sondern darum mehr Demokratie zu ermöglichen und einen Rahmen zu schaffen in dem alle sich beteiligen können und Einfluß ausüben können, also dass auch die Minderheiten Anspruch darauf haben, ihren Vorstellungen Gehör zu verschaffen. Es geht auch darum, dass der Staat nicht allein Anspruch auf das gerechte Verteilen von Gütern hat, aber es geht vor allem auch darum, soziale Gerechtigkeit für alle wieder herzustellen. Leo Penta drückt es in einem Spiegel-Interview so aus: „Versorgungsmentalität verdirbt und lähmt nicht nur die Politiker (…) Es gibt zu wenig Eigeninitiative. (…)[Aber: Die Politiker] arbeiten für uns, nicht umgekehrt. Wir bezahlen sie. So müssen wir sie auch behandeln“ (Spiegel, 2001).

Community Organizing appelliert auch nicht an die Moral der einzelnen Menschen, sondern setzt wie im Liberalismus auf das Eigeninteresse der Menschen. Nur wird dieses Eigeninteresse nicht individuell durchgesetzt, da Community Organizing den Menschen plausibel verdeutlicht, dass Eigeninteresse nur durch den Zusammenschluß aller Menschen in einem Gemeinwesen die notwendige Macht erreicht, gelingendes Handeln zu ermöglichen. Durch das Konsensprinzip wird dadurch das jeweilige Eigeninteresse gebündelt und es entsteht gemeinschaftliches, solidarisches Handeln.

Community Organizing ist der Aufbau und die Entwicklung von BürgerInnenorganisationen durch die Schaffung von sozialen Beziehungen, die Macht zum Handeln geben. Die BürgerInnenorganisationen haben die doppelte Zielsetzung: die Veränderung von Machtbeziehungen und die unmittelbare Verbesserung der Lebenslage für die betreffende Gemeinschaft, die Community“ (Rothschuh, 2007b)

6.2 CO in Aktion

Nun, da die Hintergründe von Community Organizing aus vielfältiger Betrachtungsweise beleuchtet worden sind. Sollen nochmal die Projekte aus Deutschland herausgestellt werden. Welche Veränderungen sind bereits durch Community Organizing geschehen?

In Berlin gibt es seit ungefähr 2001 Organizing Schöneweide. Oberschöneweide, in Ost-Berlin, war früher Berlins größtes Industriegebiet. Nach der Wende gingen hier 25000 Arbeitsplätze verloren und es entstand eine große Industriebrache (Berliner Tagespiegel, 2008). Hier startete auf der Initiative von Leo Penta, die erste Bürgerplattform Berlins. „Inzwischen machen 23 Gruppen und Institutionen bei Organizing Schöneweide mit, vom Betriebsrat von Samsung über den Generationenclub KES, Ortsgruppen für Volkssolidarität, die Gemeinschaft Vietnamesischer Nachbarn bis zu dem Verein der Köche der Hauptstadt und der Gruppe ohne Gruppe“ (Dilk, 2005).

Im Jahr 2005 wurde, nach zahlreichen Gesprächen und Aktionen der Bürgerplattform ein großes Ziel erreicht. Die Berliner Fachhochschule für Technik und Wirtschaft wird in Oberschöneweide zusammengeführt.

Nun stehen neue Themen auf der Tagesordnung der Plattform. In Zukunft wird sich um Bildung und Verkehr in Schöneweide gekümmert (ebd.).

In Hamburg haben wir am Anfang bereits von der Gründungsveranstaltung von Impuls-Mitte gehört. Dort hieß es, es würden dezentrale Bürgertreffen veranstaltet um heraus zu bekommen, welche Themen der Bevölkerung wichtig sind. Diese Bürgertreffen wurden nun durchgeführt und die Themen wurden gesammelt. In die engere Auswahl kamen nun drei Themen, die jetzt bearbeitet werden. Zum einen geht es um einen Durch- und Aufgang von einer U-Bahn-Haltestelle, um die Parkplatzsituation und um das Angebot für Kinder und Jugend. Zu diesen drei Themen haben sich Arbeitsgruppen gebildet, die recherchieren und Aktionen planen werden. Diese Gruppen sind offen und jeder aus der Bevölkerung kann an ihnen teilnehmen (Impuls-Mitte, 2008).

Community Organizing als Form der Organisation der Zivilgesellschaft in Zukunft?

Community Organizing scheint also doch zu funktionieren, wie die beiden Beispiele gezeigt haben. Community Organizing befähigt Menschen dazu, von Machthabern Zugeständnisse zu erkämpfen. Diese sind natürlich nur so weitreichend, wie die Menschen befähigt oder fähig sind diese durchzusetzen und auch in wieweit sie diese selbst auch umsetzen können.

Das heißt aber auch, dass es immer dringend notwendig ist, Experten, seien es Sozialpädagogen oder andere, vor Ort zu haben, die in die Arbeit mit eingebunden werden können und mit ihrer Erfahrung zur Seite stehen können (Wessels, 2004, S.10).

Im Endeffekt heißt dies, dass Community Organizing sowohl einen starken Staat als auch die Soziale Arbeit braucht. Community Organizing funktioniert also einerseits nur, wenn Menschen nicht einen Staat haben, der ihnen nicht aufzwingt was zu tun ist, sondern der auf sie zu geht und sie unterstützt, und eine Soziale Arbeit, die sozialraumorientiert arbeitet und die Menschen begleitet und unterstützt in ihrem Bemühen ihr Wohlergehen selbstbestimmt zu erhalten und zu schaffen (vgl. Penta, 2007b, S.103).

Somit ist Community Organizing „nicht in sich reaktionär, konservativ, liberal oder radikal, weder inhärent inklusiv und demokratisch noch engstirnig und autoritär. Die heute vorherrschenden Ansätze changieren zwischen diesen Aspekten mit jeweils unterschiedlicher Schwerpunktsetzung, je nach Organisation, nach aktueller Situation und politisch- historischem Kontext“ (Fischer, zitiert nach Rotschuh, 2007b).

Ich sehe allerdings eine Gefahr der Klüngelbildung, wenn es nicht gelingt, möglichst alle in einem Gemeinwesen beteiligten Personen mit in eine Bürgerorganisation einzubinden. Außerdem ist es möglich, dass gerade die, die von Armut am meisten betroffen sind, in einem solchen Modell auf der Strecke bleiben, wenn sich der Staat aus seiner Verantwortung zurückzieht und es der im Community Organizing organisierten Zivilgesellschaft nicht gelingt, die Verantwortung des Staates wieder einzufordern.

Darum ist es wichtig auf eine Durchlässigkeit in der Struktur zu achten, so wie es durch die regelmäßige Rückbeziehung auf die ganze Bevölkerung durch regelmäßige Problem- und Themensammlung gedacht und durchgeführt wird. Denn nur so kann eine Wiedererneuerung der Bürgerorganisation möglich sein, und so ist die Möglichkeit gegeben, neue Bürger als Schlüsselpersonen mit in die Entscheidungsgremien aufzunehmen.

Grundsätzlich möchte ich anmerken, dass die Forderung nach „weniger Staat“ auch für Community Organizing eine ganz falsche Position ist. Es begünstigt zwar ein stärkeres Engagement der Bevölkerung, aber eine solche Forderung geht in die gleiche Richtung wie die Hartz IV – Gesetze: Menschen zu zwingen, sich zu verändern – das kann, meiner Meinung nach, nie der richtige Weg sein. Vor allem da, meiner Meinung nach, eine wichtige Forderung einer Bürgerplattform ist, die Mächtigen ihrer Verantwortung wieder bewußt zu machen und das heißt, dass Wirtschaft und Politik sich mehr um das Gemeinwesen kümmern muß.

Wenn, aus meiner Sicht, aus falschen Beweggründen etwas Richtiges entsteht ist dies nur zu begrüßen und es ist anderseits auch eine gute Taktik, um sich Gehör in der Wirtschaft und der Politik zu verschaffen. Denn mit solchen Argumenten kann man das Eigeninteresse der Mächtigen wecken. So oder so: Menschen, die selbstbewußt und selbstbestimmt ihr Umfeld verändern, arbeiten und leben mit einer neuen Motivation, die auch ihnen dienen kann.

Die undogmatische Art Alinskys, seine Taktiken und Gedanken sind inspirierend und rufen dazu auf, eine neue Form der Gesellschaft, die nach dem Neoliberalismus und der Individualisierung entstehen kann, zu entdecken.

Literatur

Alinsky, Saul D. (1999): Anleitung zum Mächtigsein. Ausgewählte Schriften, 2. Auflage, Lamuv Verlag, Göttingen.

Berliner Tagesspiegel (2008): vom 04.04.2008, Seite 12.

Burchardt, Hans-Jürgen (2004): ZZeitenwende: Politik nach dem Neoliberalismus, Schmetterling Verlag GmbH, Stuttgart.

Dettling, Warnfried (2007): Eine neue Dimension von Demokratie; In: Penta (Hrsg.) 2007; S.89-98.

Dilk, Anja (2005): Unter dem Pflaster liegt der Strand. Menschen im Aufbruch – eine changeX Serie. Folge 20 ; Online-Magazin changeX; zuletzt besucht am 13.04.2008 unter http://changex.de/d_a01923.html.

Fukuyama, Francis (1995): Konfuzius und Marktwirtschaft. Der Konflikt der Kulturen, München.

Habermann, Gerd (1997): „Kommunitarismus“ oder: Institutionelle Voraussetzungen der Freiheit – Einige Thesen; in: Chatzimarkakis, Georgios; Hinte, Holger (Hrsg.) Freiheit und Gemeinsinn. Vertragen sich Liberalismus und Kommunitarismus?, Lemmens Verlag, Bonn 1997, S.12-13.

Müller-Plantenberg, Urs (1997): Theorie und Praxis des Neoliberalismus, in: ders.: Vorschläge. Ausgewählte politisch-soziologische Arbeiten 1961-1996, Lit-Verlag, Münster 1997

Penta, Leo J. (Hrsg.) (2007): Community Organizing: Menschen verändern ihre Stadt, edition Körber-Stiftung, Hamburg.

Penta, Leo J. (2007a): Wie entsteht eine funktionierende Bürgerplattform?; in: Penta (Hrsg.) 2007, S. 219-223.

Penta, Leo J. (2007b): Macht der Solidarität; in: Penta (Hrsg.) 2007, S. 99-108.

Rothschuh, Michael (2007b): Industrial Areas Foundation (IAF): professionelles Netzwerk für Organisationen des CO, Rothschuh.de, zuletzt besucht am 14.03.2008 unter http://rothschuh.de/CO_6_IAF.htm.

Spiegel (2001): Interview: Irgendwann kracht es, 2/2001, S. 44-50

Wessels, Lutz (2004): Organisieren oder entwickeln lassen. Community Organizing und Community Development, Homepage FOCO, zuletzt besucht am 14.03.2008 unter http://fo-co.info/Wessels_CO_CD.pdf.


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