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Aktivierung in der Gemeinwesenarbeit – ein geheimer Auftrag des Sozialarbeiters?

Von adigwe | 25.März 2008

Was heißt Aktivierung in der Gemeinwesenarbeit (GWA)? Wenn jemand mit einem Konzept arbeitet hat er doch schon ein Ziel vor Augen! Wie kann ein Sozialarbeiter von der Aktivierung der Bewohner sprechen? Wozu wird aktiviert? Soll das Konzept der Gemeinwesenarbeit verfolgt werden oder die Ideen der Bewohner?
Darf der Sozialarbeiter Aktivierung offen aussprechen?
Beim Thema Gemeinwesenarbeit haben mich alle diese Fragen beschäftigt und darum möchte ich in dieser Arbeit diese Fragen auf den Grund gehen.
Zunächst muß aber erst geklärt werden was Gemeinwesenarbeit eigentlich ist, woher sie kommt und was für verschiedene Arten es gibt. Dann beschäftige ich mich mit der Aktivierung im Kontext der unterschiedlichen Formen der GWA und der Motivation der Beteiligten an Aktivierung, um dann der Antwort auf die Frage zu kommen:
Ist Aktivierung ein Geheimauftrag des Sozialarbeiters?

Was ist Aktivierung?
Da ich von Aktivierung in der Gemeinwesenarbeit schreibe, müssen wir erst einmal diese beiden Begriffe erläutern. Zunächst was ist Aktivierung?
In der Psychologie wird Aktivierung als „eine beobachtbare Bereitschaft zur Tätigkeit oder zu geordneten Handlungen mit ihr entsprechenden erlebnismäßigen Erregungen und einem Gefühl (-> Emotion) der Anspannung“ (Tewes, 1992, S. 16) definiert. Aktivierung ist also eine Bereitschaft zum Handeln. Damit ist nicht das Handeln definiert, es kann jedes Handeln bedeuten, darum kann man grundsätzlich sagen jeder Mensch ist in gewisser weise aktiv. Wenn man also in der Gemeinwesenarbeit von Aktivierung spricht, möchte man Menschen zu einem bestimmten Handeln aktivieren. Zu welchem Handeln, das erkläre ich nachdem ich die Gemeinwesenarbeit vorstelle.

Gemeinwesenarbeit
Gemeinwesenarbeit sieht in den sozialen Problemen, den strukturellen Hintergrund und versucht sich daher auf die Bedürfnisse der Menschen in einem Gemeinwesen auszurichten. GWA konzentriert sich daher auf die Ressourcen der Menschen und versucht diese zu aktivieren und in Netzwerken zu organisieren um die Anliegen und Interessen der Menschen öffentlich zu machen. In der GWA geht es also um Linderung, Verhinderung oder Beseitigung der Probleme von Menschen zentral durch Aktivierung der Menschen. Es gab und gibt verschiedene Formen der GWA:
Die integrative GWA, deren Verfechter M. Ross ist, ist mit den vorgegebenen Strukturen einverstanden, das Chancengleichheit für alle besteht und versucht mit den Bewohnern Kompromisse zu suchen um ihre Not zu lindern.
Die aggressive GWA, vertreten durch Müller, aber auch Alinsky (zu dem ich noch kommen werde), will die Bewohner im dazu Stadtteil aktivieren, sich gegen ungerechte Strukturen zur Wehr zu setzen.
Die katalytisch aktivierende GWA, zu denen Hinte zählt, möchte die akuten Probleme beseitigen und auch die strukturellen Probleme langfristig angehen.

Ursprung der Gemeinwesenarbeit
Gemeinwesenarbeit entstand genau genommen schon in England. Ursprung der Gemeinwesenarbeit kann man die Settlementbewegung von 1870 sehen. Die Barnetts gründeten die Toynbee Hall in London, dies war eine Art Nachbarschaftszentrum, in dem die Menschen in einem Londoner Arbeiterviertel zusammen kommen konnten und gemeinsame Aktivitäten durchführen konnten – oft allerdings durchgeführt von den Barnetts oder Studierenden.
1889 gründete Jane Adams das Hull House in Chicago. Das Hull House war ein Zentrum für die Arbeiterinnen und Arbeiter. Gemeinsam mit Studentinnen gründeten sie Gewerkschaften und leisteten politischen und sozialen Druck auf Politik und Wirtschaft aus. Im Hull House gab es politische Diskussionen, Lesungen und es wurden Streiks organisiert.
Eine etwas andere Form hat Paolo Freire mit seinem Alphabetisierungsprogramm entwickelt. Sein Programm kann durchaus, als Gemeinwesenarbeit verstanden werden, da diese Programm durch gegenseitiges Austauschen und Lernen, Menschen aus ihrer Unterdrückung befreit werden sollen und gemeinsam, von der Gesellschaft gesetzte, Grenzen überwinden.
Saul D. Alinsky entwickelte das Community Organizing in Amerika. Im Jahr 1960 baute Alinsky zunächst in einem Stadtteil in Chicago eine Organisation auf, die alle wichtigen Vertreter aller Bewohner, die Einfluß auf den gesamten Stadtteil hatten, versammelte. Diese Organisation konnte gemeinsam gefundene Ziele mit großer Geschlossenheit und damit enormen Druck auf Politik und Wirtschaft, durchsetzen.
In Deutschland gab um es 1900 die Nachbarschaftsheimbewegung, diese Bewegung, die unter anderem Volkshochschulkurse anbot, hatte keinen großen sozialpolitischen Einfluß. 1930 wurden diese Heime von den Nazis geschlossen.
Seit etwa 1960 existiert wieder Gemeinwesenarbeit in Deutschland und entstand vor allem in Sanierungsgebieten.

Formen der Gemeinwesenarbeit heute
Über die Jahre haben sich die unterschiedlichsten Formen von Gemeinwesenarbeit herausgebildet. Ich möchte hier drei davon herausgreifen und beleuchten. In meinen Augen sind diese einer der wichtigsten Methoden der heutigen Zeit.
Comunity Organizing
Community Organizing ist wiederum eine Methode der Gemeinwesenarbeit, die jedoch älter ist, sich aber in Deutschland zunächst nicht durchgesetzt hatte, nun aber in Berlin und Hamburg erste Erfolge feiert. Hierbei geht es darum die Menschen im Stadtteil zu Organisieren und durch den hohen Anteil an der Bevölkerung Druck auf Politik und Wirtschaft ausüben zu können und positive Veränderung herbeizuführen. In diesem Ansatz geht es also in erster Linie nicht darum soziale Dienstleistungen anzubieten, sondern es werden Gespräche mit Bewohnern geführt, Beziehungen geknüpft, die zu einem den ganzen Stadtteil umfassenden Netz führen. In einem zweiten Schritt werden, dann von allen Bewohnern Themen zusammengetragen, die sie stören und die sie gerne in Angriff nehmen möchten. Diese Themen werden dann gemeinsam diskutiert und behandelt. Dabei unterstützten alle Bewohner jedes dieser Themen, damit genügend Beistand hinter den jeweiligen Anliegen ist. So wurde in einem von Arbeitslosigkeit betroffenen Stadtteil Berlins, dafür gesorgt das eine Technische Universität sich in diesem Stadtteil niederlässt und dadurch das Studenten zuziehen und so neues Know-how und neue Gewerbe entstehen können und neue Chancen sich eröffnen.
Stadtteilorientierte Gemeinwesenarbeit
Oelschlägel (vgl. Oelschlägel, 1994) beschreibt sehr eindrucksvoll wie stadtteilbezogene Gemeinwesenarbeit in einem Armutsquartier aussehen könnte. Anhand eines Beispieles, dem Nachbarschaftstreff Duisburg-Bruckhausen wird deutlich wie seiner Ansicht nach Gemeinwesenarbeit heute praktiziert werden sollte.
Zunächst stellt er fest, dass anders als viele radikale Linke es erwarten, die Menschen sich nicht erheben, sobald die Armut unerträglich wird. Arme Menschen sind keine passiven Opfer, sie sind Überlebensstrategen – die sich vor dem Risiko der Veränderung schützen wollen und so die Grenzen nicht überwinden wollen, sondern sie nur ausdehnen. Darum soll Soziale Arbeit die Handlungsfähigkeit erweitern und sie sichern. Dazu muss auch Gemeinwesenarbeit für die Menschen nutzbare Ressourcen anbieten. Die Menschen wollen und können nur Veränderungen verwirklichen, wenn sie selbst weniger Kosten und mehr Nutzen davon tragen. Wenn sie dieses erfahren, werden sie selbst aktiv und vergrößern dadurch ihre eigenen Handlungsspielräume. Dabei spielt die Veränderung der Lebensverhältnisse die tragende Rolle. Oelschlägel hält hierbei Soziale Kulturarbeit für eine wichtige Möglichkeit. Gemeinwesenarbeit muss dann Hilfe leisten wenn die Probleme der Bewohner auf der politischen Ebene öffentlich gemacht werden sollen. Der Gemeinwesen-Arbeiter muss hierbei immer die subjektiven Interessen der Menschen zum Ausgangspunkt und Basis der Veränderung des Stadtteils machen.
Aus diesen Gründen haben Oelschlägel und die Studierenden angefangen mit einigen aktiven im Stadtteil ein Nachbarschaftscafe anzubieten. Das heißt erst wurde den Menschen was nützliches zur Verfügung gestellt. Der Sozialarbeiter stellt seine Ressourcen zunächst dem Stadtteil zu gute. Aus diesem Raum heraus kann dann Gemeinwesenarbeit entstehen. Die Menschen sehen, dass wenn sie sich im Nachbarschaftscafe engagieren, mehr für sie heraus springt. So entsteht in diesem Cafe einerseits Beratung und anderseits Beschäftigungsinitiativen, Mittagstisch und politische Aktionen (als Beispiel wird die Verhinderung der Schließung der Sonderschule angeführt).
Stadtteilmanagment
Das Stadtteilmanagement oder auch Quartiersmanagment ist dem Bund-Länder Programm „Soziale Stadt“ entsprungen. Ziel dieses Programm ist es, in benachteiligten Regionen der Städte, der Ausgrenzung und Verarmung entgegenzuwirken.
Je nach Region wird dieses Programm anders verstanden und umgesetzt. Mal sind es City-Kaufleute, die ihr Stadtteilimage aufbessern wollen, Sicherheitsdienste, die Quartiersmanagement als einer ihrer Dienstleistung anbieten und sozialpädagogische Betreuungsangebote, die sich Stadteilmanagement zuschreiben lassen.
Meistens sind es Unternehmensberatungen, Wohnungsbauunternehmen,
Stadtentwicklungsgesellschaften und kommunale Einrichtungen, die Quartiersmanagment vorwiegend im Zusammenhang mit Stadtentwicklungsprogrammen einrichten.
Angestellt werden dazu Architekten, Stadtplaner, Freiraumplaner, Soziologen, Biologen, Lehrer und viele andere tätig, unter anderem auch Sozialarbeiter, die sich dann teilweise Gemeinwesenarbeiter nennen.
Es werden grundsätzlich lokale Ideen entwickelt und auch umgesetzt. Die Bürger sollen mitentscheiden, so dass es ein Gremium gibt, dass auch von Bewohnern besetzt wird. Grundsätzlich werden viele der Entscheidungen im Stadtteil gefällt, auf lokalpolitische Ebene. In den von Bürgern mit besetzen Gremien gibt es oft auch einen eigenen Verfügungsfond, in dem Gelder für Maßnahmen unbürokratisch vergeben werden können.
Kritisch betrachtet wird, dass zu wenig ExpertInnen für soziale, Kommunikations- und Beteiligungsprozessen eingebunden sind.
Kritik wird auch am „Management“-Begriff geübt. Geht es um das Management, das Verwalten unterschiedlicher Interessensgruppen oder um die Aktivierung und Unterstützung von benachteiligten Menschen und Gruppen?

Aktivierung in der GWA
Aktivierung war schon von Anfang an zentraler Bestandteil von Gemeinwesenarbeit. Eine Definition von Aktivierung in der Gemeinwesenarbeit bietet uns Oelschlägel:
„Gemeinwesenarbeit sieht (..) ihren zentralen Aspekt in der Aktivierung der Menschen in ihrer Lebenswelt. Sie sollen zu Subjekten aktiven Handelns und Lernens werden und zunehmend Kontrolle über ihre Lebensverhältnisse gewinnen. Dazu sollen sie vor allem in gemeinsamen Aktionen der Problembearbeitung bis hin zum Widerstand Kompetenzerfahrungen machen“ (Oelschlägel, 2003, S.2)
Hier wird deutlich worum es in der Aktivierung in der GWA geht: Die Menschen sollen wieder Kontrolle über ihre Lebensverhältnisse bekommen.
Die Frage ist natürlich, haben die Menschen keine Kontrolle, sind sie nicht selbstbestimmt? Wollen die Menschen überhaupt die Kontrolle über ihre Lebensverhältnisse?
Die letzte Frage, ob die Aktivierung den wünschen der Menschen entspricht, beantwortet Oelschlägel im gleichen Text wenn er von die Erfahrung der ersten GWA-Versuche in den 70er Jahren spricht. Damals ging man davon aus, dass die Menschen sich nicht ihrer Lebensbedingung und den gesellschaftlichen Zusammenhängen bewußt waren und deshalb nicht in der Lage waren ihre Situation zu verändern und zu verbessern. Damit bestand Aktivierung in Aufklärung und Bewusstseinsbildung. Die Menschen blieben und lebten aber dennoch in ihrer Situation und wollten keine Veränderung. Diese politische Inaktivität wurde von den GWAern, als generelle Passivität der Menschen erklärt.
Oelschlägel meint aber, dass gerade in Armutssituationen ist eine große Aktivität erforderlich um über die Runden zukommen. Die Menschen sind aktiv, aber nicht wie es die GWAer sich wünschen.
Damit scheint die Frage, ob die Menschen eine Aktivierung, wie es die GWA versteht wünschen zunächst mit einem „Nein“ zu beantworten. Doch bevor wir damit einfach das Kapitel abschließen, will ich genauer hinschauen.
Sind die Menschen in Armutssituationen selbstbestimmt? Dazu will ich kurz die Lebenswelt der Menschen betrachten. Lebenswelt ist der Ausschnitt, in dem sich die individuellen Erklärungssysteme von Wirklichkeit miteinander überschneiden (vgl. Oelschlägel, 2003, S.7) oder anders gesagt Lebenswelt ist die selbst konstruierte Welt in der ein Individuum mit anderen Menschen interagiert. Dies klingt zunächst selbstbestimmt, aber jeder Mensch erlebt diese Welt nicht nur als frei sondern, dadurch dass sie sich ja mit anderen Menschen überschneidet, ist sie sehr stark durch Werte, Normen, erlernte Kenntnisse, Gesetze, Eltern, Nachbarn, Arbeit, Schule und anderen Menschen geprägt.
Wenn man die Menschen in ihrer Lebenswelt betrachtet, erkennt man einerseits, dass die Menschen selbst sich Grenzen auferlegen durch bestimmte eigene Standpunkte und Handlungen, anderseits ist ihre Lebenswelt stark durch die Gesellschaft und dem System beeinflusst. Die Lebenswelt wird von Geld (z.B. Hartz IV) und Recht (z.B. Mietrecht) gesteuert ohne, dass sich die jeweiligen Menschen sich dazu äußern können und eigene Vorstellungen entwickeln können.
Das heißt also die Menschen haben in der Lebenswelt durchaus die Möglichkeit zu Veränderung, aber sie sind schwer erreichbar und darum sind sie in gewisser Weise „fremdgesteuert“. Gemeinwesenarbeit will die Handlungsspielräume erweitern und dazu Bedarf es der Aktivierung. Handlungsspielräume erweitern heißt Selbstbestimmung ermöglichen. Selbstbestimmung erreichen heißt Emanzipation und Empowerment und in der GWA Aktivierung ist die Methode, dies zu erreichen.
„Emanzipation heißt die Befreiung der Subjekte (…) aus Bedingungen, die ihre Rationalität und das mit ihr verbundene gesellschaftliche Handeln beschränken.“ (Mollenhauer, 1968, S.27) Dies beschreibt trefflich, die Lage in der die Bewohner stecken. Sie sind in ihrer Handlungsfähigkeit beschränkt und um dies zu verändern Bedarf es Unterstützungsarbeit.
Man könnte diese Unterstützungsarbeit oder Aktivierung aber auch dementsprechend Einmischung nennen, Oelschlägel teilt diese Einmischung in drei Bereiche ein:
1. Prozesse anregen: Dazu werden die im Stadtteil vorhandenen Probleme aufgegriffen und thematisiert. Dabei geht es um Information und Skandalisierung der Probleme und die Auseinandersetzung mit ihnen. Die Methode der aktiven Befragung, die ich noch erläutere, dient hierzu.
2. Prozesse moderieren: Hier ist die Netzwerkarbeit unter den Bewohnern von großer Bedeutung. Eigene Netze mit Nachbarn, gleichgesinnte und Professionelle führen zu erweiterten formellen und informellen Beziehungen. Wichtig hierbei ist inwieweit diese Netzwerke Unterstützung und Solidarität bieten.
3. Prozesse unterstützen: Unterstützung durch Logistik und Beratungen, durch Politisches Know-how, Gremienarbeit und Schulungen.
Ich will jetzt aus der Theorie der drei vorgestellten Konzepte der Gemeinwesenarbeit die Passagen herausarbeiten, in denen Aktivierung geschieht und sehen welche Prozesse berücksichtigt werden.

Aktivierung nach Alinsky
Bei Community Organizing stehen die einzelnen Beziehungen im Stadtteil im Vordergrund, deswegen werden die akuten Probleme im Stadtteil zunächst zurückgestellt und es geht um einen Aufbau eines großen, den gesamten Stadtteil abbildendes Netz. Dieses Netz soll aus sozialen Beziehungen bestehen. In Einzelgesprächen wird heraus gefunden, wie die Person „tickt“. Was für Interessen hat die Person und mit wie vielen Menschen steht die Person in Kontakt. Den die einzelnen egoistischen Interessen führen zum Allgemeininteresse des Stadtteils. Es wird also versucht herauszufinden, warum der Einzelne ein Interesse haben könnte gemeinsame Sache mit dem Stadtteil zu machen.
Das heißt der einzelne wird dadurch aktiviert, dass er weiß warum er mitmachen sollte. Im Gespräch soll für ihn deutlich werden, wenn er mitmacht gewinnt er. In diesen Einzelgesprächen werden aber zunächst Schlüsselpersonen herausgesucht. Menschen, die viele Freunde und Bekannte im Stadtteil haben, so dass ein kleinerer Kreis am Ende doch irgendwie den ganzen Stadtteil abbildet. Diese Schlüsselpersonen treffen sich im Kernkreis und dienen später als Aktivierer ihrer Freunde und Bekannte, wenn es um größere Mobilisierungsaktionen geht und der gesamte Stadtteil gebraucht wird.

Aktivierung nach Oelschlägel und Hinte
Nach Oelschlägel zu Folge sind die Bewohner eines Stadtteils nicht unaktiv, sondern sie bewegen sich in ihren gegebenen Strukturen und haben sich mit denen abgefunden. Es ist keine Passivität. Aktivierung demzufolge gilt der politischen Inaktivität. Diese Inaktivität soll durch Aktivierung zu Aktivität führen. Hier ist es wichtig Einfluß auf die Kosten-Nutzen Analyse der Bewohner zu nehmen. Dies geschieht in dem auf der einen Seite neue Ressourcen zur Verfügung gestellt werden und auf der anderen Seite durch die Erweiterung der Netzwerke der jeweiligen Bewohner.
Hinte geht mit seiner Sozialraumorientierung einen etwas anderen Weg. Die Erweiterung der Ressourcen der Menschen ist ihm auch wichtig, aber er plädiert darauf Ressourcen unauffällig zur Verfügung zustellen.
Bei der aktivierenden Befragung ist ihm wichtig, die Menschen aufzurütteln. Die Frage, die sie den Bewohnern stellen ist: „Was wollen Sie hier ändern?“ Dies soll die Entrüstung der Menschen befördern, aber auch ihre Interesse (ihr „wollen“) von den Wünschen trennen.
Ausführlich beschreiben Treß und Hinte (vgl. Hinte/Treß, 2007, S.30 ff.) den Unterschied zwischen den Wunsch und dem Willen etwas zu verändern. Der Wunsch ist demnach passiv – „das sollen andere tun“; der Wille aktiv – „das will ich verändern“.
Sie kommen zu dem Schluß, dass innerhalb der Befragung der Wunsch vom Willen selektiert werden soll und so finde ich, dem Sozialarbeiter, die Chance und das Risiko geben, willkürlich zu beschließen und zu behaupten: „Das ist nur ein Wunsch“ oder „Das ist doch nicht der echte Wille“ – es gibt ja den „Willen hinter dem Willen“ (Hinte/Treß, 2007, S.33) und fügen hinzu, dass wenn „Menschen nichts wollen, sind sie als Klient/innen für soziale Arbeit ziemlich ungeeignet“ (Hinte/Treß, 2007, S.33). Damit soll aber auch ausgedrückt werden, dass Menschen Veränderung wollen müssen, da ihnen nichts aufgezwungen werden soll, sondern danach gesucht werden soll, was jeder Mensch in seiner Situation mit Hilfe seiner Ressourcen leisten kann, um seine Situation zu verbessern.
Aktivierungsmethoden
Hinte und Oelschlägel nennen zahlreiche Aktivierungsmethoden, die sie verwenden und die ich nun kurz vorstelle. Die bekannteste ist die aktivierende Befragung, die gemeinwesenbezogene Probleme thematisiert, mit dem Ziel das Engagement von Betroffenen zu fördern.
Die Problembereiche werden meist in einer Gemeinwesenbeobachtung erhoben. Dabei werden die vorhandenen Daten wie demographische genauso erhoben, wie der infrastrukturelle Ausbau eines Gemeinwesens (Geschäfte, Verkehrsverbindungen, soziale und kulturelle Einrichtungen, usw.).
Außerdem können Expertengespräche mit Schlüsselpersonen und öffentlichen Personen geführt werden.
Bei der Aktivierung der Bevölkerung werden meist aktivierende Versammlungen, Veranstaltungen, Feste und Öffentlichkeitsarbeit, wie Stadtteilzeitungen uä. durchgeführt. Zu Anfang wird eine Initiativgruppe oder einen Kernkreis gebildet, die gemeinsam mit den Gemeinwesenarbeitern weitere Arbeitsschritte entwickelt.

Aktivierung im Stadtteilmanagement
Aktivierung ist, meiner Einschätzung nach, gar nicht wesentlicher Bestandteil des Stadtteilmanagements. Im Vordergrund steht die Gremienarbeit zu der viele Experten aus der Politik, Wirtschaft und dem Sozialen Bereich mit einigen wenigen, oft ausgewählten, eingeladenen Bürgern zusammenarbeiten und Verbesserungsvorschläge diskutieren und zur weiteren Erarbeitung durch höhere Gremien abstimmen. Die Sitzungen sind öffentlich und durch Mitteilungsblätter wird die Bevölkerung informiert und kann so zu den Sitzungen kommen und mit reden und diskutieren. Abstimmungsberechtigt sind sie jedoch nicht.

Motivation
Verschiedene Interessen spielen eine Rolle, bei der Arbeit im Gemeinwesen. Was möchten die einzelnen Vertreter erreichen und warum werden sie aktiv oder nutzen die Möglichkeit der Aktivierung? Ich will dazu die Motivationen der Sozialarbeiter, Bewohner und des Staates exemplarisch herausgreifen und beschreiben. Diese Beschreibungen sind natürlich nur Beispielhaft, da jeder Mensch anders denkt und tickt. Ich versuche mich in die Lage der einzeln hineinzuversetzen und ein homogenes Bild dessen abzugeben.

Motivation des Sozialarbeiters
Da wie gesagt verschiedene Sozialarbeiter, verschiedene Sicht- und Denkweisen haben ist diese Motivationsbeschreibung nicht unbedingt vollständig und richtig. Ich gehe hier einfach von mir als Sozialarbeiter aus. Was wäre meine Motivation?
Es geht darum Bewohner zu ermächtigen eigenständige, selbstbewußte Menschen zu sein, die ihren Stadtteil formen und ihn zu einem für sie selbst lebenswerten Ort zu machen und dabei Politik und Wirtschaft zu herauszufordern mehr für dieses Ziel gemeinsam zu investieren. Das heißt ich gehe davon aus, dass die Bewohner dies auch für sich erhoffen und träumen, aber dies aus vielen Gründen nicht tun können und wollen.
Ich nutze Aktivierung um den Menschen ihre Handlungsspielräume zu verdeutlichen, ihnen klar machen zu können, dass gemeinsam mehr möglich ist und ihre Träume erreichbar wären. Aktivierung soll also Grenzen überwinden und Visionen eröffnen.
Aktivierung muß etwas emotionales sein. Dabei ist es natürlich wichtig immer wieder die Grenzen und Schwierigkeiten auf dem Weg zu einer Lösung zu verdeutlichen und wahrzunehmen.

Motivation der Bewohner

Um es wieder mit Oelschlägel auszudrücken, sind die Bewohner bereits aktiv. Ihre Motivation ist es sich den gegebenen Umständen anzupassen und das Beste für sich dabei heraus zubekommen ohne allzu großen Aufwand zu verursachen. Zu politischer Aktivität lassen sie sich nur hinreißen, wenn die Kosten-Nutzen Analyse einen größeren Nutzen erbringt. Sollte es also einen Weg geben leichter zu ihren Interessen zu kommen, in dem jemand anderes es für sie tut, so erweisen sich die Bewohner, als „klug agierenden Klientenschaft, die diese Hilfsbereitschaft in pfiffiger Weise für sich nutzen weiß“ (Hinte/Treß, 2007, S.35) und so ihre Handlungsfähigkeit nicht erweitern und in ihrem Alltagstrott verharren.

Motivation des Staates
Die Schlagwörter „Aktivierender Staat“ und „fördern und fordern“ haben die Amtszeit Gehard Schröders mit der Einführung von Hartz IV geprägt. Anders als die Aktivierung der GWA handelt es sich hierbei um einen obrigkeitsstaatlichen Eingriff in die individuelle Lebensplannung. Da wird durch Sanktionen aktiviert. Eine solche Erpressung ist das genaue Gegenteil zur Einmischung der GWA.
Es gibt keine diskursive Lösungsstrategie, keine partnerschaftliche Zusammenarbeit oder eine parteiliche und engagierte Interessenvertretung aus der Bewohnerperspektive.
Partizipation, also Machtabgabe, damit auch Bewohner ihre Lebenswelt gestalten können gibt es nur soweit, dass sich die Politik eine weitere Legitimation holen kann. Das Argument, ihr habt uns gewählt, reicht zunehmend, wahrscheinlich dank der geringen Wahlbeteiligungen, nicht mehr aus. Das Programm der „Sozialen Staat“ mit ihrem Stadtteilmanagement bietet die Plattform, in der Politiker mit Experten in einer erhöhten der Öffentlichkeit diskutieren und so ihre Entscheidungen besser wahrgenommen und verstanden werden können. Wenn Bewohner aber gegensätzliche Interessen, als die der Politik haben, so haben diese wenig Einfluß und so erhöht sich die Politikverdrossenheit der Bewohner um so mehr.

Fazit
Aktivierung ist in meinen Augen eine der menschlichen Natur entgegengestellte Aktion. Die Motivation der Bewohner zeigt, dass sie sich mit den Lebensumständen schnell zu recht finden und nicht eine Verbesserung anstreben.
Als Geheimauftrag würde ich die Aktivierung dennoch nicht beschreiben. Der Sozialarbeiter geht zwar nicht zu den Menschen und sagt: „Hey, ich möchte dich jetzt aktivieren“, aber in allen Formen der GWA versteckt der Sozialarbeiter seine Haltung der Einmischung nicht. Gerade in der aktivierenden Befragung wird mit der Frage „Was wollen Sie hier ändern?“ die Erwartungshaltung des Sozialarbeiters nicht kaschiert sondern direkt angesprochen. Aber es wird deutlich, das Aktivierung bedeutet nicht unbedingt die Interessen der Menschen zu vertreten, sondern an ihren Interessen entlang zu arbeiten. Veränderung und Verbesserung heißt immer auch zunächst Opfer zu bringen, dies kostet Überwindung und Kraft. Der Gemeinwesenarbeiter muß also auch in gewisser weise fordern. Aber in eine andere Richtung, als der aktivierende Staat. Anstatt sich an die gegebenen Umstände anzupassen, soll der Mensch die Umstände nach seinen Vorstellungen verändern.
Der Gemeinwesenarbeiter kämpft mit Aktivierung entgegen der menschlichen Natur der Anpassung, die Form und der Begriff Aktivierung ist dabei nicht geheim, aber es muß bewußter und deutlicher genannt werden, dass diese Form von den Menschen zunächst nicht gewollt ist.
Die Gefahr, die ich sehe, ist vielmehr die der Entmündigung der Bewohner. Einerseits durch den Sozialarbeiter, wenn er mit seiner Hilfsbereitschaft, die Menschen doch umsorgt und nur für ihre Interessen kämpft, ihnen aber nicht die Möglichkeit gibt selbst zu überlegen und zu handeln und anderseits durch den aktivierenden Staat, der versucht eine Unterstützung seiner Politik durchzusetzen und nicht den Menschen mehr Handlungsspielräume einräumt sondern die Bevölkerung nur für seine Zwecke mißbraucht.

Literaturverzeichnis

Alinsky, Saul D. (1999): Anleitung zum Mächtigsein. Ausgewählte Schriften., 2. Aufl., Göttingen

Hinte, Wolfgang; Treß, Helga (2006): Sozialraumorientierung in der Jugendhilfe (Basistexte Erziehungshilfen), Weinheim und München

Hinte, Wolfgang; Lüttringhaus, Maria; Oelschlägel, Dieter (2007): Grundlagen und Standards der Gemeinwesenarbeit, 2. aktl. Aufl., Weinheim und München

Mollenhauer, Klaus (1968): Erziehung und Emanzipation, München

Oelschlägel, Dieter (1994): Gemeinwesenarbeit im Armutsquartier, In: Neue Praxis Jg. 1/94

Oelschlägel, Dieter (2004): Selbstständig in der Lebenswelt – der Beitrag der Gemeinwesenarbeit, http://www.asfh-berlin.de/hsl/docs/3025/selbststaendigkeit.pdf, zuletzt besucht 25.03.2008

Oelschlägel, Dieter (2006): Beteiligung und Aktivierung in der Stadtgesellschaft, http://212.12.126.151/cms/index.php?option=com_content&task=view&id=97& Itemid=253, zuletzt besucht 25.03.2008

Penta, Leo; Hrsg. (2007): Community Organizing. Menschen verändern ihre Stadt (Amerikanische Ideen in Deutschland), Hamburg

Schnee, Renate (2004): Skriptum Gemeinwesenarbeit, http://www.telesozial.net/cms/uploads/tx_kdcaseengine/Skriptum_ Gemeinwesenarbeit _Renate_Schnee_102004.pdf, zuletzt besucht 25.03.2008

Tewes, U.; Hrsg. (1992): Psychologie-Lexikon, Wien

Wendland, Anja (2002): Mitbestimmung oder Beteiligung im Laufstall? Zur Diskussion um Partizipation in der sozialen Stadtentwicklung, Bielefeld

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