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Die Entwicklung von Community Organizing in den USA

Von adigwe | 25.November 2008

Alinsky, auch als „Radikalinsky“ (Taghizadegan, 2008) verspottet, wurde gerne als Kommunist und Radikaler verschrien. Auch wenn sich Alinsky gegen solche Kritik nicht zur Wehr setzte, da diese ihn bei seinem Erfolg und im Ansehen in der Bevölkerung verbesserten, so bestand Alinsky immer auf eine undogmatischer Arbeitsweise und wollte nicht in eine politische Richtung eingebunden oder einer zugeordnet werden (Rabe, 1999, S.12). Dennoch kann nicht darüber hinweg gesehen werden, dass Community Organizing eine politische Richtung unterstützt oder auch von anderen genutzt werden kann. Darum ist es mir wichtig, Community Organizing zur Zeit Alinskys bis heute in seinen politischen Werten und Ideen zu untersuchen und herauszufinden welchen Interessen Community Organizing zu seiner Zeit und heute dient und dienen könnte. Community Organizing gibt es sicherlich in vielfältigen Formen und wird durch viele verschiedene Organisationen in Amerika unterstützt und betrieben. Ich möchte mich aber hierbei auf die Organisation, die von Alinsky ins Leben gerufen wurde beschränken.

Anfänge in den USA

Auch wenn viele Alinsky als den Erfinder von Community Organizing beschreiben, ist es durchaus zu sehen, dass Alinsky, aus seiner eigenen Biografie heraus, Ideen aus der Gewerkschaftsarbeit und auch der Sozialarbeit entnommen hat, was unter anderem im nächsten Kapitel, in der ich die Biographie Alinskys vorstelle, deutlich wird.

Ideengeschichtlich kann man aber durchaus noch einen Schritt weitergehen und in die geschichtliche Vergangenheit der USA schauen.

Rahim Taghizadegan schreibt in seiner Analyse über „Die Ideengeschichtlichen Hintergründe der politischen Lager in den USA“ (Taghizadegan, 2008) für die liberale Gruppierung „Wertewirtschaft“ über die Historie der USA. Dabei wird deutlich welchen Einfluß Community Organizing in den USA hatte, aber auch welchen Einfluß es auf die Idee von Community Organizing aus der Geschichte heraus gab.

Im 18. Jahrhundert, so schreibt Taghizadegan, lebten die meisten Amerikaner in kleinen Siedlungen, die in Gemeinschaften zusammengeschlossen waren. Da viele der Amerikaner wegen religöser Verfolgung aus Europa ausgewandert waren, waren viele dieser Siedlungen von protestantischen Gemeinschaften bestimmt. Diese Gemeinschaften kontrollierten die Lebensweise jedes Einzelnen. Taghizadegan beschreibt dies als eine Form von Kollektiven. Amerika war groß genug, so dass Menschen, die sich nicht mit einer Gemeinschaft zufrieden geben wollten oder mit ihr in Konflikt geraten waren an einer anderen Stelle ein neues Zuhause aufbauen konnten. Diese Form von Gemeinschaft bildete das Idealbild einer amerikanischen Gesellschaft.

Auch aus der Revolution gegen die englische Herrschaft und deren Steuern und Gesetze heraus, erwuchs eine Abneigung gegenüber einer Übermacht des Staates in Amerika (Wessels, 2004, S.7). Mit der Industrialisierung und der Verstädterung verfiel diese Form, besonders in den großen entstehenden Megacities, aber die Idee blieb erhalten und das Hull House von Jane Addams ist ein gutes Beispiel, wie damit umgegangen wurde.

In der neueren Zeit erhielt die Idee neuen Aufwind im Kommunitarismus, wie ich später erläutern werde. Zunächst will ich nun aber auf das Leben von Saul Alinsky eingehen.

Saul David Alinsky

Saul Alinsky, wurde geboren am 3. Januar 1909 in Chicago und wächst dort in einem Slum auf. Seine Eltern sind russische Immigranten und jüdisch orthodox. Saul Alinsky studiert mit 17 Jahren Archäologie. Im dritten Studienjahr beteiligt sich Alinksy an Solidaritätsaktionen für Bergarbeiter im Süden Illinois, die sich gegen den radikalen Gewerkschaftsführer John L. Lewis erheben. Er sammelt Lebensmittel um sie den Arbeitern zu bringen. Er wird dabei von einem Sheriff ins Gefängnis gesperrt. 1930 beendet Alinsky sein Studium. Er fand, in der Zeit der großen Depression keinen Job. Er aß Kostproben in Delikatessengeschäften bis er nach einem Monat von Sicherheitsleuten raus geworfen wurde. Alinsky bekommt plötzlich ein Stipendium um eine Doktorarbeit im Kriminologie zu schreiben. Er beginnt die Doktorarbeit in dem er sich mit den Banden von Al Capone anfreundet um ihre Verhaltensweisen zu studieren. Seine Doktorarbeit schreibt er nie zu Ende, gewinnt aber zahlreiche Einblicke in das Leben der Stadt. Er arbeitet danach drei Jahre in einem Gefängnis als Kriminologe. Er kündigt und möchte die Ursachen der Kriminalität bekämpfen. Er sammelt Spenden für die Internationalen Brigaden und beteiligt sich an Streiks von Gewerkschaften, dabei freundet er sich nun mit dem Gewerkschaftsführer John L. Lewis an. Schließlich geht er in den Slum von Chicago zurück um dort die erste Bürgerorganisation aufzubauen. Anstatt an die Moral der Menschen zu appellieren, redet er mit den Menschen über ihre eigenen Interessen. Die Menschen im Viertel „Back of the Yards“, das er organisierte, hatten nichts, aber sie waren viele. Wenn sie organisiert wären und zusammen arbeiten würden, hätten sie die Macht Druck auszuüben. Sie wären nicht mehr Opfer sondern Handelnde. Für diesen Blick wurde Alinsky in den Medien als Radikaler und Rebell verschrien. Er lehnte diese Bemerkungen nicht ab, sie verhalfen ihn nur mehr Menschen in der Bevölkerung zu gewinnen (Rabe, 1999, S.7ff).

Alinsky war kein Kommunist, er war viel mehr Basisdemokrat und stellte dabei „die Menschenrechte weit über die Eigentumsrechte“ (Alinsky, 1999, S.30). Er kämpfte gegen Machtkonzentration und Privilegien und übte mit den Menschen Macht aus, in dem sie Boykotte ausriefen und Streiks und Besetzungen durchführten und ihre Stärke demonstrierten. Er mobilisierte tausende von Bürgern, die sich an der Bürgerplattform beteiligen. Die Reichen verfügen über Macht durch viel Geld. Dadurch, dass sie die Produktionsmittel besitzen, können sie ihre Interessen in der Gesellschaft durchsetzen. Da die Besitzlosen über kein Geld verfügen, können sie sich nur durchsetzen, wenn sie eine andere Form von Macht entwickeln. Diese Form der Macht ist ihre große Zahl von Personen. Eine solche Masse an Menschen kann aber nur organisiert produktiv sein und somit große Errungenschaften einfordern und umsetzen.

Alinsky sagt: „Macht ist eine wesentliche Lebenskraft, die immer wirkt, entweder zur Veränderung der Welt oder zur Verhinderung von Veränderung“ (Alinsky, 1999, S.44)

Die Industrial Areas Foundation (IAF)

Nun aber zu der Entwicklung von Community Organizing in den USA. Im Jahr 1940 wird die Industrial Areas Foundation (IAF) gegründet, sie ist heute die älteste und größte Organisation für Community Organizing in den USA. Neben der IAF gibt es noch zahlreiche andere Organisationen, die Community Organizing durchführen. Die IAF ist aber durch Alinsky gegründet, die ursprünglichste und die erfolgreichste. Auch die Vertreter von Community Organizing in Deutschland haben ihre Wurzeln beim Community Organizing der IAF. Deswegen will ich mich bei der Ausführung der Entwicklung von Community Organizing, mit der Beschreibung der IAF begnügen, sie macht die Veränderung auch im allgemeinen deutlich (Mohrlok, 2001, S. 1ff. sowie Rösli, 2006, S20ff.).

Alinsky wollte seine Arbeit als Organizer mit einer eigenen Organisation fortsetzen. Dazu gründete er mit dem katholischen Bischof Bernhard J. Shiel und dem protestantischen Millionär Marshall Field III die IAF. Durch die große Spende von Marshall Field, frei jeglicher Bedingung, konnte die IAF autonom und unabhängig agieren. Wichtigste Aufgabe bis heute ist der Aufbau von Community Organisationen und Trainings und Ausbildung von Organizern. Die Organisation wurde von Alinsky geführt, diese Führung wurde aber von ihm bewusst schwach gehalten und die IAF sollte möglichst unbürokratisch ablaufen.

Der Aufbau einer Bürgerplattform sollte in den bereits beschriebenen drei Phasen ablaufen: Gesprächsphase, Phase der Ausbildung der Schlüsselpersonen und die Umsetzungsphase (Mohrlok, 2001, S. 1ff. sowie Rösli, 2006, S20ff.).

Für Alinsky war es wichtig, dass jede dieser Bürgerplattformen nach 3-4 Jahren unabhängig von der IAF wurde und in die Selbständigkeit entlassen wurde. Die IAF wurde in einem Gemeinwesen nur auf Einladung aktiv. Bis zu seinem Tod im Jahre 1972 war Alinsky Direktor der IAF (Rösli, 2006, S20ff.).

IAF heute

Nach dem Tod Alinskys übernahm Ed Chambers die Leitung der IAF. Ed Chambers arbeitete schon seit über 15 Jahren für die IAF und war von Alinsky sehr geschätzt worden. Ed Chambers strukturierte und professionalisierte die IAF.

Um die IAF weiterhin finanziell unabhängig zu halten, wurde mit dem Grundsatz der Entlassung, der einzelnen Bürgerplattformen aus der IAF gebrochen. Die Bürgerplattformen sind heute per Vertrag verpflichtet einen Mitgliedsbeitrag zu leisten und erhalten dafür Unterstützung und Ausbildung seitens der IAF. Meistens ist der Mitgliedsbeitrag der höchste Prozentsatz der Ausgaben der Bürgerplattformen (Mohrlok, 2001, S.2). Die Finanzierung jeder einzelnen Bürgerplattform steht aber nach wie vor Jahr für Jahr auf der Probe und die Mitglieder (meist aber der Organizer selbst) müssen die Finanzierung sicherstellen. Dabei steht die finanzielle Unabhängigkeit der Plattform im Vordergrund. Öffentliche Gelder werden grundsätzlich abgelehnt.

Die erste Phase, die Gesprächsphase, die unter Alinsky auch der Themenfindung dienen sollte, wurde zur reinen Beziehungsphase. Dadurch wird der Individualisierung der Gesellschaft entgegen gearbeitet und es wird für diese Phase ein sehr langer Zeitraum eingeräumt. Die erste Phase dauert meist um die zwei Jahre. Ein Organizer soll in dieser Zeit 30 Einzelgespräche pro Woche durchführen (ebd., S.5). In dieser Phase wird bereits eine schriftliche Machtanalyse erstellt.

In der zweiten Phase wird das Team zusammengestellt. Marion Mohrlok stellt das King County Organizing Projekt (KCOP) aus Seattle vor. Hier besteht das Team aus einem Vorstandsgremium, das sich alle zwei Wochen trifft und das Strategieteam, das aus zwei Repräsentanten pro Mitgliedsorganisation besteht und das sich alle zwei Monate trifft (ebd., S.2).

Um eine Evaluation und eine Kontrollfunktion zu haben hat jeder Organizer und jede Schlüsselperson einen Mentor oder Supervisor, dies zieht sich bis hoch zu Ed Chamber durch. Dies dient zum einen der gegenseitigen Kontrolle und zum anderen der Qualitätssicherung (ebd., S.4).

Die IAF hat mittlerweile eine durchgearbeitete Struktur und ist sehr professionalisiert, sie hat genaue Anweisungen und Tipps und Training ausgearbeitet, die den Mitgliedsorganisationen helfen.

War die Ebene auf der Community Organizing zu Zeiten Alinskys arbeitete im lokalen Bereich verankert, so sind es heute mehr und mehr regionale Netzwerke die gebildet werden; dies ist durchaus im Einklang von Alinsky, der dies forderte, aber nie umsetzen konnte.

Veränderungen in der IAF

Dadurch dass die IAF Mitgliedsbeiträge erhebt, kommen nun mehr Kosten für jede Bürgerplattform auf. Die Gefahr die daraus entsteht ist, dass es schwieriger ist genügend Finanzmittel aufzutreiben und so ist es schwieriger für eine Bürgerplattform langfristig gut aufgestellt zu sein.

Ein zu beobachtendes Phänomen ist, dass anders als bei Alinsky weniger konfliktreiche Aktionen gewählt werden und das dadurch, dass die Organisationen bereits einen Namen haben, eher Verhandlungen im Vordergrund stehen. Matthias Rothschuh sieht dies folgendermaßen:

„Konfrontative Formen treten in den Hintergrund, Verhandlungen auf der Basis bereits anerkannter Organisationen in den Vordergrund. Damit aber ist die Aktivität der Menschen vor Ort, um die es geht, nicht das alles entscheidende Zentrum, sondern eher etwas, was die Verhandlungsführer stärkt, aber nicht unbedingt erst bemächtigt. Die Aktion beim Bürgermeister hat dann nach meinem Eindruck einen ähnlichen Stellenwert wie ein jubelnder Parteitag: Stärke zeigen, aber mehr die der Führenden als der Mitglieder selbst“ (Rothschuh, 2007b).

Die Veränderung von lokalen zu regionalen Organisationen, hat einerseits Vorteile, da staatliche Verwaltungen, Firmen und Banken nicht auf der lokalen Ebene arbeiten, dadurch können aber auch die lokalen Probleme, die die Menschen beschäftigen eher verloren gehen (Rösli, 2006, S.24).

Einerseits werden die Schlüsselpersonen durch die längere Phase der Beziehungsarbeit besser an das Gemeinwesen zurückgebunden und repräsentieren dementsprechend besser den Stadtteil, anderseits ist es sehr schwierig Einfluß auf die oberen Ebenen der IAF zunehmen. Durch die Bindung der Mitgliedsorganisationen an die IAF und die Zahlung von Mitgliedsbeiträgen, wird aber ein solcher Einfluß zunehmend wichtiger (Rothschuh, 2007a).

Ob diese Veränderung der IAF auch dazu führt, dass in Deutschland neu von der Idee des Community Organizing gesprochen wird will ich weiterhin untersuchen.

Community Organizing in der heutigen Politik der USA

Die Demokraten haben Community Organizing für sich entdeckt. Barack Obama bekennt sich zum Community Organizing, er selbst hat als Organizer in Chicago gearbeitet. Er finanziert seinen Wahlkampf mit kleinen Einzelspenden und hofft auf die Grass-Roots-Bewegungen in Amerika. Hillary Clinton hat eine Arbeit über Community Organizing verfasst und hätte beinahe in der IAF gearbeitet (Taghizadegan, 2008).

Aber auch George Bush hatte bei seinem Antritt ein Programm verabschiedet, das Bürgerinitiativen und religösen Vereinigungen Finanzmittel einräumte und Hoffnungen auf diese Bewegungen setzte (Rothschuh, 2007a).

Damit zeigt sich das Interesse der Politik an Community Organizing und das dementsprechend die Organisationen durchaus Einfluß haben; anderseits zeigt es aber auch, dass die IAF und andere Organisation an ihrer politischen Unabhängigkeit erfolgreich festhalten konnten.

Literaturverzeichnis

Alinsky, Saul D. (1999): Anleitung zum Mächtigsein. Ausgewählte Schriften, 2. Auflage, Lamuv Verlag, Göttingen.

Mohrlok, Marion (2001): Politik beginnt bei den Leuten! Organizing im Stile der „Industrial Areas Foundation“, Stadtteilarbeit.de, zuletzt besucht am 13.04.2008 unter http://212.12.126.151/cms/index2.php?option=com_content&do_pdf=1&id=92.

Rabe, Karl-Klaus (1999): Vorwort zur 1. Auflage; in: Alinsky, 1999, S. 7-18.

Rösli, Ursula (2006): Von der „Aktion“ zur Institution – Die Entwicklung der Industrial Areas Foundation; in: Schmid et. al, 2006, S. 20-25.

Rothschuh, Michael (2007a): Community Organizing in den USA, Rothschuh.de, zuletzt besucht am 14.03.2008 unter http://rothschuh.de/CO_2_USA.htm.

Rothschuh, Michael (2007b): Industrial Areas Foundation (IAF): professionelles Netzwerk für Organisationen des CO, Rothschuh.de, zuletzt besucht am 14.03.2008 unter http://rothschuh.de/CO_6_IAF.htm.

Schmid, Sandra; Meyer, Dominique; Rösli, Ursula; Romer, Jann; Müller, Simon; Stössel, Marianne (Hrsg.) (2006): Sozial Radikal. Saul Alinsky – Auf den Spuren seines Community Organzing, Homepage von FOCO, zuletzt besucht am 14.03.2008 unter http://fo-co.info/Sozial%20Radikal.pdf.

Taghizadegan, Rahim (2008): Die ideengeschichtlichen Hintergründe der politischen Lager in den USA, Wertewirtschaft.org, zuletzt besucht am 14.03.2008 unter http://wertewirtschaft.org/magazin/?id=4618&q=Die+ideengeschichtlichen+Hintergr%C3%BCnde+der+politischen+Lager+in+den+USA.

Wessels, Lutz (2004): Organisieren oder entwickeln lassen. Community Organizing und Community Development, Homepage FOCO, zuletzt besucht am 14.03.2008 unter http://fo-co.info/Wessels_CO_CD.pdf.

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